Begabtenförderung Pythagoras in der zweiten Klasse

Die Universität Münster fördert begabte Schüler und lässt sie wissenschaftliche Arbeiten schreiben

Monika Kaiser-Haas war seit 21 Jahren Lehrerin und unterrichtete an der Ludgerus-Grundschule in Hiltrup, einem Stadtteil von Münster, als ihr klar wurde, dass sie all die Jahre etwas falsch gemacht hatte. Und zwar grundlegend. Ein ständig unaufmerksamer und renitenter Zweitklässler hatte sie darauf gebracht. Nachdem er mit seinen Eltern Cape Canaveral besucht hatte, hielt er vor der Klasse einen einstündigen Vortrag über Luft- und Raumfahrttechnik. »Als ich ihm so zuhörte, habe ich meine ganze pädagogische Arbeit hinterfragt«, sagt Monika Kaiser-Haas. Sie kam zu dem Schluss, dass sie mit ihrem Unterricht die Fähigkeiten des hochbegabten Schülers unterdrückt hatte. »An seiner Aufmüpfigkeit war nicht er schuld, sondern ich.« Das war 1997.

Monika Kaiser-Haas begann, Begabte zu fördern. Sie gab ihnen anspruchsvolle Aufgaben und setzte sich dafür ein, dass besonders gute Schüler eine Klasse überspringen konnten. Vor zehn Jahren war sie damit an ihrer Schule noch eine Exotin – heute kann sich die 59-Jährige als Vorreiterin betrachten. Die Ludgerus-Schule, an der sie immer noch unterrichtet, nimmt an einem Projekt der Universität Münster teil, in dem begabte Schüler Arbeiten nach wissenschaftlichen Kriterien schreiben: Ein Zweitklässler etwa über Röntgenstrahlen, ein Drittklässler über das alte China, ein Viertklässler über den Satz des Pythagoras. Am Ende des Schuljahres präsentieren die Schüler ihre Arbeiten mit einem Vortrag im Münsteraner Schloss.

»Forder-Förder-Projekt zur Begabtenförderung im Drehtürmodell« heißt das Programm. Jeden Donnerstag treffen sich die besonders interessierten Schüler der Ludgerus-Schule. Es gibt zwei Kurse: einen für die Erst- und Zweitklässler, einen für die Dritt- und Viertklässler. Vor den jeweils sechs Schülern steht Monika Kaiser-Haas, und zwischen den Kindern sitzen drei Lehramtsstudenten, die Lehrerin und Schüler bei ihrer Arbeit unterstützen. Gefordert und gefördert werden nicht nur Schüler, die sehr gute Noten haben. Die sind zwar auch hier, aber unter den sechs Kindern sind auch meistens ein oder zwei »Underachiever«, also Minderleister oder Leistungsverweigerer. Das können etwa Hochbegabte sein, die unterfordert sind und sich deshalb hängen lassen oder fortwährend den Unterricht stören. Um festzustellen, wie stark die Kinder gefördert werden müssen, wird jeder Schüler im Projekt auf Intelligenz, Leseverständnis und Rechtschreibkompetenz getestet.

Manche Studenten lernen von den Grundschülern

Begabtenförderung sei zwar ein Thema, sagt Kaiser-Haas, aber deshalb noch lange nicht etabliert. Oft treffe sie auf Lehrer, die ihr noch immer die Frage stellen würden, warum man ausgerechnet die Schüler fördern solle, die ohnehin schon weit mehr könnten als die anderen.

Wie Max* etwa, der nach dem Kindergarten direkt in die zweite Klasse eingeschult wurde. Max ist ein kritischer Geist und weiß für sein Alter und die meisten Lehrer zu viel. Nachdem Mitschülerin Svenja über ihr Thema Wind und Wetter gesprochen hat, meldet er sich und sagt: »Windstärke 12 ist laut meinem Vater nicht die höchste Windstärke. Es gibt noch höhere, die werden aber nicht mehr benannt.«

