Der Müller war schon wieder beim Chef. Mehr Geld raushauen. Sie sieht das, als sie sich an ihren Schreibtisch setzt. Da liegt Müllers Personalakte, mit Vermerk vom Geschäftsführer: 200 Euro mehr für den Sachbearbeiter Müller. Sie schaltet den Computer ein und aktualisiert Müllers Gehalt. 3.000 Euro verdient er jetzt. Ein Mausklick weiter, und sie ist bei seiner Kollegin. Die hat den gleichen Job wie Müller, zehn Jahre Berufserfahrung, genau wie er. Sie bekommt 600 Euro weniger für die gleiche Arbeit. »Natürlich weiß die das nicht«, sagt Ute Rötsch*.

Ute Rötsch weiß es. Sie ist zuständig für die Gehaltsabrechnung bei einer norddeutschen Maschinenbaufirma. Sie sitzt in ihrem Büro und schaut sich am Computer an, was ihre Kollegen verdienen. Klick, ein technischer Zeichner: 2.500 Euro. Eine technische Zeichnerin: 2.100 Euro. Klick, ein Buchhalter: 2.400 Euro, eine Buchhalterin: 2.000 Euro. Am Schluss holt sie sich selbst auf den Schirm. Rötsch, Ute, 39 Jahre, Leiterin der Finanzbuchhaltung, Vorgesetzte von vier Mitarbeitern und einer Halbtagskraft, Gehalt: 3.500 Euro. Der Kollege Abteilungsleiter nebenan, Vorgesetzter von vier Mitarbeitern, ohne Halbtagskraft, bekommt 700 Euro mehr. »Ich bin halt auch nur eine Frau«, sagt Ute Rötsch.

Sie hat früher in einem Autohaus gearbeitet, bei einer Reederei, einem Stahlkonzern. Immer hat sie Bilanzen erstellt, hat Löhne und Gehälter abgerechnet. Meistens war sie neben den Chefs die Einzige, die von jedem Ingenieur und jedem Marketingassistenten wusste, was er verdiente. Von jeder Ingenieurin und jeder Marketingassistentin auch. Und fast immer bekamen die Männer für die gleiche Arbeit mehr als die Frauen.

Es wird in diesen Wochen viel über Geld geredet in Deutschland. Sozialforscher beklagen die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Gewerkschaften wie die IG Chemie und ver.di verlangen bis zu acht Prozent mehr Lohn. Politiker wie der SPD-Chef Kurt Beck sagen, der Aufschwung dürfe nicht am kleinen Mann vorbeigehen.

Nur von den Frauen spricht niemand.

Dabei ist das, was die Buchhalterin Ute Rötsch bei ihrer Arbeit entdeckt hat, bloß der kleine Beleg für ein großes Problem: Im Durchschnitt verdienen Frauen in Deutschland pro Stunde rund 25 Prozent weniger als Männer. So steht es in Studien der Europäischen Union, der Industrieländerorganisation OECD, des Statistischen Bundesamts. In kaum einem anderen Industrieland ist der Abstand so groß, nirgendwo so dauerhaft, in den vergangenen 30 Jahren hat er sich kaum verringert. Wenn es in Deutschland eine gesellschaftliche Gruppe gibt, an der nicht nur dieser, sondern auch jeder vorherige Aufschwung vorbeigegangen ist, dann sind das nicht die Stahlarbeiter, die Müllwerker oder die Lokführer. Es sind die Frauen.

Woran liegt das? Warum verdient ein Vollzeit arbeitender Architekt in Deutschland nach Berechnung des Statistischen Bundesamts durchschnittlich 4516 Euro im Monat, eine Vollzeit-Architektin aber nur 3368 Euro? Wieso bekommt ein Bankkaufmann durchschnittlich 4215 Euro, eine Bankkauffrau jedoch nur 3049 Euro? Weshalb erhält ein Konditor durchschnittlich 2440 Euro, eine Konditorin dagegen nur 1745 Euro?

Es könnte theoretisch daran liegen, dass Frauen nicht so gut sind wie Männer. Dass sie weniger wissen, weniger können. Das Gehalt einer Architektin, Bankkauffrau oder Konditorin ist – rein ökonomisch gesehen – ja nichts anderes als ein Preis. Der Preis für ihre Arbeitskraft. Und so wie ein Kleinwagen mit schwachem Motor einen niedrigeren Preis erzielt als ein PS-starker Kombi, so muss sich eine schlecht ausgebildete Frau mit einem niedrigeren Gehalt zufriedengeben als ein gut ausgebildeter Mann. Er ist eben einfach besser, und der Markt honoriert das. Sie muss froh sein, überhaupt einen Job zu bekommen. So könnte es sein.

