Lesung Katzenstimme
Wenn schlechte Schriftsteller lesen: Budd Schulberg in Berlin
Als ich am Nordbahnhof aus der Straßenbahn stieg, merkte ich sofort, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich musste um sieben in Clärchens Ballhaus sein, und jetzt war es sieben, und von hier brauchte ich noch ewig zu Fuß. Ich ging zwei Blocks zurück bis zur Bergstraße, aber auch das war falsch. Dann fiel mir ein, dass gleich um die Ecke die Kleine Hamburger war, und von dort wären es, wenn ich über den nachts grell beleuchteten Fußballplatz gehen würde, nur ein paar Schritte. Das ging aber nicht, und während ich um den ganzen verdammten Block herumging, fragte ich mich, warum ich immer so verwirrt war, wenn mal wieder ein Gericht meinen letzten Roman als Reportage missverstanden und noch ein bisschen mehr verboten hatte. War ich wirklich so ein schlechter Schriftsteller?
In Clärchens Ballhaus war heute Tango-Unterricht, aber darum war ich nicht hier. Vier, fünf junge Paare, die so falsch und bunt angezogen waren, als wären sie nicht aus Mitte, sondern aus Kreuzberg 36, schleppten sich über die Tanzfläche. Der Tanzlehrer sah noch sonderbarer aus als sie: Er hatte einen Pferdeschwanz, ein Stirnband und spitze, nach oben zeigende Clownsschuhe. Ich setzte mich zu ein paar Leuten an den Tisch, die ich kaum kannte. Einer von ihnen war der sehr bärtige, angenehm narzisstische Harry Rowohlt. Er hatte den Roman übersetzt, um den es heute Abend gehen sollte, und als ich ihn fragte, wie der Roman sei, sagte er: »Scheiße.« Dann aßen wir zusammen von meinem Teller Salamipizza. Rowohlt genierte sich bei jedem Stück, das er nahm, aber er nahm es trotzdem, und dabei redeten wir über seine Frau Ulla, die im Winter 1981 im Hamburger 2001-Laden meine Chefin war und mich rauswarf, weil ich jeden Kunden fragte, warum er wie die anderen Idioten Best of Baez und die Gerichtsreportagen von Peggy Parnass kaufen müsse. Dann gab es keine Pizza mehr, und wir gingen nach oben in den dunklen, kalten, unrenovierten Spiegelsaal, wo an einem kleinen, wackeligen Kaffeehaustisch ein kleiner, wackeliger Mann wartete.
Budd Schulberg, der Prinz von Hollywood. Er hatte das Faust im Nacken- Drehbuch geschrieben. Er hatte seine alten Genossen aus der Kommunistischen Partei an den Ausschuss für unamerikanische Umtriebe verraten. Und er hatte 1941 seinen Anti-Hollywood-Roman What Makes Sammy Run? veröffentlicht, für den ihn sofort ganz Hollywood hasste, und er verkaufte trotzdem drei Millionen Bücher. Hatte sich Harry Rowohlt geirrt? War Schulberg vielleicht doch ein guter Schriftsteller? Nein, war er nicht. Die Geschichte eines kleinen jüdischen Straßenköters, der sich mit Lügen und gestohlenen Einfällen zum depressiven Hollywoodproduzenten hocharbeitete, war nur so gut und so schlecht wie eine Reportage. Auf Worte folgten Worte, die man sowieso erwartete, jede Figur im Buch war der ungeschickte Schnappschuss einer Figur im Leben, und dass die meisten Juden darin noch prinzipienloser und egozentrischer waren, als sich das Antisemiten vorstellten, machte Schulbergs Prosa auch nicht besser. Und trotzdem kam in Amerika nie einer auf die Idee, sich wegen eines solchen Agitpropschrotts bei einem Richter auszuweinen, dachte ich, während Harry Rowohlt jetzt ein paar Seiten aus seiner Übersetzung las, nur Samuel Goldwyn bot Schulberg achselzuckend Geld an, wenn er den Roman nicht veröffentlichte, und Schulberg zuckte mit den Achseln zurück.
Ich blieb nicht lange. Ich langweilte mich während der Lesung, ich langweilte mich, als Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm über Budd Schulberg gezeigt wurden, ich langweilte mich, als der 94-Jährige selbst zitternd auf die Bühne stieg und mit leiser Katzenstimme erzählte, wie er damals mit F. Scott Fitzgerald ein Drehbuch schrieb und sie sich dabei fast zu Tode getrunken hätten – oder wie bei dieser Party im Haus seiner Eltern Charlie Chaplin auf Maurice Chevalier eifersüchtig war und den ganzen Abend auf dem Klavier hämmerte. Ich mag Geschichten, die wirklich passiert sind, aber ich hasse Anekdoten.
Als ich auf die Auguststraße hinaustrat, leuchtete der Fußballplatz nicht mehr. Vor Clärchens Ballhaus stand in der Dunkelheit eine Kiste auf Rädern, und in der Kiste lag eine alte, kranke Frau, die eine Zeitschrift verkaufte, die Querkopf hieß. Ein junger Mann mit langen Westernkoteletten kam mit seiner Freundin vorbei, kaufte ein Heft und sagte: »Querkopf – das klingt schon mal gut. Weißt du, ich könnte auch jedesmal widersprechen, wenn jemand etwas sagt.« Sie lachte verliebt, und ich drehte mich um und ging in die andere Richtung. Ich hatte meinen Heimweg schon genau im Kopf, Straße für Straße, ich war gut gelaunt und überhaupt nicht mehr durcheinander. Und während ich langsam meinen Mantel zuknöpfte, dachte ich, wie schön und aufregend es war, ein richtiger Schriftsteller zu sein. Maxim Biller
- Datum 29.02.2008 - 02:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.02.2008 Nr. 10
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