Man kann vermuten, dass einigen Kindern dieses Klassenzimmer mit den vielen Plakaten in ein paar Jahren wie ein Schutzraum vorkommen wird. Max könnte es so gehen, vielleicht auch Jonas, der manchmal einfach zu schreien beginnt und nur mit Mühe auf seinem Stuhl sitzen bleibt. Lesen konnte Jonas schon vor der Schule; die Schreibschrift beherrscht er aber auch als Zweitklässler noch nicht. Was solle es bringen, ein Kind wie ihn zur Schreibschrift zu zwingen? Wenn Jonas die Druckschrift beherrsche, reiche Kaiser-Haas das völlig. Schon im vergangenen Schuljahr hatte Jonas beim Forder-Förder-Projekt mitgemacht und eine Arbeit über Dinosaurier geschrieben. Mareike Girkens, eine der Lehramtsstudentinnen, ist noch heute von seinem Vortrag begeistert: »Das war unglaublich, wie von einem kleinen Professor.«

Ihr Kommilitone Martin Reckmann sagt, erst nachdem er zwei Schulstunden neben Jonas gesessen habe, sei ihm wirklich klar geworden, was Hochbegabung bedeute. »Jonas zappelt die ganze Zeit rum und macht nur Mist. Aber sobald er eine Aufgabe hat, die ihn interessiert, arbeitet er hoch konzentriert.« Nicht nur ein Verständnis von Hochbegabung, auch praktische Dinge wie das Zeichnen einer Mind-Map, einer grafischen Darstellung für die Beziehung von Begriffen, hat Reckmann erst von den Kindern gelernt. Sogar in der Arbeitseinstellung hat er sich etwas abgucken können: »Es ist unglaublich, wie diszipliniert die Kinder für ihr Thema lesen. Ich schätze, dass viele in ihr Projekt mehr Arbeit stecken als mancher Student in ein ganzes Semester.«

Christian Fischer, Leiter des Forder-Förder-Projekts und Geschäftsführer des Internationalen Centrums für Begabungsforschung der Universitäten Münster und Nijmegen, kann mit vielen Beispielen belegen, dass in seinem Programm nicht nur die Schüler gefördert werden. »Mir haben schon einige Studenten gesagt, dass sie erst von den Kindern gelernt haben, wie man sich die Zeit für eine Hausarbeit richtig einteilt.« Und nach der Abschlussveranstaltung würden immer wieder Studenten zu ihm sagen, dass die Vorträge der Schüler besser seien als die meisten Referate an der Uni.

Wer die Universität kennt und dann den Unterricht an der Ludgerus-Schule beobachtet, der ahnt, woran das liegen könnte: Hier muss niemand nach einem Vortrag an seinen Platz zurückkehren, ohne dass er nicht vorher ein Feedback bekommen hätte. Die Schüler kritisieren und loben einander, und das sehr differenziert.

»Mir hat gefallen, dass du nicht einfach nur Mama und Papa gedankt hast, sondern auch gesagt hast, wobei genau dir deine Eltern geholfen haben«, sagt die neunjährige Karina.

Den Vortrag des Mitschülers zu kommentieren, den anderen ausreden zu lassen, jeden Tag zu lesen – das alles sind feste Rituale, über die Monika Kaiser-Haas nicht diskutiert. Dabei lässt sie viel Freiraum. Da kann sich zum Beispiel der zehnjährige Jan zwischendurch an den Laptop seiner Lehrerin setzen und ein bisschen mit einem Grafikprogramm herumspielen. Nach einer Viertelstunde hat er eine Figur gezeichnet, die deutlich als römischer Legionär erkennbar ist. »Oh, das ist toll. Speicher das mal«, sagt Monika Kaiser-Haas.

Ein Lehrbuch für die Lehrerin

Sie könnte sich auch darüber aufregen, dass ein Schüler ihren Computer benutzt, ohne sie zu fragen. Viele Lehrer würden das tun. Doch viele Lehrer werden auch nicht verstehen, wie man nach vielen Jahren im Beruf auf die Idee kommen kann, seinen bisherigen Unterrichtsstil infrage stellen kann.