Wenn sie zu arbeiten anfangen, werden »Alpha Girls« zu Beta-Frauen

So war es mal. Noch in den siebziger Jahren hatten Mädchen im Durchschnitt eine deutlich niedrigere Schulbildung als Jungen. Auf den Hauptschulen waren sie in der Mehrheit, auf den Gymnasien und den Universitäten in der Minderheit. Frauen hatten die schlechteren Schulabschlüsse und deshalb die schlechteren Jobs. Damals wäre es eine Überraschung gewesen, hätten sie nur annähernd so viel Geld verdient wie Männer.

Aber das ist lange her.

Heute sind die Jungen unter den Hauptschülern in der Mehrheit. Genau wie unter den Sonderschülern, den Schulabbrechern und den Sitzenbleibern. Die Mädchen haben sie überholt. Sie schaffen es häufiger als Jungen zum Abitur, sie studieren schneller, gehen öfter ins Ausland und verfügen gemäß zahlreicher Studien über eine höhere soziale Kompetenz. Sie heißen jetzt: Alpha Girls . Zum Vergrößern des Ausschnitts klicken Sie bitte auf die Grafik BILD

Das Wort hat sich der amerikanische Kinderpsychologe Dan Kindlon von der Universität Harvard einfallen lassen. Er hat dabei nicht speziell an Deutschland gedacht. Das Phänomen der weiblichen Bildungsgewinner findet sich überall in der industrialisierten Welt. Und fast überall zahlt sich der Erfolg für die Frauen aus. Nur in Deutschland nicht. Die deutschen Frauen sind besser ausgebildet als die Männer und bekommen trotzdem weniger Geld. Kaum haben sie angefangen zu arbeiten, werden die Alpha Girls zu Beta-Frauen, egal ob sie nun am oberen Ende der Qualifikationsskala mit den Männern konkurrieren oder am unteren. Oder irgendwo in der Mitte, so wie Verena Becker*.

Morgens um acht setzt sie sich in einem Münchner Vorort ins Auto und fährt nach Nürnberg. Nach Ulm. Oder nach Regensburg. Sie hält vor Kaufhäusern und Sportgeschäften, schult Verkäufer und diskutiert mit Ladenbesitzern über die richtige Präsentation von Walkingschuhen und Laufjacken. Sie ist Südbayern-Repräsentantin eines großen Sportartikelherstellers, sie verdient knapp 5.000 Euro im Monat. Weil sie hervorragende Umsätze erzielt, könnte sie bald für ganz Bayern zuständig sein und 6.000 Euro und mehr verdienen. Sie ist ja erst 32 Jahre alt. Ihre Karriere hat gerade erst begonnen.

Jedenfalls sieht es so aus, damals, bevor sie ihren Sohn Lion zur Welt bringt. Bevor sie dem Personalchef sagt, dass sie ein Jahr in Elternzeit gehen und danach wieder Vollzeit einsteigen wolle. Sie werde dann so engagiert arbeiten wie bisher.

Der Personalchef sieht das anders.

Ein Kind sei im Leben einer Frau doch ein großer Einschnitt, sagt er. Er habe ja selbst Familie. Ihr Sohn werde öfter krank sein, sie werde dann nicht arbeiten können. Verena Becker entgegnet, dies sei kein Problem, die Großeltern wohnten um die Ecke. Ihr Mann, ein freiberuflicher Software-Berater, werde künftig kürzertreten. Irgendwann fragt sie sich, wofür sie sich eigentlich rechtfertigt.

Heute, fast drei Jahre später, entdeckt Lion gerade, wie lustig es ist, vom Sofa auf den Boden zu springen. Verena Becker steigt immer noch jeden Morgen ins Auto, verkauft immer noch Sportschuhe und Sportkleidung. Trotzdem ist alles anders. Von der Zuständigkeit für ganz Bayern ist keine Rede mehr. Sie ist jetzt einem Kollegen unterstellt, der vorher in einer anderen Abteilung gearbeitet hat. Er verdient mehr als zuvor, sie kommt nur noch auf 4.000 Euro im Monat. »Am meisten ärgert mich, dass er auch ein kleines Kind hat, aber bei ihm hat das niemanden interessiert.«

Erst hat Verena Becker überlegt, gegen die Herabstufung zu klagen. »Aber das wäre doch nur auf eine Trennung mit Abfindung hinausgelaufen«, sagt sie. So hat sie es hingenommen.

