Folkmusik Der Sänger von Sonne, See und Sozialismus

Der Engländer Billy Bragg ist Europas politischster Liedermacher. Ein Gespräch über das Erbe von Karl Marx, Musik zur Rentenreform und wie es ist, die Queen zum Fan zu haben

DIE ZEIT: Mister Bragg, leben wir in einer guten Zeit für politische Lieder?

Billy Bragg: Sagen wir: Wir leben in einer spannenden Zeit. Der Stoff liegt förmlich in der Luft, man muss nur danach greifen. Aber die Zeiten sind immer interessant, wenn man sich selber interessiert. Woody Guthrie, mein großes Vorbild, hat jeden Tag die Zeitungen gelesen und Ausschnitte an die Wand gepinnt. Daraus sind dann fünf oder sechs Songs entstanden – pro Tag!

ZEIT: Sie haben für Mr. Love & Justice, Ihr neues Album , sechs Jahre gebraucht.

Bragg: Aber ausgeruht habe ich mich in der Zeit nicht! Ich bin mit meiner Familie von London nach Dorset gezogen, an die See. Ich habe Jail Guitar Doors ins Leben gerufen, eine Initiative, die Strafgefangene mit Gitarren versorgt, um ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft ein wenig leichter zu machen. Ich war unter dem Motto »Hope Not Hate« auf Tour. Und ich habe ein Buch geschrieben: The progressive Patriot, eine Streitschrift für das, was England für mich ausmacht. Ich habe mich also auf anderen Bühnen herumgetrieben, aber alles hatte mit Musik zu tun.

ZEIT: Steht Billy Bragg noch für die vier S: Sozialismus, Soccer und Safer Sex?

Bragg: Nein, jetzt muss es Sonne, See und Sozialismus heißen. Wir leben mittlerweile an der Küste.

ZEIT: Man hat den Eindruck, dass es in Ihren neuen Songs weniger Slogans gibt als früher.

Bragg: Finden Sie? Was ist mit »O Freedom, What Liberties Are Taken In Thy Name?«

ZEIT: Mehr ein Stoßseufzer als eine Parole.

Bragg: Und I Keep Faith, der Eröffnungssong?

ZEIT: Ein Bekenntnis.

Bragg: Nein, sondern der Ausdruck einer Überzeugung. Aber es stimmt, einen Song wie There Is Power In A Union sucht man auf der neuen CD vergeblich – auch wenn es immer noch Leute gibt, die genau das vermissen. Früher ging es für mich stark um wirtschaftliche Dinge und um die Frage, wie man sich organisiert. Heute interessiert mich mehr, was das Ökonomische mit den Leuten anstellt.

ZEIT: Was bedeutet das für Ihr Songwriting?

Bragg: Die Sprache des politischen Lieds, die lange direkt oder indirekt von Karl Marx’ Ideen beeinflusst war, hat sich abgenutzt. Wir leben in postideologischen Zeiten. Schwarz-Weiß-Malerei oder Hantieren mit Begriffshülsen hilft keinem. Das macht die Sache schwieriger.

ZEIT: Über die Rentenreform lassen sich keine schmissigen Lieder schreiben.

Bragg: Gerade habe ich ein Pamphlet für die Reform des britischen Oberhauses verfasst, 6000 Wörter. Mit einem Lied hätte ich mir eine Menge Arbeit sparen können (lacht). Im Ernst: Lieder können nicht für alles zuständig sein. Vor allem kann man mit ihnen nicht ins Detail gehen. Nehmen Sie Imagine, Blowin’ In The Wind oder Born In The USA. Da geht es auch nicht um Realpolitik.

ZEIT: Vermissen Sie die alten Feindbilder?

Bragg: Ob ich Margaret Thatcher vermisse? Nein. Oder Ronald Reagan? Nein. Vermisse ich die Berliner Mauer? Auch nicht. Ich hege keinerlei Nostalgie für die Achtziger, auch musikalisch nicht. Spandau Ballet? Fuck them! Ich mag es nicht einmal, wenn meine Fans auf Konzerten nach den alten Stücken verlangen. Der Bergarbeiterstreik, der Punk von The Clash, der mich als junger Mann geprägt hat, all das ist Geschichte. Was geblieben ist, sind die alten Fragen: Was führt uns zu einer gerechteren Gesellschaft? Und ein paar Werte: Solidarität, Mitleid, Vertrauen in die Menschen, die einem nahestehen.