Der siebenjährige Luft- und Raumfahrtexperte von damals hatte für Monika Kaiser-Haas am Ende der vierten Klasse noch ein Buch geschrieben, nur für sie. Darüber, wie sie den Mathe-Unterricht für Begabte wie ihn in Zukunft etwas interessanter gestalten könne. Das Buch, sagt sie, benutzt sie noch heute. Ob sie auch wisse, was aus dem Jungen geworden sei? Natürlich! Der gehe jetzt in die zwölfte Klasse an einer Schule für Hochbegabte und wolle nach dem Abitur Informatik studieren. Einmal im Jahr komme er vorbei, um sie zu besuchen. »Dann hilft er mir immer mit meinem Computer. Da kenne ich mich einfach nicht aus.«

*Alle Namen der Kinder wurden geändert

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Leser-Kommentare
    • Zel
    • 09.03.2008 um 23:14 Uhr

    Würde man den Mythos Hochbegabung mal ohne die Klischeebrille betrachten, dann bleibt nicht mehr viel positives übrig. Hochbegabung ist nichts anderes als eine Entwicklungsstörung, genauso wie eine Lernbehinderung eine ist.Objektiv kann man nicht erkennen, daß mutmaßlich Hochbegabte im Lebensverlauf irgendwie zu besseren Ergebnissen für sich selbst oder gar für die Gesellschaft kommen-je älter sie werden desto schneller bewegen sich sich wieder Richtung Durchschnitt. Kaum eines, im Grunde keines der hochbegabten Kinder wird in den Geschichtsbüchern auftauchen, kaum einer Karriere machen etc.. Erstaunlich ist nur, wie schnell sich immer wieder Leute finden, die diesen Kindern ein Erwachsenenleben vorgauckeln und vorgeben sie damit zu "fördern". Bei den Kindern mit Lernbehinderung muss jeder Cent regelrecht erbettelt werden, da springt keiner auf und es wird auch nicht wohlwollend über diese Kinder in den Medien berichtet.Vielleicht sollte man mal gucken, was es Hochbegabten so schwer macht, eine normale Kindheit zu leben? Vielleicht würden die dann auch im späteren Leben noch Leistungen vollbringen, von denen die Gesellschaft etwas hat?

