Es gibt Leute, die kaufen die ZEIT nur wegen ihres Kreuzworträtsels. Dann ziehen sie sich abends mit gezücktem Bleistift in einen Sessel zurück, grübeln, tragen ein, radieren und sind glücklich, wenn schließlich alle 46 Fragen gelöst sind. Seit Kurzem kann man das Kreuzworträtsel auch auf ZEIT online lösen. Kein Papier, kein Sessel. Dafür lässt sich das Programm befragen, ob die erdachte Lösung stimmt.

Ein Dienst am Leser. Aber auch ein Glücksfall für Quotenmesser, der bares Geld wert ist. Denn jedes Wort, das ein Leser im Onlinerätsel einträgt, produziert, technisch gesehen, einen neuen Seitenaufruf, einen Klick. Mit der Zahl ihrer Klicks wird die Reichweite jedes Internetprodukts gemessen, an ihr werden Anzeigenpreise ausgerichtet, sie sind letztlich die wirtschaftliche Basis jedes journalistischen Onlineprodukts.

46 Rätselfragen sind also 46 Klicks – mindestens, denn wer weiß schon immer die richtige Antwort. Wer dagegen online einen Artikel liest, hinterlässt lediglich einen Klick, bei längeren Texten drei bis vier, weil sie in Seiten aufgeteilt werden. Was also ist mehr wert: Kreuzworträtsel oder Kommentar?

Die Quotenmessung bedient die Eitelkeit der Autoren

Hinter dieser Frage steht eine Diskussion, die in allen Onlineredaktionen geführt wird. Guter Journalismus ist ein Grundpfeiler jeder freiheitlichen Demokratie. Seine aufklärende und meinungsbildende Funktion kann er aber nur erfüllen, wenn die Kommunikation mit dem Leser funktioniert. Lange Zeit haben Journalisten sich lediglich danach gerichtet, wie sie sich selbst den Leser vorstellten. Reaktionen nahmen sie in Form von Leserbriefen wahr, in Gesprächen mit Bekannten, schlimmstenfalls im Sinken der Auflage. Erst mit dem Fernsehen kam die Quote. Seither glaubt man zu wissen, wer zuschaut und wie lange. Im Internet kann nun jeder Schritt des Nutzers auf einer Website gemessen werden.

»Das Neue am Internet ist, dass statt des Gesamtprodukts jeder einzelne Artikel sofort bewertet wird«, sagt Klaus Meier, Professor für Onlinejournalistik in Darmstadt. Und anders als bei der Fernsehquote gehe es im Netz zunächst nicht um Marktanteile, sondern um selbst gesteckte Erwartungen an das eigene Produkt, die sich durch Vergleiche mit zurückliegenden Daten ergeben.

Die Klickmessung bedient die Eitelkeit der Autoren. Jeder Onlinejournalist kennt den Glücksmoment, wenn der eigene Text in kürzester Frist einige Tausend Zugriffe produziert – und spürt den Schlag ins Kontor, wenn die Klicks ausbleiben. Die erste Konsequenz: Leserbeschimpfung (»Die Leute wissen eben nicht, was wirklich wichtig ist«). Doch dahinter wölben sich andere Gedanken, die um Themenauswahl, Sprache, Stil, Präsentation kreisen. Der Autor sammelt Erfahrungen damit, was schlecht funktioniert und wohin sich der Publikumsgeschmack bewegt. Es zeigt sich auch, dass nicht jedes Thema interessiert; aber ebenso, dass schwierige Inhalte, geschickt verpackt, große Aufmerksamkeit wecken können. »Die Quote kann also als Werkzeug zur Qualitätskontrolle dienen«, sagt Meier. Verlagsmanager denken anders. Die Klickzählung ist für sie eine Methode, Reichweite zu messen, denn Reichweite ist vermarktbar. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Was aber ist Reichweite? Den Managern sind zuallererst die Seitenaufrufe wichtig, Page Impressions genannt. Sie messen jeden einzelnen Klick im Angebot, auf die Startseite, weiter auf einen Artikel, die nächste Seite, zurück zum Hauptmenü, in ein Spiel und so fort. Page Impressions sind immer noch der Goldstandard der Onlinevermarkter. Sie machen unterschiedliche Angebote vergleichbar. Vielleicht sind sie aber auch deshalb so wichtig, weil die Zahlen in der Summe in die Millionen gehen und einem neuen Medium vermeintliche Größe verleihen, sagt Meier. Mit der PI-Zahl wenden sich die Vermarkter an Media-Agenturen und Werbungtreibende, um Anzeigen zu akquirieren. So entsteht ein spezifischer ökonomischer Zwang, der sich direkt auf die journalistische Produktion auswirkt. Es geht darum, möglichst viele verkaufbare Seitenaufrufe auszulösen.