Lasst uns für einen Augenblick die gewöhnlichen Gedanken eines gewöhnlichen Tages betrachten. Jeder von uns empfängt eine Vielzahl an Eindrücken. Sie kommen von überall her. Sie mögen trivial, fantastisch oder flüchtig sein. Sie mögen uns wie ein Schock überwältigen oder sich mit der Schärfe von Stahl einprägen. Jeweils aber fallen diese zufälligen Eindrücke wie ein unablässiger Schauer unzähliger Atome auf unsere Wahrnehmung hinab, um dort, wie auf einer inneren Leinwand, die Gestalt eines gewöhnlichen Tages anzunehmen. Es mag zwar sein, dass jegliche Konturen verschwimmen und Details nur ungenau wiedergegeben werden. Was hingegen ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rückt, ist die Vergänglichkeit des Augenblicks.

So lautet das Denkspiel, mit dem Virginia Woolf den realistischen Roman angreift. Das Leben, die Wahrheit, die Realität, kurz jenes Essenzielle, das diese dezidiert moderne Autorin mit ihrem Schreiben einzufangen sucht, wird von ihr als ein strahlender Lichtschein begriffen, der wie ein halb durchsichtiges Kuvert ihr künstlerisches Bewusstsein umhüllt.

Zwar hat Woolf ihren Essay Moderne Fiktion erst ein Jahr nach dem ersten Weltkrieg verfasst. Doch die Bildsprache, die sie entwickelt, um sich von der Tyrannei vorgegebener Stoffe, Gattungen und Erzählmuster zu befreien, hat sie den Impressionisten entlehnt. Eine Generation vor ihr hatten diese sich vom strengen, starren Formalismus der Salonmalerei verabschiedet, um die Welt so abzubilden, wie sie das gewöhnliche Auge im alltäglichen Leben trifft.

Den Umschlag in die Moderne läuteten diese Maler ein mit einer Feier der Tausend knappen Eindrücke einer sich stets verändernden Szene, die sich vor einem Auge abspielt, das ebenfalls fortwährend in Bewegung ist. Das Zufällige, das Augenblickliche realistisch einzufangen heißt, die Welt in schnell skizzierte, abstrakt anmutende Farbflecken auf die Leinwand zu übertragen. Der radikal realistische Blick kippt nahtlos in die Abstraktion. Formen lösen sich in farbige Pinselstriche auf. Das Gemälde wird nicht mehr als ein Fenster zur Welt begriffen. Es bietet vielmehr die Widerspiegelung eines radikal subjektiven Eindrucks.

Mit skizzenhaftem Pinselstrich befreiten sich die Künstlerinnen

Heute ist uns diese Haltung nur allzu vertraut. Kaum eine Schule der Malerei ist so beliebt wie die der Impressionisten. Auf Kalendern und Wunschkarten, auf Schreibblöcken, Schals und Kaffeetassen treffen wir sie immer wieder an. Leicht vergisst man den Skandal, den Eduard Manets Déjeuner sur l’herbe im Jahr 1863 auslöste. Anstößig war nicht die nackte Frau, die so unbekümmert neben ihren Begleitern auf dem Rasen eines Parks sitzt, sondern dass der Maler ein klassisch pastorales Sujet in eine zeitgenössische Szene zu verpflanzen gewagt hatte. Statt einer antiken Göttin oder Nymphe blickt einem eine junge Pariserin entgegen, wie man sie täglich an irgendeinem öffentlichen Ort hätte antreffen können.

Schnell vergisst man aber auch, dass der Umschlag in die moderne Malerei von Anfang an eine weibliche Seite hatte. Die Impressionistinnen, denen die Schirn Kunsthalle in Frankfurt seit voriger Woche eine Retrospektive widmet, haben ebenfalls eine Abkehr von den tradierten Motiven der realistischen Malerei zu nutzen gewusst, um sich als Künstlerinnen zu behaupten. Die Auflösung tradierter Bildformeln, die Feier eines skizzenhaften Pinselstrichs diente vor allem ihnen als Befreiung von jener bürgerlichen Konvention, die der malenden Frau nur den Status der Dilettantin zubilligen wollte. Zu Lebzeiten wurden Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond durchaus anerkannt, ihre Bilder wurden ausgestellt und gut verkauft. Warum aber kommen einem kaum ihre Bilder in den Sinn, wenn man an das flimmernde Spiel des Impressionismus denkt? Und was bedeutet die Hinwendung zum flüchtigen, informellen Alltag für die malende Frau?