    Eine Leser-Empfehlung
  1. Als Vater zweier hochbegabter Kinder freue ich mich über diesen Ansatz von Monika Kaiser-Haas!  Meine Tochter (12 Jahre, jetzt in der 7. Klasse des Gymnasiums) und mein Sohn (9 Jahre, jetzt in der 5. Klasse des Gymnasiums) sind in der Schule lange Zeit in einem Loch der Langeweile versunken. Im Kindergarten spielten sie von Anfang an nur mit den älteren Kindern, langweilten sich, wenn es um "altergerechte" Spiele ging. Lesen und Rechnen haben sich beide ohne unsere Hilfe vor der Einschulung beigebracht (mein Sohn konnte mit viereinhalb Jahren lesen). Schreiben hatten sie vier Wochen nach der Einschulung drauf.  Erst die Gutachten brachten die Hochbegabung der Kinder an den tag. Und damit eine Herkules-Aufgabe: Was wollen Sie mit Kindern machen, die schon in der Grundschul-Zeit morgens die Zeitung lesen wollen und anschließend mit den Eltern über den Irak-Krieg oder den islamischen Terrorismus diskutieren? Was sagen sie einem Mädchen, dass sich sehnlichst einen Chemie-Baukasten wünscht und sich statt Postern von Tokio Hotel lieber ein Perioden-System an die Wand hängt? Was sagen Sie einem Jungen, der Dank seines fotografischen Gedächtnisses mit Ihnen darüber streitet, auf welcher Seite in einem Buch welcher Satz gestanden hat, der sich aber konsequent weigert, diese Fähigkeit für Klassenarbeiten oder Vokabeltests einzusetzen, weil es ja unfair den Mitschülern gegenüber ist? Denn das ist ja die Kehrseite der Hochbegabung: Viele dieser Kinder sind zwar in Ihren Stärken zuhause, fürchten aber nichts mehr, als ausschließlich  mit ihnen identifiziert zu werden. Sie unterdrücken teilweise ihre Begabung (sogenannte "underachiever"), um möglichst normal leben zu können. Und nicht als "Streber" oder Ähnliches eingestuft zu werden. Und wenn Leser Zel hier davon schreibt, dass Eltern ihren Kindern das Erwachsenenleben vorgauklen und er gleichzeitig diese Kinder gegen jene mit Lernbehinderung ausspielen will, ist dies infam. Wie infam sieht man am letzten Absatz: Hochbeganbte sollen so beschult werden, damit sie ein nützliches "Glied der Gesellschaft werden, die gesellschaft etwas davon hat? Ekelhaft, wie er die Kinder vom 1. Schultag auf Marktwirtschaft trimmen will.  Wenn wir unsere "kleinen Riesen" nicht so unterstützen würden, dass sie sich in der Regelschule nicht zu Tode langeweilen, dann würden sie aufgrund ihrer Psyche im Abgrund landen. Wenn wir uns nicht an den eigenen Haaren aus dem Regelschul-Sumpf herausziehen würden, würden wir unsere Kinder in den menschlichen Ruin treiben. Das größte Problem der Hochbegabung ist, dass  die Hochbegabten als Schlau gelten, als Kinder, die alles wissen. Das ist falsch! Hochbegabte sind Kinder die alles wissen wollen - oder auch nur in einem bestimmten (Fach-) Gebiet. Sie haben oft einen leichteren Zugang zu Themen und Inhalten. Was ihnen fehlt, sind oft die richtigen Lerntechniken und die Begleitung durch die Schule und die Gesellschaft. Sie gelten als vom Glück begünstigte, denen man nicht zu helfen braucht. Gepaart mit Ignoranz endet das manchmal in der Katastrophe:   In einer benachbarten Stadt hat sich ein hochbegabter Junge das Leben genommen, weil er von seinen Lehrern nicht ernstgenommen und nicht unterstützt wurde, in seinem Wunsch, seinem Bedürfnis, eine Klasse zu überspringen. Die Gutachten über die Hochbegabung lagen vor. Doch der Schulleiter hat diesen Wunsch der Eltern und des Kindes über mehrere Monate hinweg ignoriert. Muss es erst soweit kommen?Lieber Leser Zel, informieren Sie sich erst einmal gründlich,  bevor Sie hier auf den Hochbegabten herumhacken und zwei gleichermaßen benachteiligte Gruppen gegeneinander ausspielen. So helfen Sie weder den Kindern mit Lernschwächen och denen mit Hochbegabungen, sonder stellen sich selbst ein Armuts-Zeugnis aus. Und das hat nichts mit Raub der Kindheit zu tun, sondern mit der Gesundheit der Familien und der en Verhältnis zu Ihrer Umwelt. Ein Beispiel: Wir haben unsere Tochter, weil sie klein und zierlich und ein Frühchen war, erst mit sieben Jahren eingeschult um Ihr "noch ein Jahr zu schenken". Die Folge: In der zweiten Klasse hat sie abgeschalltet, sackte von sehr guten Noten ab, beteiligte sich nicht mehr am Unterricht, ging mikt Bachschmerzen zur Schule, wollte morgens nicht mehr aufstehen und so fort... Nach dem Gutachten  über die Hochbegabung ist sie dann in die vierte Klasse gesprungen und plötzlich war der Stress vorbei: Wir hatten wieder ein fröhliches ausgeglichenes Kind, das gerne zur Schule ging, das wieder gut Noten schrieb und dass sich wieder anderen Kindern zuwandte. So ist es geblieben.Klar, wenn sie ihre faulen Phasen hat ist auch mal eine vier oder fünf drin, aber der grundsätzliche Wille zu lernen, zur Schule zu gehen ist zurück.  die begeisterung für die eigenen Fähigkeitenb ist wieder da, das vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das hat nichts damit zu tun, dass wir unsere Kinder zu Prinzessinnen oder Prinzen machen wollen, sondern dass wir Kinder wollen, die ausgeglichen und zufrieden sind, die gerne und mit Freude zur Schule gehen und Ihren Begabungen entsprechend ihren Weg gehen. Wenn dabei die Methode von Frau Kaiser-Haas hilft, dann wünsche ich mir eine Monika Kaiser-Haas an jede Schule! 