ZEIT: In A Progressive Patriot, Ihrem Buch, ist die Englishness dazugekommen. Was ist das Gute am Englischsein?

Bragg: Um ehrlich zu sein: Ich weiß es auch nicht. Ich habe das Buch geschrieben, um es herauszufinden. Wir Engländer haben vor allen anderen in Europa herausgefunden, dass absolute Macht eine gefährliche Sache ist. Schon 1215 war das so, mit der Magna Charta. Im 16. Jahrhundert wieder, zu den Zeiten der Reformation. Und ganz besonders 1649, als wir König Charles den Kopf abschlugen. Das war lange vor der Aufklärung. Die Französische Revolution, die amerikanische Revolution, die staatliche Einheit Deutschlands – all das kam nach Thomas Payne und seinen »Rights of Man«.

ZEIT: Was ist der Unterschied zur Britishness, steht die mehr für die imperiale Tradition?

Bragg: Schwierige Frage. Was heißt Deutschsein im Zusammenhang Europas? Der Punkt am Englischsein ist einfach, dass es schon tausend Jahre existiert. Großbritannien gibt es erst seit 300 Jahren und hat sich in jedem Jahrhundert stark verändert. Also könnte man sagen, dass Britischsein eine staatliche Identität bezeichnet, Englischsein aber viel weiter in die Geschichte zurückreicht.

ZEIT: Sie sprechen vom Aufblühen einer Tradition des Abweichlerischen.

Bragg: Richtig. Jetzt fällt mir ein, dass ich doch etwas an Margaret Thatcher vermisse. Sie war es, die mir damals gezeigt hat, dass ich zur Opposition gehöre. Aber erst beim Schreiben des Buchs habe ich herausgefunden, dass da schon immer diese Schlüsselmomente in unserer Geschichte waren. Es gab bei uns ja nicht nur die erste bürgerliche Revolution der Geschichte, sondern auch die Suffragetten, also die Vorläufer der Frauenbewegung, und die Gründung des Wohlfahrtsstaats 1948. Deshalb glauben wir Engländer bis heute an Werte wie Fairness und Toleranz, aus dieser Tradition beziehen wir unser Durchhaltevermögen beim Kampf um eine gerechtere Gesellschaft. Danke, Margaret, du hast mir die Augen dafür geöffnet, dass die Flagge nicht allein den Faschisten gehört!

ZEIT: Haben Sie keine Angst, missverstanden zu werden? Von Tony Blair bis hin zu neueren Britpoppern wickelt sich in England jeder gern in den Union Jack.

Bragg: Ich gebe zu, dass das diffizile Dinge sind. Mit der Flagge würde ich nicht hausieren gehen wie Blair. Und doch kommt es auch hier auf die Kontexte an. Der Untertitel meiner Streitschrift heißt »A search for belonging«, da sind die Einwanderer in unser Land mitgemeint. Neulich habe ich im Fernsehen einen Bericht über eine Frau gesehen, die nach Jahren in England auf einer karibischen Insel nach ihren Wurzeln gesucht hat. Sie fand ihr Dorf, sie fand ihre Verwandten. Als alles sich erfüllt hatte, sagte sie in die Kamera hinein: Jetzt weiß ich, wohin ich gehöre. Und setzte sich ins Flugzeug zurück nach Bristol.

ZEIT: Die Socialist review schrieb, es sei Ihnen bloß darum gegangen, endlich der Fußballnationalmannschaft ohne schlechte Gefühle zuzujubeln.