Genau wie die Studentinnen des Jura-Professors Ulrich Battis.

Seit 30 Jahren lehrt er an der Uni, erst in Hamburg, jetzt in Berlin, und über die Jahre fiel ihm auf, dass immer mehr junge Frauen Jura studierten und ihre Noten immer besser wurden. Heute, sagt er, seien die Einser-Absolventen meistens Frauen. Die gehen dann zu Spitzenkanzleien in ganz Deutschland, dort müssen sie hart arbeiten, zehn, zwölf Stunden am Tag, genau wie die Männer. Dann kriegen sie Kinder. »Und wenn sie aus der Elternzeit zurückkommen, gelten sie als nicht mehr einsetzbar«, sagt Battis. Ihre Karriere ist beendet, die Männer aber, obwohl sie auch oft Kinder haben, steigen weiter auf und verdienen schnell mehrere Zehntausend Euro im Monat.

Sind Sie schwanger? Wollen Sie Kinder haben? Mit solchen Fragen versuchten früher manche Arbeitgeber bei Einstellungsgesprächen herauszufinden, ob eine Bewerberin in den kommenden Jahren der Firma voll und ganz zur Verfügung stehen würde. Heute sind diese Fragen verboten. Marion West hat aufgepasst, ob sich die Führungskräfte ihres Unternehmens auch daran hielten. Jahrelang war sie Gleichstellungsbeauftragte bei einem großen deutschen Konzern und in dieser Eigenschaft auch bei Einstellungsgesprächen dabei. Da saß sie dann zwischen der Bewerberin und dem Abteilungsleiter. Der stellte keine unziemlichen Fragen, aber als die Rede aufs Geld kam, bot er der Kandidatin wie selbstverständlich einen Betrag an, der deutlich unter dem üblichen Männergehalt lag. Marion West saß dabei, durfte nichts sagen, weil das Gehalt sie nichts anging, und fragte sich nur: Warum macht der das?

Ja, warum?

Es gibt Wissenschaftler, die sich genau mit dieser Frage beschäftigen. Elke Holst zum Beispiel, Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) und Autorin zahlreicher Studien zum Thema. Sie sagt, das Problem sei nicht, dass manche Chefs womöglich Frauen nicht leiden könnten. Sonst würden sie diese ja gar nicht einstellen. »Die Bezahlung spiegelt einfach nur das Rollenbild wider: Ein Vorgesetzter, der glaubt, eine Frau habe sich in erster Linie um Haushalt und Kinder zu kümmern, während ein Mann die Familie ernähre, wird einer Frau immer ein niedrigeres Gehalt anbieten als einem Mann, denn sie ist in seinen Augen ja nur die Zuverdienerin.«

Arbeitende Mütter verdienen schlechter als kinderlose Frauen

Es ist ein ziemlich altes Rollenbild. Aber nach der Erfahrung des Frankfurter Personalberaters Heiner Thorborg, des Koautors des Buches Oben ohne. Warum es keine Frauen in unseren Chefetagen gibt, schwebt vielen Führungskräften im mittleren Management und in kleineren Betrieben noch immer genau dieses Bild vor. Insofern ist es keine Überraschung, dass verheiratete Männer in Deutschland laut einer Untersuchung des DIW mehr verdienen als ledige und wenn sie Kinder haben, noch mehr, weil sie dann ja auch mehr brauchen. Bei den Frauen ist es umgekehrt: Die Mütter verdienen meistens schlechter als die Frauen ohne Kinder.

Nun gibt es hierzulande allerdings Tausende von Unternehmen, in denen die Führungskräfte wenig Einfluss darauf haben, was ihre Angestellten verdienen. Unternehmen, in denen die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern im Vertrag steht, dem Tarifvertrag. Die Gehälter der meisten deutschen Arbeitnehmer leiten sich aus Tarifverträgen ab. Noch Mitte der fünfziger Jahre fanden sich dort Sätze wie: »Weibliche Arbeitskräfte erhalten für die Spulenindustrie 75 Prozent der betreffenden Männerlöhne.« Aber das war zu einer Zeit, als der Mann morgens den Anzug anzog und die Frau die Kittelschürze. Er ging zur Arbeit, sie in die Küche. Ist lange her. Heute sind Frauen und Männer gleichgestellt.

