KUNSTMARKT Warum werden Wohnhäuser wie Gemälde versteigert?
Der Denkmalschutz ist in den Vereinigten Staaten noch immer eine weitgehend freiwillige Angelegenheit. Der National Trust for Historic Preservation bemüht sich zwar nach Kräften, das Bewusstsein des Landes für seine historischen Stätten zu wecken. Seine Versuche konzentrieren sich aber vor allem auf die zentralen Orte des Bürgerkriegs, Regierungs- und Verwaltungsgebäude im Kolonialstil und alles, was der durchschnittliche Amerikaner sonst noch mit der glorreichen Zeit der Staatsgründung verbindet und wofür er dann auch zu spenden bereit ist. Vergleichsweise zurückhaltend engagiert sich der Staat hingegen für die architektonische Moderne. Ein seltenes Beispiel ist das Wohnhaus Fallingwater, das Frank Lloyd Wright 1937 über einem Wasserfall in Baer Run bei Pittsburgh gebaut hat. Es war vom Einsturz bedroht, als öffentliches Geld zu seiner Sicherung bereitgestellt wurde. Privateigentum geht vor Gemeinnutz, also darf in den USA auch jeder Hausherr verfallen lassen, was ihm gehört.
Wenn heute in Amerika ein stärkeres Bewusstsein für das architektonische Erbe besteht, ist das ausgerechnet einem britischen Lord zu verdanken: Peter Garth Palumbo erwarb 1968 Ludwig Mies van der Rohes Farnsworth House in Plano/Illinois, einen Bau aus Glas und Stahl, den der Architekt als Wochenenddomizil für einen Arzt aus Chicago entworfen hatte. Anschließend kaufte Palumbo Häuser von Frank Lloyd Wright und Le Corbusier und ließ sie für viel Geld in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen. So wurde der Bauunternehmer zu einem der ersten Häusersammler der Vereinigten Staaten. Andere folgten seinem Beispiel und ließen schließlich einen Markt für Architekturikonen entstehen, der irgendwann auch für die großen Auktionshäuser interessant wurde. Sothebys etwa versteigerte 1989 für 3,5 Millionen Dollar jenes Stadthaus, das Stararchitekt Philip Johnson an der 242 East 52nd Street für Blanchette Rockefeller gebaut hatte, an den Londoner Galeristen Anthony dOffay. Heute gehört es dem kunstsammelnden Kosmetikmilliardär Ronald S. Lauder. Im Dezember 2003 ließ Lord Palumbo, ebenfalls bei Sothebys, sein Farnsworth House wieder versteigern der National Trust kaufte es mit Hilfe von Spendern für 7,5 Millionen Dollar. Und im Juni 2007 war der Hotelmillionär André Balazs mit 5,02 Millionen Dollar Höchstbieter, als bei Christies einer der drei Prototypen für das 1951 erbaute Maison Tropicale von Jean Prouvé versteigert wurde.
15 bis 25 Millionen Dollar erwartet Christies nun für den grandiosen All-American-Bungalow, den Richard Neutra 1946 für den Fallingwater-Besitzer Edgar J. Kaufmann in die kalifornische Wüste bei Palm Springs gestellt hat. Aufgerufen wird das Gebäude nicht etwa bei einer Immobilienversteigerung, sondern in der New Yorker Auktion für Nachkriegs- und Gegenwartskunst am 13. Mai. So wie ein Gemälde von Mark Rothko oder Sam Francis.
- Datum 28.02.2008 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.M43
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