Bragg: Na, wenn die das schreiben, wird schon was dran sein (lacht). Nein, der Hauptkritikpunkt für die traditionelle Linke in England war, dass ich Fragen der Identität vor das Klassenbewusstsein gesetzt habe. Aber sorry, Leute, das ist heute einfach so: In England dazuzugehören ist wichtiger geworden als das Gefühl, Teil der Arbeiterklasse zu sein. Klassenunterschiede gibt es natürlich trotzdem. Und was die Nationalmannschaft anbelangt: Es geht gar nicht, bei ihrem Spiel keine schlechten Gefühle zu haben. Nicht einmal Kroatien schlagen ist noch drin. Ach, könnten wir doch nur, was Ihr Deutschen könnt: beschissen spielen und doch immer ins Halbfinale kommen! Dass wir nicht zur Europameisterschaft fahren, hat mir das Herz gebrochen. Aber irgendwie werde ich darüber hinwegkommen.

ZEIT:The Progressive Patriot ist auch eine musikalische Biografie.

Bragg: In Zeiten, in denen die British National Party wieder regen Zulauf hat, dachte ich, man müsste noch einmal erzählen, warum wir uns schon in den Siebzigern bei »Rock Against Racism« engagiert haben, und wie es danach weiterging. Punk ist ja nicht einfach so passiert, es steckten musikalische Traditionen dahinter. Ich wollte aber auch davon erzählen, wie unsere Popmusik durch Einflüsse von außen bereichert wurde. Scarborough Fair zum Beispiel ist nicht einfach ein altes englisches Folklied, es musste erst einmal den Atlantik überqueren und dann in der Version von Simon & Garfunkel zu mir zurückkommen. In den Sechzigern war englischer Folk für die BBC kulturell inakzeptabel. Aber Amerikaner, die englischen Folk in einer modernen Produktion spielten, das ging dann wieder. Ich habe meine eigene Kultur also von diesen zwei jüdischen Jungs aus Queens zurückbekommen.

ZEIT: Vor ein paar Jahren sind Sie in umgekehrter Richtung gereist, um mit der amerikanischen Band Wilco Texte von Woody Guthrie neu zu vertonen. Was fasziniert Sie an ihm?

Bragg: Er ist der Vater des politischen Lieds. Ob Joe Strummer von The Clash, Bob Dylan oder ich selbst – jeder ist von Guthrie beeinflusst. Er hat die Tradition des Folksongs so stark geprägt, dass manche auf die Idee gekommen sind, er sei selbst eine erfundene Figur, die direkt aus einem Roman von John Steinbeck kommt. Hat wirklich ein konkreter Mensch This Land Is Your Land geschrieben, oder war der Song immer schon da?

ZEIT: Guthrie war wie Sie ein Patriot, aber kein Nationalist.

Bragg: Zumindest hat er This Land Is Your Land als Antwort auf Irving Berlins God Bless America geschrieben. Er hasste das Stück; als er 1940 per Anhalter nach New York kam, war es ein Nummer-eins-Hit, der aus jeder Musikbox kam. Also schrieb Guthrie ein Lied namens God Blessed America For Me. Daraus wurde dann This Land Was Made For You And Me und später einfach This Land Is Your Land. Sagen wir, er war der erste alternative Musiker.

ZEIT: Sie haben ein Stück namens Gold Help Save The Youth Of America im Programm. Ist die amerikanische Jugend jetzt, am Ende der Bush-Ära, der Rettung ein Stück näher?

Bragg: Oh, sie werden nie ganz sicher sein, diese armen kleinen Dinger. Immer wird ihnen irgendein Songwriter die Welt erklären müssen.

ZEIT: Wären Sie Amerikaner, wen würden Sie unterstützen – Clinton oder Obama?

Bragg: Ich finde es toll, dass die Auswahl so groß ist, bis hin zu McCain, der auch kein lupenreiner Neocon zu sein scheint. Allein das ist schon ein Riesenfortschritt. Aber ich bin eher für Obama. Nicht so sehr, weil er schwarz ist, sondern weil er für eine neue Generation steht. Schwarz und erst 46, das ist wie ein doppelter Hauptgewinn.

ZEIT: Sie selbst sind im letzten Jahr 50 geworden. KT Tunstall, eine der jüngeren britischen Songschreiberinnen, hat gesagt, sie hätte gern jemanden wie Sie als Geschichtslehrer gehabt. Ist das eine Rolle, in der Sie sich wohlfühlen?

