Unternehmen
Eine Frage der Moral
Ob bei BMW, Henkel oder Nokia: Personalabbau in Unternehmen mit Rekordgewinnen kann man sogar rechtfertigen
Ist es moralisch vertretbar, wenn Unternehmen Rekordgewinne erzielt haben und gleichzeitig ankündigen, Mitarbeiter zu entlassen? Die Antwort lautet: ja. Ein solches Verhalten wirkt nicht sympathisch, es ist aber ehrlich, und man kann es ethisch begründen.
Sicher, die meisten Menschen in Deutschland sehen das anders. Sie nehmen Anstoß, wenn bei BMW, Henkel oder Nokia gute Ergebnisse mit Personalabbau einhergehen. Auch viele Unternehmer halten ein solches Verhalten für unethisch. Vor allem Familienunternehmer fühlen sich ihren Mitarbeitern gegenüber so in der Verantwortung, dass sie in ihren Betrieben oftmals zugunsten einer möglichst großen Beschäftigung auf Rendite – man darf auch sagen: Profite – verzichten. Das ist ehrenvoll. Es handelt sich um persönliche Entscheidungen von Eigentümern, denen daran gelegen ist, von den Menschen in ihren Unternehmen und an ihren Heimatorten geachtet zu werden. Auf Entlassungen möglichst zu verzichten ist für solche Unternehmer eine Frage der Ehre.
Von einer Aktiengesellschaft zu fordern, sie solle sich nicht in erster Linie am Wert ihrer Aktien orientieren, ist dagegen ungefähr so, als würde man von einem Rennfahrer verlangen, er solle nicht so schnell fahren. Aktiengesellschaften sammeln die Ersparnisse von Anlegern ein mit dem Versprechen, dieses Geld zu verzinsen und zu vermehren. Das ist ihr Hauptzweck, das ist die Geschäftsgrundlage. Bei einer Aktiengesellschaft, die pleitegeht, verlieren die Aktionäre alles. Sie tragen das größte Risiko und haben den legitimen Anspruch, dass ihnen das vergolten wird mit einer Rendite, die über der eines sicheren Sparbuchs liegt.
Eine Aktiengesellschaft, deren Führung die Interessen der Aktionäre systematisch missachtete, wäre eine unmoralische Veranstaltung. Auch wenn ein Unternehmen profitabel arbeitet, aber seine langfristigen Gewinnmöglichkeiten nicht ausschöpft, handelt es im Grunde betrügerisch, mindestens aber untreu gegenüber seinen Eigentümern. Würde das häufig vorkommen, gäbe es bald keine Aktiengesellschaften mehr. Niemand würde freiwillig Geld für ein solches Unternehmen zur Verfügung stellen. Es gäbe dann aber auch keine Arbeitsplätze in Aktiengesellschaften mehr.
Als er noch Joseph Kardinal Ratzinger war, schrieb Papst Benedikt XVI.: »Eine Moral, die die Sachkenntnis der Wirtschaftsgesetze überspringen zu können meint, ist nicht Moral, sondern Moralismus, also das Gegenteil von Moral.« Und der Wirtschaftsethiker Karl Hohmann schreibt: »Moral muss in und mit der ökonomischen Logik durchgesetzt werden und nicht gegen sie.« Ein Vorteilsstreben ist dann nicht unsittlich, wenn es auch anderen Nutzen bringt, zum Beispiel in Form preiswerter Produkte.
Wenn ein Unternehmen einen Rekordgewinn verzeichnet, bedeutet das nichts anderes, als dass es mehr verdient hat als in allen Jahren zuvor. Das ist bei wachsenden Unternehmen und Inflation eher die Regel als die Ausnahme. Ein Rekordgewinn kann aber sehr wohl zu niedrig sein. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn er nicht ausreicht, das in dem Unternehmen eingesetzte Kapital angemessen zu verzinsen oder die Mittel für nötige Investitionen zu beschaffen. Die Vorstellung, ein in der Vergangenheit erzieltes Ergebnis müsse dazu verwandt werden, unwirtschaftliche Beschäftigung zu subventionieren, ist irrig.
Es ist nun einmal so, dass ein Unternehmen für die gleiche Menge an Produkten von Jahr zu Jahr weniger Mitarbeiter braucht. Es bemüht sich ja um eine höhere Produktivität. Gelingt es nicht, den Absatz zu steigern, folgt daraus, dass die Zahl der Mitarbeiter schrumpfen muss. Man kann natürlich fragen, ob es erforderlich ist, die Leistungsfähigkeit eines Betriebes immer weiter zu steigern, aber das hieße die Frage stellen, ob wir Fortschritt und mehr Wohlstand wollen oder nicht.
Und die Mitarbeiter? Zählen die nicht? Den Eindruck kann man gewinnen, wenn man manche Kritiker der Konzerne hört. Das Gegenteil stimmt. Die Beschäftigten werden in börsennotierten Unternehmen meist überdurchschnittlich gut bezahlt. Sie genießen Kündigungsschutz und ein Maß an sozialer Sicherheit, von dem Selbstständige und Freiberufler nur träumen können. Als Arbeitgeber sind die großen Konzerne besonders beliebt.
Vielleicht ist es ein Glück, dass die Kritik nun ein Unternehmen wie BMW trifft. Bei dem Autobauer handelt es sich um einen fast mustergültig verantwortungsvollen Konzern. Auch jetzt wird niemandem gekündigt. Allerdings benötigt BMW den Einsatz von rund 5000 Zeitarbeitern nicht mehr. Diese Menschen behalten ihre Anstellung in der Zeitarbeitsfirma. Überdies soll die Stammbelegschaft um 3100 Mitarbeiter reduziert werden. Wie? Ausscheidende Mitarbeiter werden nicht ersetzt, andere bekommen Angebote mit Abfindungen. In vergleichbaren Fällen haben altgediente Mitarbeiter Beträge von 200.000 Euro und mehr erhalten, die ihnen einen vorgezogenen Ruhestand ermöglichten. Soziales Unrecht sieht anders aus.
BMW ist das Gegenteil eines Unternehmens, das von seinen Aktionären ausgepresst wird. Nur ein Fünftel seines Gewinnes hat der Konzern in der Vergangenheit an seine Eigentümer ausgeschüttet, vier Fünftel wurden wieder investiert. BMW ist auch ein sehr heimattreues Unternehmen. Es verkauft 80 Prozent seiner Produkte im Ausland, beschäftigt aber drei Viertel seiner Mitarbeiter im Inland. Auch das kann man unter einer globalen Perspektive für unmoralisch halten, es ist es aber ebenfalls nicht.
Es gibt gute Gründe, Manager zu kritisieren. Die Selbstbedienung mancher Vorstände muss unterbunden werden. Wir sollten die Kritik aber nicht vorschnell auf die Marktwirtschaft ausdehnen, denn wir leben mit ihr besser und gerechter als mit jeder anderen Ordnung.
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- Datum 7.3.2008 - 04:04 Uhr
- Serie audio
- Quelle DIE ZEIT, 06.03.2008 Nr. 11
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