Von wegen. Zwar erhält eine Schaffnerin heute den gleichen Tariflohn wie ein Schaffner. Zwar unterscheiden Tarifverträge nicht mehr zwischen Tierpflegern und Tierpflegerinnen oder Chemielaboranten und Chemielaborantinnen. Aber warum bekommt laut Tarifvertrag des Bäckerhandwerks eine Bäckereifachverkäuferin nach dreijähriger Ausbildung nur 1.254 Euro, während ein Hilfsbäcker nach ein paar Monaten Anlernzeit 1.465 Euro verdient? Weil er härter arbeiten muss? Kaum. Längst schieben die Verkäuferinnen in den modernen Bäckereifilialen selbst die Teiglinge in die heißen Öfen, während in den Großbackstuben die Maschinen die schwere Arbeit übernehmen.

Und weshalb erhält eine Schreibkraft in der Druckindustrie ein Einstiegsgehalt von 1.716 Euro, ein Lagerarbeiter aber 300 Euro mehr? Weil er laut Tarifvertrag »erhöhte Anforderungen an Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit« erfüllen muss? Schon möglich. Aber das muss sie auch. Wird bei ihr aber nicht extra honoriert.

Und wieso ist die Debatte um Mindestlöhne größtenteils eine Debatte um Frauenlöhne, auch wenn das kaum ein Politiker ausspricht? Wieso also sind es gerade Floristen (Frauenanteil: 91 Prozent), Friseure (89 Prozent) oder Verkäufer (81 Prozent), die teilweise zu Stundenlöhnen von fünf, sechs Euro und weniger arbeiten?

»Weil sich auch in den Tarifverträgen ein bestimmtes Rollenbild wiederfindet«, sagt die Sozialwissenschaftlerin Karin Tondorf, Koautorin des Berufs- und Einkommensberichts der Bundesregierung.

»Weil in der Arbeiterbewegung der Gedanke tief verwurzelt ist, ein Arbeiter müsse eine Familie ernähren können. Die Frau dagegen sollte traditionell gar nicht arbeiten müssen«, sagt Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in Düsseldorf.

Die Frau als Zuverdienerin. Ihr Beruf als Nebentätigkeit. Seltsam nur, dass dieses Bild offenbar noch immer in den Köpfen und Verträgen steckt. Obwohl heute niemand mehr Kittelschürzen trägt. Obwohl inzwischen in Deutschland knapp 70 Prozent der Frauen erwerbstätig sind, mehr als in den meisten anderen Industrieländern. Obwohl es in den vergangenen Jahrzehnten also so etwas wie ein weibliches Jobwunder gegeben hat.

Oder eigentlich doch nicht so seltsam.

Denn diese 70 Prozent sind ein gutes Beispiel dafür, wie Zahlen in die Irre führen können. Man kann das an jedem frühen Nachmittag an jedem Werktag herausfinden, auf jedem durchschnittlichen deutschen Spielplatz. Dort sitzen meist Mütter und sehr selten Väter mit ihren Kindern. Wenige sind Hausfrauen. Viele sind berufstätig. Nur eben nicht jetzt, nicht im Moment. Sondern von acht bis zwölf, oder von neun bis eins, oder vielleicht von Montag bis Mittwoch oder von Dienstag bis Donnerstag.

Das weibliche Jobwunder der vergangenen Jahrzehnte ist ein Teilzeitwunder. Die Zahl der von Frauen besetzten Vollzeitstellen ist in den vergangenen zehn Jahren sogar noch gesunken. Für die meisten Frauen von heute gilt, vor allem wenn sie Kinder haben: Sie haben zwar einen Job, aber den Großteil des Haushaltseinkommens verdient ihr Mann. Er finanziert den Kredit für das Reihenhaus, den Sommerurlaub und die Cellostunden für die Kinder. Und sie? Sie verdient was dazu. Sie arbeitet Teilzeit, weil sie nicht Vollzeit arbeiten kann, weil es in Deutschland bekanntermaßen schwierig bis unmöglich ist, eine gute ganztägige Betreuung für die Kinder zu finden. Oder auch nur, weil es sich finanziell lohnt, gar nicht oder wenig zu arbeiten. Muskelspiele: Frauen wollen fairen Lohn. Ein Schwerpunkt zum Thema »

Das Bild des Familienernährers findet sich nämlich auch in einer Reihe von Gesetzen. Manche sind so alt wie die Kittelschürze, andere stammen aus der Zeit, als die Mütter auf den Spielplätzen anfingen, Latte macchiato to go aus Pappbechern zu trinken, sind also ziemlich neu.

