Fernsehfilm Geschichte, mal ehrlich
Endlich ein guter Fernsehfilm über den Zweiten Weltkrieg: Das ZDF zeigt Joseph Vilsmaiers »Gustloff«
Der Krieg ist ein Meister aus Deutschland. Er trägt Korvettenkapitänsmütze, Marine-helferinnenabzeichen, Parteiuniform, Stahlhelm oder einfach nur diese entschlossene Endsiegmiene, damit die Flüchtlinge, die überleben wollen, gleich wissen, dass sie »in diesen schweren Zeiten« nicht auf Schonung hoffen dürfen. Denn der Krieg hat ein Herz aus Stahl. Er ist eine Maschine aus U-Booten, Flakgeschützen, Bombern. Er schläft Gewehr bei Fuß und in Uniform, Zivilisten aber sind für ihn Ballast, der die zügige Überfahrt frischer Soldaten von Gotenhafen nach Kiel behindert. Rettungsboote braucht er nicht, Geleitschutz lehnt er ab. Dieser Meister aus Deutschland opfert leichthin deutsche Frauen und Kinder, vorher bezichtigt er sie noch mangelnder Siegesgewissheit und klaubt aus der Masse der Todgeweihten ein paar brauchbare Halbwüchsige für den Volkssturm heraus.
Wer hätte gedacht, dass Guido Knopps Geschichtswerkstatt einmal einen konsequent antirevisionistischen Antikriegsfilm über das Ende des Dritten Reichs produzieren könnte? Ausgerechnet der Untergang der Wilhelm Gustloff, des berühmten Passagierdampfers, der am 30. Januar 1945 in der Ostsee sank, ist jetzt ohne jede nationale Selbstgerechtigkeit verfilmt worden. Die ZDF-Version der viel beschriebenen Flüchtlingstragödie handelt nicht nur vom Leid der Opfer, der Panik auf dem leckgeschossenen Schiff, dem Sturz ins eisige Wasser, dem Ertrinken-Erfrieren-Erschlagenwerden inmitten wogender Trümmer, handelt nicht nur von der Schuld Hitlerdeutschlands am Zusammenbruch, sondern auch konkret von der militärischen Dummheit, Kaltschnäuzigkeit, Willkür, die zum Verlust des KDF-Kahns führte und 9000 Tote forderte.
Man kann Joseph Vilsmaiers Gustloff auch ein Fernsehwunder nennen. Denn hier wird vom Kriegsende in einem ganz anderen, unheroischen Stil erzählt, als ihn deutsche Filmemacher in den letzten Jahren pflegten. Endlich einmal kein pompöser Revanchismus! Kein tränenseliger Patriotismus! Im Rückblick summieren sich Blockbuster wie Der Untergang, Dresden, Die Flucht nebst zahllosen Dokudramen ja zu einem Exzess des Selbstmitleids. Als Rechtfertigung wiederholten Produzenten gebetsmühlenartig die Klage, dass die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten sechzig Jahre lang von der Geschichtswissenschaft beschwiegen worden sei. Sie führten das überraschende Publikumsinteresse am neuen Geschichts-TV (das kürzlich auch Fernsehfilmen über den Mauerfall Traumquoten bescherte) zusammen mit einer neuen Sehnsucht nach vaterländischer Selbstvergewisserung in Zeiten der Globalisierung. Weil zudem die Kommentatoren aller Kanäle das schöne schwarz-rot-goldene Wirgefühl beschworen, weil das Wort »Schuldkult« aus der rechtsradikalen Rhetorik unversehens in die politische Debatte wanderte, wurde namhaften Zeithistorikern mulmig.
Norbert Frei fragte besorgt, ob wir momentan noch unseren Ruf als Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung verteidigten: »Oder ist, was unter diesem Rubrum verhandelt wird, inzwischen etwas ganz anderes als jene Kultur der selbstkritischen Auseinandersetzung, die sich in den sechziger Jahren herausbildete und die Gesellschaft der Bundesrepublik prägte?« Micha Brumlik kritisierte den »deutschen Opferdiskurs« anhand von Günter Grass’ Gustloff-Novelle Im Krebsgang und befand, das Trauma der Vertreibung lasse sich jedenfalls »nicht durch Gedenkpolitik heilen«.