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Wo ist jetzt das Besondere an diesem Artikel außer dem Eye-Catcher "Hochbegabung"?Die Kernaussage des Artikels ist, dass man Kinder individuell fördern sollte. Aha, interessant. Hätte ich ja nicht gedacht. Das kann aber man z.B. mit kleinen Klassen extrem gut. Da brauchen sich dann auch die Lehrer nicht neu zu erfinden. Überhaupt betreibt dieser Artikel die Herabsetzung der Lehrer ganz schön massiv: viele der Lehrer, die ich durch meine drei Kinder gesehen habe, versuchen die individuelle Förderung, die der Artikel verlangt, im grauen Alltag irgendwie durch zu bringen - die einen mehr, die anderen weniger erfolgreich. Wenn die Musterlehrerin aus dem Artikel also nach 20 Jahren merkt, was sie bislang falsch gemacht hat, freut es mich für sie, dass sie doch noch die Kurve gekriegt hat. Das aber als superneue Erkenntnis zu feiern ist wohl doch etwas dünn. Letztlich verkauft der Artikel Banalitäten, schön gemacht und verpackt mit dem Attribut der Hochbegabtenförderung, dem hippen Passepartout des Tages. Das tragen die "Experten" nun alle wie eine Monstranz vor sich her und machen die Leute verrückt. In unserer Stadt hat neuerdings ein Gymnasium einen Zug für Hochbegabte. Da wird ein Tammtamm drum gemacht, das ist schon grotesk. Und alle Leute aus dem abstiegsbedrohten mittleren Bürgertum hoffen nun, hochbegabte Kinder zu haben, auf dass damit der Abstieg angehalten werde. Wenn man diese Leute doch nur nicht mit dem Getränk der Hochbegabung besoffen machen würde! Man würde ihnen und ihren Kindern und dann auch wieder den Lehrern so viel Stress ersparen. Warum kann der Staat, der gelegentlich ja Steuern einnimmt, - jedenfalls bei dem abstiegsbedrohten mittleren Bürgertum, das anders als der Postvorstand zwecks Alterssicherung auch mal über dem Sparerfreibetrag liegt - diese Steuern nicht mal sinnvoll einsetzen, indem er einfach die Klassengrößen auf ein erträgliches Maß reduziert? (Fast) alles käme dann ganz von selber!

