Wie ein Vogel die Welt beäugt

Das Wort »Merian« steht heute für eine Branche. Mit ihm betitelte Hefte bieten Lektüren über Städte und Regionen, vor Ort helfen Merian-Reisebücher - sollte man den Namen personifizieren, würden die meisten wohl auf eine Art Reiseonkel schließen. Manche denken bei Merian womöglich nur an seine berühmte Pflanzen und Tiere zeichnende Tochter Maria Sibylle. Jetzt hat Lucas Heinrich Wüthrich, der 30 Jahre lang forschend am Schweizerischen Landesmuseum in Zürich tätig war, die Biografie und das Gesamtwerk des Künstlers und Verlegers Matthaeus Merian umfassend dargestellt.

Der in Basel 1593 geborene Merian der Ältere hatte eine Lehre als Glasmaler angefangen, bevor er sich der Radierkunst verschrieb und von 1612 bis 1615 in Paris die Vogelperspektive erlernte. Er wandte sie an bei einem Pariser Stadtplan, dann für einen Basler Stadtplan, später wird er mehrere Heidelberger, einen Lütticher und einen prachtvollen Frankfurter Stadtplan erstellen, der »noch heute das maßgebende Bilddokument für das historische Frankfurt« ist. Die Schrägsichten bewirken, dass man alle Gassen durchwandern, die Häuser betreten zu können glaubt, weil die schräge Vogelschau deren Grund- und Aufriss synchronisiert. Nachdem er den Verlag seines Schwiegervaters, des emigrierten Flamen Johann Theodor de Bry, übernommen und sich in Frankfurt eingebürgert hatte, verlief Merians Leben wenig spektakulär.

Der Protestant verausgabte sich rastlos in Mühe und Arbeit, dazwischen versuchte er, seine Gicht in Bad Schwalbach zu lindern. Am Ende dachte er, es könne einem nichts Besseres widerfahren, als dass der Körper, »dieser stinkende sackh«, von einem abfalle und man dann »in die selige Ruhe des Baradises eingehe«.

Merian hat ein gewaltiges Werk auf den Weg gebracht, die Topographia Germaniae, die seine Söhne nach seinem Tod 1650 auf 30 Bände anwachsen lassen werden und die über 2000 radierte Stadtansichten mit über 90 Landkarten nebst geschichtlichen Informationen anboten. Lucas Heinrich Wüthrich hat diese Topografien Merians von 1959 bis 1965 in Faksimile herausgegeben, im Jahr 1963 folgten Handzeichnungen Merians. Diese lebenslange Erschließungsarbeit, welche durch Briefe und Texte des Matthäus Merian noch ergänzt werden soll, findet nun in der Biografie eine eindrucksvolle Krönung.

In Wüthrichs Darstellung steht im Vordergrund, wie sehr das deutsche Geistesleben des 17. Jahrhunderts durch Merians universales Verlagsprogramm Impulse erhielt. Zu der emblematischen Mode der Zeit hat Merian schon früh originelle Beiträge geliefert, so in dem schönen Emblembuch Wilhelm Zincgreffs von 1619. Auch in dem alchemistischen Band Atalanta Fugiens finden Bild, Text und Lied zusammen, und zu dem mehrbändigen Politischen Schatzkästlein des Daniel Meisner, das so gut wie jeder Stadt dieser Erde ein Sinnbild zuordnet, hat Merian 134 Veduten beigesteuert.

Ein erstes großes Werk des Verlages waren die Bibelillustrationen, die seit 1630 über unzählige Kopien zahllosen evangelischen Konfirmanden ins Gemüt drangen. Merian verlegte auch antike Autoren oder etwa Sir Philip Sidneys Arcadia. Martin Opitz ließ bei ihm drucken. Neben medizinischen, botanischen, zoologischen und alchemistischen Titeln bildeten historische Werke einen Schwerpunkt, über die Geschichte der Hanse oder die »Wohlmeinenden Erinnerungen eines Landsknechts«, dem »die Klage über den erbärmlichen Zustand seines Vaterlandes die Stimme heraus preßt«.

Merian gab auch Flugblätter zu Wallensteins Ermordung heraus, aber sein gewichtigstes Werk hier ist zweifellos das ehrgeizige Unternehmen eines zeitgeschichtlichen Überblicks, der jeweils drei Jahre in Bildern und Texten zusammenfasste. 20 Jahre lang hat er dieses Pionierwerk vorbereitet: Er suchte für jeden Band Augenzeugen, die ihm Bilder von Schlachten, Personen und Städten liefern könnten, er engagierte einen Autor. Bis zum fünften Band von 1647 dieses Theatrum Europaeum hat Matthäus Merian selbst das Werk vorangebracht und dafür 734 historische und topografische Abbildungen sowie 693 Porträts, darunter 146 von ihm selbst radierte, beigebracht. Die Söhne Caspar und Matthaeus und die Tochter Maria Sibylle haben jenes Theatrum auf 19 Bände fortgeführt. Nicht weniger als 87 Bildlieferanten, darunter auch Ingenieure und Baumeister, haben die Illustrationen geliefert, aus der Geschichtsbücher bis heute schöpfen.

Es ist angesichts dieser Leistungen verständlich, dass in Wüthrichs Darstellung dem populärsten Werk Merians, dem Städteinventar Topographia Germaniae, vergleichsweise wenig Raum gegönnt wird, zumal nur etwa 650 von Matthaeus Merians Hand stammen. Sein Interesse spiegelt gleichwohl die Gefährdung der urbanen Lebensform wider: Merian zeigt die Stadtgestalten von modernen Festungswerken eingekapselt und zugleich in einem weiteren landschaftlichen Zusammenhang, so als seien sie Zellen in einem übergeordneten territorialen Zusammenhang. Er sieht sie als Opfer des Krieges »verbrant und zerstöret«.

Lucas Heinrich Wütherich vermutet, dass die Renaissance der Merianschen Städtebilder nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Bemühen wurzelt, den Nachkommen vor Augen zu stellen, das, was nach dem Dreißigjährigen Krieg »noch stehet, zu erhalten, was gefallen, wider auffzurichten, und was verlohren, wider zu bringen«. Durch den Krieg sei manche »schöne Gestalt so häßlich zugerichtet worden, daß, wenn ein Durchreysender jetziges Teutschland betrachtet, er ohne Vergießung heisser Zähren solches nicht anschawen kann«. Es war eine prophetische Sicht.

Lucas Heinrich Wüthrich: Matthaeus Merian d. Ä.

Eine Biographie - Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2007 - 427 S., Abb., 58,- Euro

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.10 vom 28.02.2008, S.61
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  • Schlagworte Vogel | Literatur | Band | Biografie | Paris | Basel | Hamburg | Zürich
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