Wodurch dann? Vielleicht durch Spielfilme wie diesen spröden, zu nationalstolzer Identifikation ganz ungeeigneten Gustloff. Man muss sich eine gigantische schwimmende Kaserne vorstellen, überladen mit erschöpften Flüchtlingen aus ganz Ostpreußen, ein mythisches Totenfloß im grauen Anstrich des Zerstörers, wie es auf nachtschwarzer See dümpelt. Drunten lauern schon russische U-Boote. Aber die deutschen Kapitäne auf der Kommandobrücke streiten noch über den Kurs. Nachdem die Gustloff Gotenhafen ohne das übliche Geleit aus Minensuchern und ohne genügend Rettungsboote verlassen hat, schaltet sie nun aufgrund einer verdächtigen Kollisionswarnung ihre Positionslichter ein. Bei Befehlsnotstand setzt sich immer der dümmste Kapitän durch: Erst gibt es strahlende Weihnachtsbeleuchtung, dann detonieren die Torpedos.
Vilsmaiers Film ist aber nicht krachend wie Roland Suso Richters Dresden und nicht melodramatisch wie Kai Wessels Flucht, ist weniger glatt erzählt, dramaturgisch zuweilen wirr und gerade darum überzeugend. Der Krieg erscheint hier nicht als Hochglanzapokalypse, sondern als jenes chaotische Ausgeliefertsein, das er wahrscheinlich wirklich war. Wenn die Kettenhunde der Wehrmacht im Kieler Hafen warten, um aus dem Häuflein Geretteter nochmals ein paar blasse Jungen als Kanonenfutter zu selektieren, wenn die beiden zynischsten der sämtlich überlebenden Kapitäne sich davonschleichen, dann mischt sich in den »deutschen Opferdiskurs« die nötige Bitterkeit.
Das Wir, das hier inszeniert wird, ist ein disparates Wir. Wir waren die Feigen und die Mutigen, die Brutalen und die Anständigen, die Denunzianten und Denunzierten. Wir haben eine Vergangenheit, die sich als Stoff für deprimierende und erhebende Filme eignet. Man bewältigt sie am ehesten durch ehrliches Erzählen. Darin hat Trauer um die Opfer ebenso Platz wie Wut auf eine unfähige Kriegsmarine, ein gewisses Untergangspathos ebenso wie dieser fatalistische Hitlerwitz, der auf der Gustloff zum Besten gegeben wird: »Was ist der Unterschied zwischen einem Leberkranken und dem Führer? – Der eine ist leberleidend, der andere leider lebend.«
- Datum 01.03.2008 - 10:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
- Kommentare 4
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Danke Frau Finger, dass Sie mich über Guido Knopp und seine Hintertriebenheit aufgeklärt haben. Ich hätte wirklich nie gedacht, dass es sich bei diesem Scheinheiligen doch tatsächlich um einen gefährlichen Revisionisten handelt. Wahrscheinlich entpuppen sich jetzt demnächst auch noch Jan Philip Reemtsma und sein Handlanger Hannes Heer als heimliche Faschos. Immerhin haben sie ja bei der Kriegsverherrlichung 'Wehmacht - eine Bilanz' zusammengearbeitet.
Wohltuend Ihr völlig richtiger Tonfall, wenn Sie von der Gustloff als "KDF-Kahn" sprechen. Diese Revisionisten wie Knopp schaffen es womöglich sonst noch, den Zuschauern einzuflüstern, es hätte sich bei den Passagieren um Menschen gehandelt, die da völlig zu Recht ersäuft wurden.
Ich kann sie auch nicht mehr sehen, die seit Jahren uns überflutenden Machwerke voll von "pompösem Revanchismus" und "tränenseligem Patriotismus". Ich erinnere mich noch gut an meinen Kinobesuch des "Untergang" (als ob da irgendetwas untergegangen wäre) als das fanatisierte Publikum mit Tränen der Wehmut in den blauen Augen aufsprang und bei Hitlers Abgang gemeinsam ausrief "Führer wir danken Dir!" und sofort die erste Strophe der Nationalhymne anschlug. Zum Kotzen, wir Deutschen.