  3. Meine drei Vorredner zeigen, zu was das Thema Hochbegabung inspirieren kann:
    1. ZEL macht aus Hochbegabung eine Entwicklungsstörung und postuliert, dass kein/e Hochbegabte/r Geschichte machen werde (ich empfehle einschlägige Lektüre zur Korrektur dieses Vorurteils) und dass es unfair sei, wie sehr Hochbegabte im Vergleich zu Kindern mit Lernbehinderung gefördert würden. 
    2. S. Marten kommt aus der Elternperspektive und fühlt sich zu Recht auf den Schlips getreten. Sein Erfahrungsbericht zeigt, wie sehr das Thema Familien belastet und wie sehr Familien zuweilen unter dem Stigma leiden, das Hochbegabten anhaftet (siehe das Vorurteil von ZEL).
    3. Flinke Perioden nun wiederum macht sich vor allem Sorgen über das abstiegsbedrohte Bürgertum und findet, individuelle Förderung sei am Besten mit kleineren Klassen zu bewerkstelligen. Außerdem hält er/sie den Artikel für banal und die Erkenntnisse der dargestellten Lehrerin für trivial.
    Es stimmt: Hochbegabung ist dann eine Entwicklungsstörung, wenn schnellere Auffassungsgabe und komplexes Denken als Abweichung von der Norm und damit als Störung bezeichnet werden. Ein ständig wissensdurstiges Kind ist nicht nur die reine Freude seiner Eltern. Und schließlich ist fast banal zu nennen, dass der Unterricht sehr viel stärker auf Einzelne eingehen kann, wenn die Klassen kleiner sind. Okay, dass dann alles von alleine gehen soll, würde ich jetzt mal vorsichtig in Zweifel ziehen. 
    Schauen wir uns das Gesamtphänomen an: Prof. Rost untersucht seit ungefähr 20 Jahren Hoch- und Normalbegabte in einer Längsschnittstudie. Er fand heraus, dass etwa 60 Prozent der Hochbegabten nicht wissen, dass sie hochbegabt sind. Müssen sie auch nicht, sie kommen im derzeitigen Schulsystem klar. Dass es Begabung gibt, ist unstrittig, dass es hohe und höchste Begabungen gibt, ebenso. Das Ganze als Illusion zu bezeichnen ist also schlicht falsch.
    Ich finde auch das Stigma nicht zielführend, das Hochbegabten gerne mal angehängt wird. Nach Rost sind ungefähr 15 Prozent der Menschen mit IQ über 130 Underachiever. Das entspricht in etwa dem Anteil von Minderleistern unter den Normalbegabten. Damit sind Hochbegabte nicht besser oder schlechter in der Ausbeute ihrer Möglichkeiten als Normalbegabte.
    Mir gefällt trotz dessen bedauerlichen Abgleitens ins Pauschal-politische die Idee von Flinke Perioden, nicht nach einer speziellen Förderung für Hoch- oder Minderbegabte zu rufen, sondern nach einer möglichst individuellen Förderung aller Kinder. Denn damit steigt die Chance, nicht mehr alle aus der Norm fallenden Kinder zu stigmatisieren. Und genau das tut die im Artikel dargestellte Lehrerin und sorgt dafür, das diese Kinder mit recht einfachen Möglichkeiten ein bisschen glücklicher werden.
    Und daneben verlieren meines Erachtens das Ende des Mythos Hochbegabung, das abstiegsbedrohte Bürgertum und sogar ein bisschen die Sorgen der Eltern an Relevanz. Denn glückliche Kinder, unabhängig vom individuellen Leistungsvermögen, zeigen die Qualität unserer Gesellschaft - nicht mehr und nicht weniger.

  4. Hetty Bayliss' Kommentar zur individuellen Förderung aller Schüler ist eine schöne Vorstellung. Sie gefällt mir auch. Aber leider, leider geht dieses Ideal an der Wirklichkeit vorbei. Die besteht aus (Gymnasial)Klassen mit 30 bis 33 Schülern, chronischem Unterrichtsausfall und dem Verbot durch die Kultusminister an die Schulleiter, das Thema Unterrichtsversorgung offen zu diskutieren (Schließlich müssten die Minister dann etwas an diesen Missständen ändern). Unter dieser Unterversorgung leiden übrigens nicht hauptsächlich die Hochbegabten, sondern viel stärker die Kinder mit Lernschwächen und der durchschnittlich begabte Schüler. Diese Gruppen können nämlich die strukturellen Defizite unseres von ideologische Machtkämpfen krankgemachten Schulsystems nicht  ausgleichen. Was Hochbegabten und deren Eltern Angesichts dieser Situation bleibt, ist Eigeninitiative. Will sagen: 1. Das Anlegen einer eigenen Bibliothek. Schließlich fragen Hochbegate mit Vorliebe außerhalb der Öffnungzeiten von Bibliotheken, was vor dem Urknall war oder ob Feuer etwas wiegt. 2) Die Aufrüstung aller Kinderzimmer mit internetfähigen PCs. Schließlich wollen die Kinder selbst nach Antworten suchen und sich mit Gleichgesinnten etwa bei Mensa Kids austauschen.3.) Der Gründung von Vor-Ort-Initiativen, in denen sich Eltern und Hochbegabte für gemeinsame (auch intellektuell fordernde) Freizeitaktivitäten treffen und sich gegenseitig beim Gang durch die (Schul-) Institutionen unterstützen. 4.) Die Suche nach Wettbewerben (Mathe, Chemie, Physik, Biologie) oder musischen Aktivitäten, bei denen sich die Kinder unter Gleichgesinnten austoben und Ihre Neigungen ausleben können.Dass es in den Schulen oft am Nötigsten (Lehrern und vernünftigen Konzepten) mangelt, liegt meiner Meinung nach auch daran, dass es keine zentrale Schulpolitik, sondern  die Kleinstaaterei des föderalen Systems gibt. Dass sich in den Länderparlamenten die gewählten (Lehrer- und Beamten)Vertreter austoben und ihre eigenen antiquierten Vorstellungen von Schule alle vier Jahre neu per Erlass regeln. Am Ende steht eine höchstens durchschnittliche Schule die höchstens durchschnittliche Ergebnisse produziert. Schüler, die unter oder über dem Durchschnitt lernen, bleiben auf der Strecke.