Da ist zum Beispiel das Steuerrecht, das seit je und noch immer jenen Ehepaaren einen besonders großen sogenannten Splittingvorteil gewährt, deren Einkommen sehr unterschiedlich sind – weil er Vollzeit arbeitet und sie nur Teilzeit oder gar nicht.

Da ist das Sozialversicherungsrecht, das seit je und noch immer erwerbslosen Ehefrauen ermöglicht, gratis die Kranken- und Pflegeversicherung ihrer Männer in Anspruch zu nehmen.

Und da sind die Hartz-Gesetze, die festlegen, dass arbeitslose Frauen berufstätiger Männer keinen Anspruch auf Stellenangebote von der Bundesagentur für Arbeit haben. Denn sie bilden ja eine sogenannte Bedarfsgemeinschaft. Soll heißen: Er ernährt sie.

Männer kündigen, wenn das Gehalt nicht stimmt

Diese Gesetze könnte man ändern, theoretisch, und womöglich würde sich dann auch im Land einiges ändern. Die Frage ist nur, wie viel. Es sieht nämlich so aus, als ob es auch eine ganze Menge Frauen gibt, die einfach deswegen nicht so viel arbeiten, weil ihnen Geld nicht so wichtig ist. Das legt zumindest eine aktuelle Studie der Uni Erlangen-Nürnberg nahe. Demnach wollen Männer einen Job, der sie erfüllt und viel Geld bringt. Und wenn das Geld nicht stimmt, kündigen sie. Frauen dagegen begnügen sich oft mit der Erfüllung. Viele sehen sich auch selbst als Zuverdienerinnen. Die Zeit der Kittelschürze steckt irgendwie noch drin in ihnen. Ihre Männer verdienen doch gut, warum sollten sie mehr arbeiten?

Vielleicht, damit die alten Rollenbilder endlich verschwimmen.

Denn nur dann wird irgendwann für die gleiche Arbeit auch das gleiche Geld gezahlt werden. Dafür aber müssten mehr Ehemänner von Teilzeit arbeitenden Frauen ebenfalls Teilzeit arbeiten. Oder mehr Ehefrauen von Vollzeit arbeitenden Männern müssten ebenfalls Vollzeit arbeiten.

Oder es müsste einfach mehr Familien wie die Fischers geben.

Sabine Fischer* ist eine Ernährerin. Wenn sie viel Zeit hat, frühstückt sie kurz mit ihrem Mann und den zwei kleinen Töchtern, bevor sie ins Büro fährt. Sie ist 39 Jahre alt, studierte Ingenieurin und Produktmanagerin bei einem hessischen Chemieunternehmen. Verdienst: knapp 6.000 Euro. Dafür arbeitet sie zehn Stunden am Tag, manchmal mehr, und wenn sie dann irgendwann nach Hause kommt, ist Feierabend. Aber richtig. Kochen? Putzen? Staubsaugen? Macht ihr Mann. Der war früher mal Werbegrafiker. Jetzt ist er Hausmann, hauptberuflich. »Wenn ich heimkomme, lege ich die Füße hoch«, sagt Sabine Fischer. Ihr gefällt dieses Leben, den Kindern geht es gut, die Arbeit macht Spaß, der Chef lobt sie vor versammelter Mannschaft.

Die Familie Fischer wäre ein schönes Beispiel dafür, dass es doch so etwas wie Gleichberechtigung gibt in Deutschland. Dass einer Frau nicht automatisch eine bestimmte Rolle zuwächst und einem Mann auch nicht. So wäre es, wäre da nicht dieser eine Morgen in der Firma gewesen, an dem Sabine Fischer einen Umschlag in ihrem Postfach findet. Es ist die Gehaltsbescheinigung. Aber nicht ihre eigene, sondern die eines Kollegen, die Personalabteilung hat sich vertan. Natürlich schaut sie trotzdem drauf. Der Kollege hat den gleichen Job wie sie. Er hat Familie, wie sie. Er ist Ende 30, wie sie. Er verdient fast 1.000 Euro mehr als Sabine Fischer.

* Name von der Redaktion geändert

Mitarbeit: Dennis Kremer