Bragg: Geschichtslehrer für eine jüngere Generation – ich finde das cool. Sie hat auch gesagt, dass ich wie ein älterer Bruder für sie bin. Auch das geht in Ordnung. Ich fühle mich nicht wie ein Relikt.

ZEIT: Die Londoner Times hat Sie zum »nationalen Schatz« erklärt.

Bragg: Es ehrt mich, aber es entbehrt jeglicher Grundlage. Ich glaube, wenn man sich lange genug in der Öffentlichkeit herumdrückt, passiert so etwas automatisch.

ZEIT: Vom »nationalen Schatz« ist es nur noch ein Schritt hin zum Weltkulturerbe…

Bragg: Weltkulturerbe Billy Bragg? Das hätte was. Die Realität sieht aber auch in dem Fall ganz anders aus. Wer’s nicht glaubt, sollte mal miterleben, was für einen Quatsch ich Abend für Abend auf der Bühne veranstalte.

ZEIT: Vor Kurzem bekam die Queen eines Ihrer Stücke zu hören, Ihre Nachdichtung von Schillers Ode an die Freude aus Beethovens Neunter Sinfonie.

Bragg: Das war bei der Wiedereröffnung der Royal Festival Hall in London. Zuerst sollte ich nur zwei Zeilen für ein Projekt mit Schulkindern neu schreiben. Die hatten nämlich Probleme mit dem Originaltext von Schiller: »Tochter aus Elysium«, dazu fanden sie einfach keine Verbindung. Ich sagte: Kein Problem, wir machen das mit den Schülern, das Stück hat ja auch nur drei Akkorde. Dann hieß es auf einmal: Hey, warum schreibst Du nicht das ganze Ding neu. Also habe ich einen neuen Text gemacht, der sich aber immer noch an Schillers Zeile »Alle Menschen werden Brüder« orientiert. Später wurde das dann mit dem London Symphony Orchestra, 1500 Sängern und im Beisein der Queen festlich aufgeführt.

ZEIT: Und wie war’s?

Bragg: Schon sehr, sehr aufregend. Diesen mächtigen Chor zu erleben, wie er die Worte singt, die man sich daheim ausgedacht hat! Von unserem Platz aus konnten wir die königliche Familie sehen. Die Queen hatte ein Programm vor sich, und sie fuhr mit dem Finger die Zeilen entlang, die ich geschrieben hatte: »See now like a Phoenix rising / From the rubble of the war / hope of ages manifested / peace and freedom evermore / Brothers, sisters stand together, join your voices now as one / though by history divided, reconciled in unison. Ich fand das total verrückt. Das nicht zuzugeben hieße, einen Teil von mir zu verleugnen.

ZEIT: Haben Sie mit ihr gesprochen?

Bragg: Nach dem Konzert haben wir einige Worte gewechselt. Ich sagte: Ich wollte einmal der neue Bob Dylan werden, aber ich hab’s nur zum neuen Friedrich Schiller gebracht. Und sie sagte: Oh, that’s nice. Dann haben wir ein bisschen zusammen gelacht, und das war’s. Hinterher aber, als ich mit meinem Sohn, meiner Mutter und meiner Mistress im Auto zurück nach Dorset fuhr, kam ein Anruf von ihrem Privatsekretär: Ob es vielleicht möglich wäre, dem Königshaus ein Exemplar der Aufnahme zukommen zu lassen, handsigniert von Mr. Bragg.

ZEIT: Dem Wunsch wurde entsprochen?

Bragg: Aber natürlich. Nach meinen Konzerten hängen alle möglichen Leute herum und wollen ein Autogramm von mir. Warum sollte ich bei der Queen eine Ausnahme machen?

ZEIT: War Ihre Mutter stolz auf Sie?

Bragg: Und wie. Bill, das war nicht übel, sagte sie. Aber du hättest dir eine Krawatte umbinden sollen.

Das Gespräch führte Thomas Groß

Tschuldigung, sagt die GitarreLesen Sie hier die Rezension von Billy Braggs neuer Platte »

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