  5. Was Hochbegabten und deren Eltern Angesichts dieser Situation bleibt, ist Eigeninitiative.Ja, nicht nur den Eltern der Hochbegabten, nein allen Eltern. Deswegen mein zugegebenermaßen säuerlicher Duktus: Da leben wir in einem der reichsten Staaten der Erde und die Klassenlehrerin in der Grundschule kauft sich von ihrem eigenen Geld eine Europakarte, weil der Schulfundus nur Karten mit Eisernem Vorhang kennt. Die Klassengröße wurde schon genannt. Die PC Arbeitsplätze wurden auch erwähnt, auch die Bibliothek. Museumsbesuche, gmeinsames Musizieren und und und. Vieles, aber nicht alles, können wir selbst leisten und tun das auch. Nur der Staat, dem wir die Steuern für diese Zwecke doch eigentlich entrichten, der verabschiedet sich da leise. Daher mein Ärger. Klar, als Eltern können wir dafür aufkommen, in den USA habe ich supertolle Schulen gesehen, die bezahlen die Eltern selber. Können wir hier auch so machen. Aber dann zahle ich keine Steuern mehr, denn Steuern zahlen und die neue Erdkundekarte spenden, das geht nicht zusammen. Aber zurück zur Sache:Bitte nicht das Thema Hochbegabte mit Elite vermengen (Wettbewerbe), denn dann gibt es die schöne , förderliche Ausstattung nur für einen kleinen Teil der Kinder und die Masse bleibt wieder am Spielfeldrand und fällt weiter zurück. Für die Gesellschaft insgesamt ist aber nicht nur wichtig, dass Einzelne ganz weit kommen, sondern viele auch recht weit, und das, fürchte ich, geht uns gerade wieder verloren. Und bzgl. meiner Allergie beim Wort "Hochbegabte": ich sehe momentan viele Eltern, die das Thema Hochbegabung ziemlich laut vor sich hertragen, nach der Art "ist hier noch jemand, der nicht schon bemerkt hat, dass mein Kind hochbegabt ist?" (natürlich subtiler vorgetragen). Schon im Interesse meiner Kinder wäre ich da mal zurückhaltend. Es gibt einige Kleine, denen das Gerede ihrer Eltern über ihre Hochbeganung schon zu Kopfe gestiegen ist. Auch beim Thema Wettbewerbe bin ich skeptisch. Schwingt da nicht ein wenig Schielen nach Dekorationen mit? Sorry, aber ich kenne einfach aus eigener Anschauung Eltern, die ihre Kinder kompensatorisch by proxy in Musikwettbewerbe schieben. Solcherlei Selbstsucht dient dem wirklich hochbegabten Kind auch nicht. Zudem muß man aufpassen, dass man die Kinder nicht ausschließlich in geschlossene Zirkel Gleichgesinnter gibt, damit sie nicht sozial eindimensional werden. Ich kann nur feststellen, dass sich die Zirkel gleichgesinnter Eltern hier am Orte ganz von alleine finden und die Kinder genug und ziemlich vielgestaltige Förderung erfahren. Klar, könnte alles noch besser sein, aber wir leben nun mal nicht in der besten aller Welten. Wir sehen auch im Schnitt schon engagierte Lehrer (wobei das Engagement von der Grundschule zum Gymnasium spürbar abnimmt). Wenn die doch nur mehr aufs einzelne Kind eingehen und wirklich Lehrer sein könnten, also nicht noch Mediator, Sozialarbeiter, Psychologe usw. Will sagen, klar, Loki Schmidt hat erfolgreich Klassen von 40 Kindern unterschiedlichen Alters gefördert, was frage ich da nach kleineren Klassen als 30-33 Kinder? Aber das war vielleicht auch eine andere Zeit, in der die sozialen Gefüge nicht so disparat waren. Also mehr besser qualifizierte und damit auch engagiertere Lehrer bezahlt von der ganzen Gesellschaft. Aber am Ende sind doch wieder wir Eltern gefordert, das kann man uns einfach nicht ersparen. 

