Oper Der glühende Meteor
Giuseppe di Stefano war die Idealfigur eines italienischen Tenors. Zum Tod des Sängers eine Erinnerung an seine größten Arien.
Die Nachricht vom Tod einer Sängerlegende kann für die Verehrer leicht zum Erweckungserlebnis werden. Man holt die alten Platten hervor, liest noch einmal die Heldengeschichten von einst und fühlt sich plötzlich wieder ganz eingenommen, beschwingt, beseelt von dem gerade Verblichenen. Kaum hat man also vernommen, dass Giuseppe di Stefano im hohen Alter von 86 Jahren gestorben ist, möchte man sich am liebsten zurückversetzen in die Zeit, in der der grandiose italienische Tenor bei voller Kraft gesungen hat. Zur nächtlichen Stunde sitzt man dann vor Tosca, vor Manon Lescaut, vor La Bohème und Bajazzo und kann sich von den Aufnahmen gar nicht mehr losreißen. Giuseppe di Stefano war zwischen 1948 und 1963 mehr als nur der Prototyp des italienischen Tenors: Er war dessen Idealisierung.
Man kann das Phänomen des 1921 geborenen Sizilianers nicht beschreiben, ohne über disparate Gesangstechnik, begrenzte Höhe und am Ende (in den frühen sechziger Jahren) über fahrlässigen Umgang mit den vokalen Reserven zu stöhnen. Aber die Irritation hat jedes Mal ein Ende, wenn man jenseits der manchmal etwas gestaut und gepresst wirkenden Spitzentöne die herrliche lyrische Energie bemerkt, welche di Stefano wie selbstverständlich immer wieder gelang. Freilich war dieser Tenor auf dramatische Partner angewiesen, er bedurfte der Intelligenz, des Eros, der Leidenschaft anderer, um sich selbst anzustacheln und in die Unbedingtheit wahrhaftigen Ausdrucks vorzudringen.
Dabei half ihm keine Geringere als Maria Callas . Sie beide galten in den fünfziger Jahren als wundervolle Schicksalsgemeinschaft, und beide sollten später, als die Stimmen nur noch von ihren eigenen Schatten beflügelt waren, auf große Abschiedstournee gehen, sollten 1973 durch die Städte tingeln, als sei dort das Echo einer überlebten Ära zu finden. Tatsächlich beschwor dieses reisende Lebewohl vor allem das Vermächtnis jener Glanzzeit, in der die Callas und di Stefano anderthalb Jahrzehnte lang von Triumph zu Triumph geeilt waren. Di Stefano war nie stärker, expressiver, berührender als in jener Tosca- Aufnahme unter Victor de Sabata von 1953, als er neben der Callas in der Titelpartie und neben Tito Gobbi als Scarpia die elementaren Klage- und Liebeslaute des Künstlers Mario Cavaradossi von sich gab. Von Maria Callas wurde di Stefano hinübergezogen in eine Sphäre psychologischer Enthemmung, die er allein nie erreicht hätte. Als er zehn Jahre später dieselbe Partie neben Leontyne Price unter Herbert von Karajan sang, wirkte er seltsam äußerlich. Nicht nur, dass die Stimme bereits hörbar angeraut war, sie schlug auch wie ein Meteor ein, der nicht mehr glüht. In diesem Jahr 1963 räumte er in Covent Garden eines Abends in schier seherischer Indisposition seinen Platz für einen Jüngeren. Es war Luciano Pavarotti .
Als Giuseppe di Stefano 1992 in der römischen Oper seine definitive Abschiedsvorstellung gab, war er immer noch Tenor – jetzt in der kleinen Rolle des Kaisers Altoum in
Turandot.
Ohne Puccini ging es nicht.
Giacomo Puccini:
Tosca; Maria Callas, Giuseppe di Stefano, Tito Gobbi,
Chor und Orchester der Mailänder Scala, Leitung: Victor de Sabata
(Naxos 8.110256-57, 2 CDs)
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- Datum 05.03.2008 - 12:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.03.2008 Nr. 11
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