Fußball Wer erbt den FC Bayern?

"Dieser Verein ist mein Leben", sagt Uli Hoeneß. Der Manager des FC Bayern über Jürgen Klinsmann, Moral und Mindestlöhne

DIE ZEIT: Herr Hoeneß, wo werden Sie am 16. August, 15.30 Uhr, zum Anpfiff der nächsten Saison, sitzen?

Uli Hoeneß: Das kann ich Ihnen noch nicht sagen, das werde ich noch mit Jürgen Klinsmann besprechen.

ZEIT: Sie würden also zulassen, dass eines der ältesten Rituale der Bundesliga fällt: dass Sie als Vorstand des FC Bayern auf der Bank neben dem Trainer Platz nehmen.

Hoeneß: Ich hätte damit keine Probleme. Das habe ich auch allen vorherigen Trainern ehrlich angeboten. Und selbst einer, bei dem ich wirklich nicht mit einer positiven Antwort gerechnet hätte, Otto Rehhagel, hat gesagt: Nein, nein, Uli, Ihr Platz ist neben mir.

ZEIT: Sie haben angekündigt, innerhalb der nächsten zwei Jahre als Vorstand aufzuhören. Klinsmann könnte also Ihr letzter Trainer sein.

Hoeneß: Das würde ich mir sehr wünschen.

ZEIT: Noch vor einem halben Jahr wäre eine solche Antwort aus Ihrem Mund vollkommen undenkbar gewesen.

Hoeneß: Mein Verhältnis zu Jürgen Klinsmann war immer anders als der Öffentlichkeit bekannt. Wir haben regelmäßig telefoniert. Schon als er damals als Spieler des VfB Stuttgart zu Inter Mailand wechseln wollte, kam er nach München und bat mich, mit ihm den komplizierten Vertrag durchzugehen. Ich war nach der WM einer der Ersten, die Jürgen informiert hat, dass er aufhört. Seither ist der Kontakt nie abgerissen.

ZEIT: Vor der WM waren Sie einer seiner schärfsten Kritiker.

Hoeneß: Auch falsch. Nach dem desaströsen 1:4 in der Vorbereitung in Italien haben wir bis in den frühen Morgen zusammen die Lage analysiert. Es gab einen Punkt, da waren wir unterschiedlicher Auffassung: Das war die Frage, ob er weiter von Kalifornien aus arbeiten sollte. Aber gegen alle, die sich schon Gedanken über seine Ablösung machten oder gar dafür bereithielten, habe ich und hätte ich Jürgen mit aller Macht verteidigt.

ZEIT: Mögen Sie Jürgen Klinsmann?

Hoeneß: Wir sind beide sehr emotionale Menschen, die für das, was sie tun, alles Herzblut vergießen. Da treffen wir uns.

ZEIT: Aus ganz unterschiedlicher Richtung kommend. Klinsmann pflegte in seiner Laufbahn bisher eher die Kurzstrecke, wechselte schon als Spieler häufig den Verein, begriff auch seinen Bundestrainerjob als Projekt. Sie hingegen sind seit 40 Jahren beim FC Bayern, man könnte auch sagen beim FC Hoeneß.

Hoeneß: Darüber sollte man sich nicht lustig machen. Seit über vier Jahrzehnten ist dieser Verein mein Leben.

ZEIT: Seit wann wussten Sie das?

Hoeneß: Ich komme aus kleinen Verhältnissen. Der FC Bayern hat mir einen Aufstieg, ein Leben ermöglicht, das in meiner Kindheit vollkommen jenseits aller Vorstellungen war. Dass es so gekommen ist, erfüllt mich bis heute mit tiefer Demut. Ich war in Ulm der kleine Bub aus der Metzgerei, in der meine Mutter und mein Vater am Wochenende 500 oder 600 Mark eingenommen haben, in der wir im Jahr 150.000 Mark Umsatz gemacht haben, was heute manchmal in meiner Wurstfabrik an einem halben Tag passiert. Das hat mich geprägt. Ich musste kämpfen, um auch im Verein nach oben zu kommen.

ZEIT: Hat der Flugzeugabsturz 1982, den Sie, damals schon Manager bei den Bayern, als Einziger überlebten, diese Verbindung zum Verein noch verstärkt?

Hoeneß: Demut war schon vorher ein Gefühl, das mich und mein Menschenbild beherrscht und geprägt hat und bis heute prägt. Am Anfang, kurz nach dem Absturz, hatte ich mir auch viel vorgenommen: nicht mehr fliegen, Zeit besser einteilen, intensiver leben, mehr Zeit für die Familie und für gute Freunde. Aber dieses Gefühl ist nicht die Realität, es war nach ein paar Wochen wieder verschwunden. Es mag Sie verwundern, aber ich glaube auch nicht, dass der Absturz einen besonderen Einfluss auf meine Persönlichkeit oder meinen beruflichen Werdegang hatte.

