Computer Rollenspiel als Sucht

Besonders von Online-Spielen werden immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene abhängig. Erstmals gibt es für sie nun eine Therapie. Ein Interview mit dem Leiter Klaus Wölfing

Sie leiten das gerade gestartete Modellprojekt Spielsucht-Ambulanz. Was passiert dort?

Wir behandeln neben pathologischen Glücksspielern zum ersten Mal auch Computerspielsüchtige – Jugendliche und junge Erwachsene, für die es bisher kein Therapieangebot gab. Das zwanghafte Spielen von Online-Games, besonders von Rollenspielen, ist noch nicht als behandlungsbedürftige Störung anerkannt. Aber fünf bis zehn Prozent der regelmäßigen Computerspieler suchen Hilfe, weil sie nicht mehr aufhören können und das Spiel zum Mittelpunkt ihres Lebens wird.

Wie versuchen Sie zu helfen?

Wir bieten eine ambulante Gruppentherapie an. Die Gemeinschaft der Therapiegruppe ist ein Ersatz für die sogenannte Gilde. Mit dieser virtuellen Gruppe werden in der Fantasiewelt der Rollenspiele über Hunderte von Stunden hinweg Aufgaben gelöst und Kämpfe gefochten.

Und worin besteht die Therapie konkret?

Wir behandeln ambulant, weil man heutzutage niemanden von Computer und Internet fernhalten kann. Nach der Therapiestunde müssen die Patienten zu Hause sofort üben, den Suchtreizen zu widerstehen und die Onlinezeit zu reduzieren.

Warum sind gerade Rollenspiele gefährlich?

Sie haben das größte Suchtpotenzial. Man kann, versteckt hinter einer Maske, in die Welt treten und seine Identität frei gestalten. Jenseits von realen Problemen ist der Aufstieg in der Spielhierarchie schnell möglich. Anerkennung und soziales Prestige sind für jedermann erreichbar. Ein Patient sagte mir: »In der Schule bin ich niemand, aber dort bin ich der große Barbar!«

Welche Folgen hat die Sucht für den Einzelnen?

Die Onlinewelt pausiert nicht. Während man schläft, löst die Gilde vielleicht gerade eine Aufgabe, und schon ist man hintendran. Das wirkliche Leben gerät in den Hintergrund. Verwahrlosung und Fehlernährung drohen. Irgendwann rasten die Süchtigen dann aus – das ist oft das erste Mal, dass Jugendliche ihre Eltern schlagen.

Gibt es bereits erprobte Therapiekonzepte?

Nein, aber es gibt natürlich Erfahrungen mit Glücksspielsucht und Drogenabhängigkeit. Neu ist die Virtualität. Ich versuche, nicht nur Defizite aufzudecken, sondern die Kompetenzen und Ressourcen der Spieler von der Parallelwelt in die reale Welt mitzunehmen. Als Gildenleiter führt man zum Beispiel 50 Spieler, um komplexe Aufgaben zu lösen. Solche Fähigkeiten sind schließlich auch in der Wirtschaft gefragt.

Interview: Till Maase

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 06.03.2008 Nr. 11
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    • Schlagworte Computer | Sucht | Computerspiel
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