Kinder gehören bis zu ihrem dritten Geburtstag an Mamas Seite. Alles andere verkraften die kleinen Seelen nicht. So denken in Deutschland nicht nur Großmütter. Auch manche Ärzte, Bischöfe, Politiker schüren die Skepsis gegen die frühe Fremdbetreuung kleiner Kinder. Krippen werden nicht selten als Aufbewahrungsanstalten und Virenschleudern verdammt. Andererseits wächst – gerade unter Frauen – der Wunsch, schnell wieder in den Beruf zurückzukehren. Läuft das Elterngeld aus, liegt der Gedanke nahe, das Kind in eine Krippe zu geben. Doch so richtig wohl ist vielen dabei nicht.

Zaudernden Eltern liefert nun eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung Argumente für den Krippenbesuch. Die frohe Botschaft aus Gütersloh lautet: Kinder, die in der Krippe waren, besuchen mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium. Verglichen wurden die Bildungswege von mehr als tausend deutschen Kindern, die zwischen 1990 und 1995 geboren wurden. 16 Prozent dieser Kinder haben eine Krippe besucht. Gut die Hälfte von ihnen lernte später auf einem Gymnasium. Von den Kindern ohne Krippenerfahrung schaffte das nur ein Drittel.

Prompt feiert die Bertelsmann Stiftung aufgrund der Erhebung die Krippe als den entscheidenden Ausgangspunkt für die Bildungskarrieren unserer Kinder – und als Hort der Chancengleichheit. Besonders groß seien schließlich die Effekte eines Krippenbesuchs bei Migrantenkindern und jenen aus benachteiligten Familien. Bei ihnen verdopple sich die Wahrscheinlichkeit fast, auf ein Gymnasium zu kommen – verglichen mit den Nichtkrippenkindern.

Der Haken an den schönen Ergebnissen: Die Studie bleibt die Antwort auf die zentrale Frage nach dem ursächlichen Zusammenhang schuldig. Liegt es wirklich an der Krippe, ob aus einem Kind ein Abiturient wird? Oder liegt es nicht vielmehr am Einfluss der fortschrittlichen, berufstätigen Eltern, die ihre Kinder häufiger in die Krippe geben und sie in der späteren Schullaufbahn mehr bestärken und fördern? Solche Eltern finden sich durchaus auch unter Migranten oder solchen mit Hauptschulabschluss.

Natürlich klingt die Schlagzeile gut, die Fähigkeit zu höherer Bildung sei nicht allein Vererbungssache. Im Krippenjubel ging allerdings nicht nur unter, dass die Studie keine Aussage über Ursachen macht; auch verliert sie kaum ein Wort über die Qualität der Krippenbetreuung oder die Bildungsangebote für die Kleinen. Die aber sind zentral. Bis gründlichere, qualitative Erhebungen vorliegen, bleibt daher als einzige Erkenntnis: Es schadet nichts, noch mehr Krippen zu schaffen, sie zu Bildungsorten zu machen und gute Fachkräfte dafür auszubilden. Wenn das alles passiert ist, darf man gern anfangen, von Chancengleichheit zu reden. Jeannette Otto