ZEIT: Kaum zu glauben.

Hoeneß: Ich bin kein Melancholiker. Aber ich erzähle Ihnen ein wirkliches Schlüsselerlebnis: Mit 27, nach meiner schweren Knieverletzung, lag ich beim FC Bayern auf der Massagebank. Der Masseur, Josef Sarič, sagte zu mir: Uli, du musst aufpassen. Sie wollen dich verkaufen, sobald du wieder laufen kannst. Er hatte ein Telefonat zwischen Präsident und Management mitbekommen. In dem Moment dachte ich: Das wird es bei mir später nicht geben, dass einer, der gerade schwach ist, Angst um seinen Arbeitsplatz haben muss. Starken muss man manchmal Angst machen, aber Schwache einschüchtern? Das bringen nur Schwache fertig.

ZEIT: Ein Gedanke, der in der globalisierten Fußballwelt des 21. Jahrhunderts reichlich anachronistisch wirkt.

Hoeneß: Nicht beim FC Bayern...

ZEIT: ...seines Zeichens Vierter der letzten Meisterschaftsrunde und nach anfänglichen Mühen locker ins Achtelfinale des Uefa-Pokals eingezogen. Ihre Kollegen, die weniger Rücksicht auf die Schwachen nehmen, spielen in der Champions League...

Hoeneß: ...in der der FC Bayern in der nächsten Saison auch wieder angreifen wird.

ZEIT: Weil Sie durch den Kauf der Weltstars Franck Ribéry, Luca Toni und Miroslav Klose – insgesamt für 100 Millionen Euro – jetzt endgültig dieses Spiel der Maßlosigkeit mitspielen.

Hoeneß: Das stimmt so ja nicht. Wir sind nicht abhängig von einem Investor, der uns aus seiner Portokasse eben mal ein paar Weltstars spendiert. Wir haben den Weg der Solidität nicht verlassen. Jedoch müssen sich alle im Verein ein wenig umstellen, wollen wir nicht ewig der SC Freiburg der Champions League bleiben: gemütlich, sympathisch – aber international eher zufällig erfolgreich.

ZEIT: Und doch haben Sie damit wieder dem Image entsprochen, der FC Bayern sei ein herzloser Krösus, der sich seinen Wettbewerbsvorteil erkaufe.

Hoeneß: Wissen Sie was? Es gibt keinen ehemaligen Spieler, keinen ehemaligen Angestellten, keinen ehemaligen Trainer des FC Bayern, der Ihnen dieses Image bestätigen würde. Und in der Zwischenzeit werden Sie auch immer weniger Menschen außerhalb des Vereins finden, die diese aus den achtziger Jahren stammende Legende aufrechterhalten. Jüngstes Beispiel: Campino, der Frontmann der Toten Hosen, der uns noch vor wenigen Jahren in einem seiner Songs als "Scheißverein" beschimpfte, hat jetzt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung öffentlich Abbitte geleistet.

ZEIT: Wenn man Ihnen glaubt, haben also bald alle endlich den FC Bayern lieb. Und ausgerechnet jetzt verkünden Sie das Ende der Gemütlichkeit.

Hoeneß: Das ist die entscheidende Frage: Lassen sich unsere Werte der Fürsorge, Verlässlichkeit und Menschlichkeit in einer Fußballwelt, die bestimmt ist von erbitterter Konkurrenz, Rücksichtslosigkeit und menschlichen Flüchtigkeiten, erhalten?
Nehmen wir Luca Toni: Der kam ursprünglich aus keinem anderen Grund zum FC Bayern als wegen der Kohle. Was meinen Sie, was wir angestellt haben, um ihm eine Stimmung zu vermitteln von unserem Verein, unserer Stadt? Wir haben seinen gesamten Freundeskreis eingeladen und ein Wochenende lang aufs Opulenteste in München bewirtet. Davon spricht er noch heute.
Oder Franck Ribéry. Der hat in seiner Karriere viel Unerfreuliches erlebt. Hier erfährt er zum ersten Mal auch außerhalb des Fußballplatzes von seinem Arbeitgeber echte Fürsorge: egal, ob das seine Religion als Muslim betrifft oder die Betreuung seiner Familie, wenn sie nach München kommt. Wo auch immer wir hinreisen, sorgen wir zum Beispiel dafür, dass er geschächtetes Fleisch bekommt.

ZEIT: Sonst wäre er vermutlich gar nicht erst nach München gewechselt.

