Österreich Am Scheideweg

Oftmals wurde dem Kanzler – gemeint ist Alfred Gusenbauer – unrecht getan. Nur bei önologischen Problemen hielt man ihn für kundig. Seine Standfestigkeit wurde mit einem Schilfrohr im Wind verglichen. Doch nun beweist sein eben erschienenes Buch, wie falsch und ungerecht all diese Vorurteile sind. Es trägt den programmatischen Titel Die Wege entstehen im Gehen. Sofern es seine Regierungslinie betreffe, führt der SPÖ-Vorsitzende aus und bekräftigt damit unsere subkutane Befürchtung, existierten gar keine Wege. Folgerichtig würde sich dort, wo Gehen nicht stattfindet, auch kein Weg einstellen. Die Koalition, die sich Churchills »No sports!« zum Motto gewählt und jeder Bewegung abgeschworen hat, stellt Gusenbauers These eindrucksvoll unter Beweis. Obwohl gerade das Gehen – gemeint ist hier der Abgang – dem Wählerwillen entspräche. Der Kanzler, der den Verlust der Utopie zugunsten der Pragmatik beklagt, übersieht, dass sich gerade diese Regierung im Nirgendwo befindet. Pragmatisch erscheint lediglich das Sesselkleben aus Angst vor dem Machtverlust. Gerechtigkeit sei ihm ein Anliegen, führt Gusenbauer weiter aus und verweist auf Onkel Toms Hütte, eine Lektüre, die ihn geprägt habe. Nicht die schlechteste Vorlage für politische Ideale, vor allem verglichen mit Erwin Prölls Lieblings-, weil einziger Leseerfahrung, dem Schatz im Silbersee . Diese Wildwestlektüre färbt sichtbar auf die Kultur in Niederösterreich ab. Keine Rolle in diesem Western findet der Vizekanzler, dessen prägende literarische Erfahrung Der Mann ohne Eigenschaften gewesen sein dürfte – wobei Molterer aber offensichtlich über die Lektüre des Titel nie hinauskam. Alfred Dorfer

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

 
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