    • Zel
    • 12.03.2008 um 8:24 Uhr
    7. Oje

    @s.martenMangels Hochbegabung haben Sie mich einfach nicht verstanden. Ich habe geschrieben "zu besseren Ergebnissen für sich selbst oder gar für die Gesellschaft kommen"-wenn sie das ausschließlich mit finanzieller Wertschöpfung verbinden, dann sollten sie vielleicht anstelle über den Irak zu schwadronieren mal diesen Satz am Beispiel der eigenen Lebenswirklichkeit mit ihrem Kind diskutieren?Auch das sich ein Kind wegen gemutmaßter Hochbegabung angenommener Weise umbringt, weil es den Klassenwechsel nicht bekommt stärkt meine These umso mehr. Nix anderes passiert ungleich öfter bei Kindern, die zurückgestuft werden. Was bei der Hochbegabtenförderung falsch läuft, sieht man bei den Lernbehinderten. Das ihre Kinder die Zeitung lesen, ist im übrigen kein Zeichen von Hochbegabung, daß machen etliche andere Grundschüler auch-zu meiner Zeit war das auch keine Sensation.Es bekommen auch etliche Schüler ohne andiagnostiezierte Hochbegabung die körperlichen Syptome, die ihre Tochter beim Schulbesuch gezeigt hat. Das hat nur leider nichts mit Hochbegabung zu tun, sondern mit dem Sozialverhalten von Kindern. Ihre Tochter wird unter Umständen massive Probleme im Erwachsenenleben haben, weil mal eben was überspringen ist das nicht mehr möglich. Darauf habe ich angespielt mit den Worten "Erwachsenenleben vorgauckeln", denn in der Erwachsenenwelt läuft es so nicht. Da draussen hilft kein übermotivierter Vater oder der Verweis auf Hochbegabung, da muss man sich durchboxen. Diesen Lernerfolg haben Sie ihrem Kind erstmal vorenthalten, indem sie sie aus der Klasse rausgenommen haben und in eine andere mit der Wunschsozialisation hineingesteckt haben. Sinnvoller wäre es gewesen ihr beizubiegen, wie sie die Probleme am Ort des Geschehens bewältigt, anstatt davor wegzurennen. Das führt nämlich unter anderem später dazu, daß Hochbegabte wieder aufs Mittelmaß oder drunter absacken. Weil sich auf die "Störung" Hochbegabung konzentriert wird und eben nicht auf die kindlichen Bedürfnisse. Mal ein Tipp: Ändern sie mal in ihrem Text das Wort Hochbegabung und ersetzen sie es mit Lernbehinderung. Das ändert am Sachverhalt absolut garnix! Nur werden sie das aus psychologischen Gründen nicht tun, weil Sie sich niemals trauen würden, ein lernbehindertes Kind einen "kleinen Riesen" zu nennen. 

  6. Wer kennt sie noch, die Begabtenförderung in Bayern Anno 1967?Im sogenannten Leistungszug sollten Gymnasiasten ab 1967 in nur 8 Jahren die allgemeine Hochschulreife erlangen. Meine sprachliche Begabung hat mir damals zum Eintritt in diesen exklusiven Zirkel verholfen, meine geringer ausgeprägte mathematische Begabung mich, dank eifriger Zuarbeit des Mathelehrers (Begrüßung: "Wie, Du hast im Vorjahreszeugnis in Mathematik eine 4?????") nach anderthalb Jahren wieder zu den "Normalos" verbannt. Dafür bin ich dem Herrn heute noch dankbar, denn echte Schulkameraden hatte ich unter den Strebern keine. Es wären acht einsame Jahre geworden. An die daraus möglicherweise entstandene Charakterverbiegung mag ich gar nicht denken.

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