Es ist genau wie Sie sagen: Immer wieder wird behauptet, dass die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten sechzig Jahre lang von der Geschichtswissenschaft beschwiegen worden sei. Ich bitte Sie! Haben diese Verharmloser noch nie Unterricht an einer deutschen Schule mitgemacht? Mindestens einmal im Jahr gibt es in jeder Klasse Gedenkausflüge zum Tannenbergdenkmal und Kranzniederlegungen am Grab des unbekannten Soldaten! Hat ein deutscher Schüler je was von Anne Frank oder dem Holocaust im Allgemeinen gehört? Siehste. Stattdessen von morgens bis abends diese Vetreibungslitanei. Meine langhaarigen Lehrer haben es mir immer wieder versucht einzuimpfen: Vergiss niemals Nemmersdorf! Opferdiskurs vorne und hinten.
Zum Glück arbeiten noch Aufpasser wie Sie in der deutschen Presse.
Über acht Millionen sahen den ersten Teil. Damit war dieser Film erfolgreicher als jede andere Sendung an diesem Abend.Vilsmeier ist aufgrund seiner früheren Arbeiten Garant dafür, dass es die Gratwanderung zwischen Idealisierung und pauschaler Schelte gelingen wird. Dabei bleibt es ein Projekt, das über 10 Millionen Euro kostet. Es braucht dann filmische Elemente( Liebesgeschichte, Erzeugung von Spannung durch eine Spionage usw), die diesen Einsatz der Mittel rechtfertigen. Vilsmeier meint, mit einer Dokumentation würde man eine solche Anzahl Menschen nicht erreichen.Und die Nachfrage beim ersten Teil zeigt, er hat wohl Recht
Das ist doch kompletter Quatsch, was Sie da schreiben! Die Reaktionen auf den Film "Der Untergang" -- wer soll das glauben? Ich habe solche Reaktionen nicht erlebt und auch nie von solchen gehört -- eine unglaubwürdige Erfindung. MachetJunge, wie lange ist es her, seit Sie Antifaschismus studiert haben? Jedenfalls haben Sie seitdem konsequent die Augen vor der Realität verschlossen.
Noch größerer Quatsch ist die Behauptung über den Schulunterricht. Kein einziger unserer Lehrer wagte zu erwähnen, dass (nichtjüdische) Deutsche möglicherweise auch Opfer gewesen sein könnten, und wer in den 80er Jahren Namen wie Nemmersdorf auch nur erwähnte, wurde von den Mitschülern als Fascho betrachtet und von den "langhaarigen Lehrern" mit eisiger Verachtung gestraft. Der wahre Grund für letzteres war dabei wahrscheinlich nicht mal nur ideologisch: Die Lehrer hatten diese Namen bereits in ihrem eigenen Studium nicht kennengelernt, weil sie sich dafür nicht interessiert hatten, und sie hassten es, nach Dingen gefragt zu werden, die sie nicht wussten. Hingegen beschäftigten wir uns praktisch ununterbrochen mit den Naziverbrechen.
Nichts dagegen, aber dass MachetJunge dermaßen unverschämt lügt und sein Kommentar dann noch 5-Stern-Bewertungen honoriert wird, das ärgert.
Hatte heute am Tage hier nen Artikel gelesen, der auf der Startseite war, der in die Richtung des ersten Kommentars hier ging; so mit "Knoppaganda" *lol* und kritischen Anmerkungen über diese "pseudodokumentarischen Geschichtsrevisionen". Ist aber scheinbar w wie weg.Ich denke auch, daß (ohne die gesehen zu haben) diese Filme nicht unbedingt zur Wahrheitsfindung beitragen und die Vermischung aus Tatsachen und "künstlerischer Freiheit" nicht unbedingt zielführend ist. Kann mich noch dran erinnern, als '92 (oder so) "Schindlers Liste" hier quasi "Pflicht" wurde für uns Schüler. Da hab ich mich geweigert, mit ins Kino zu fahren per Reichsbahn (wohn in der Provinz), obwohl es von irgendjemanden bezahlt worden wäre. Ich halte auch nicht viel von der "Kollektivschuld"-These; der angebliche Umkehrschluß daß ein großer Teil der Leute früher durch den Gröfatz quasi besoffen gemacht wurde ist aber auch fürn Ar***.
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