Hoeneß: Vor ein paar Wochen kam Ribéry zu mir und hat sich sehr emotional für die Unterstützung des Vereins rund um die Geburt seiner Tochter bedankt. Und sogar Toni, mit dem ich allein aus Gründen der Sprache weniger Kontakt habe, öffnet sich immer mehr, und seine Freundin kommt immer häufiger nach München. Hätte man ihm vor einem halben Jahr gesagt, dass er ernsthaft daran denkt, München zu seinem Lebensmittelpunkt zu machen, hätte er darüber wohl höchstens gelacht. Heute ist er kurz davor.

ZEIT: Und Sie glauben wirklich, dass die beiden Ihnen das danken werden, wenn in zwei Jahren Chelsea ihnen das doppelte Gehalt bietet?

Hoeneß: Da bin ich wirklich gespannt. Immerhin wissen die Spieler aus eigener Erfahrung, dass es auch bei europäischen Spitzenclubs keine Selbstverständlichkeit ist, dass die Gehälter pünktlich auf ihrem Konto sind oder Zusagen, zum Beispiel mündlich gegebene, eingehalten werden.

ZEIT: Schlagen sich nicht die Berlusconis, die Abramowitschs und die Spielerberater auf die Schenkel vor Lachen angesichts Ihrer Träume von einer guten Fußballwelt?

Hoeneß: Ich bin kein Träumer. Ich weiß genau, nach welchen Regeln in diesem Geschäft gespielt wird. Aber ich will genau das zum Ende meiner Tätigkeit im operativen Bereich noch wissen: Kann es gelingen, die Champions League zu gewinnen, nicht einmal und zufällig, sondern als permanenter Anwärter – ohne in der Führung des Vereins die eigenen Werte zu verleugnen?

ZEIT: Entscheidet diese Frage über Erfolg oder Misserfolg Ihres Berufslebens?

Hoeneß: Es ist vielleicht die größte Herausforderung meines beruflichen Lebens – nicht nur als Manager und Vorstand, sondern vor allem als Mensch.

ZEIT: Um diese Werte geht es auch gerade in der politischen Debatte. Gibt es beim FC Bayern einen Mindestlohn?

Hoeneß: Das würde Bundestagspräsident Norbert Lammert…

ZEIT: …der sich über die zu hohen Gehälter der Bayern-Profis echauffiert hat…

Hoeneß: …wohl zupasskommen. Lammert hat Glück gehabt, dass ich im Urlaub war, sonst hätte ich ihm die passende Antwort gegeben, frei nach unserem Torwarttrainer Sepp Maier, der schon in seiner aktiven Zeit den wahren Spruch geprägt hat: In der zweiten Halbzeit spielen wir nur fürs Finanzamt. Wenn ich also heute einem Spieler fünf Millionen bezahle, verdient der Staat in aller Regel zweieinhalb. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich bin ganz klar für einen Mindestlohn. In meiner Wurstfabrik habe ich ihn längst eingeführt. Und zwar 7,50 Euro.

ZEIT: Die Probleme des Fußballsports sind eher die immensen Summen, die international investiert werden. Und das Problem des FC Bayern ist es, bei dieser Entwicklung mitzuhalten, ohne seine Prinzipien zu verraten. Fürchten Sie um Ihr Lebenswerk?

Hoeneß: Wir haben beim FC Bayern optimale Bedingungen, eine gut gefüllte Kasse, hervorragende Spieler und auch in Zukunft einen großartigen Trainer. Seien Sie sicher: Ich werde in ein paar Jahren diesen Verein besenrein übergeben. Ganz sicher finanziell, aller Voraussicht nach auch sportlich. Vollkommen erfüllt ist dieses Lebenswerk allerdings erst, wenn ich ihn auch moralisch besenrein übergebe.

ZEIT: Und wie entscheiden Sie, wenn die Moral dem Erfolg im Wege steht?

Hoeneß: Es wird mit mir keinen Erfolg um jeden Preis geben.

ZEIT: Lohnt es sich, für diesen Weg der Moral zu kämpfen?

Hoeneß: Ich werde nie aufhören, darum zu kämpfen, aber ich muss auch bereit sein, zu akzeptieren, dass ich gegebenenfalls nicht erfolgreich sein werde. Und muss dann mit einer Welt zurechtkommen, die aus meiner Sicht weniger wert ist.

ZEIT: Der Sie dann aber trotzdem nicht den Rücken kehren?

Hoeneß: Solange ich merke, dass ich etwas für diese Werte tun kann, werde ich niemals resignieren. Wenn ich auch so ein Zyniker sein soll, der die Leute killen muss, um Erfolg zu haben oder um persönlich gut auszusehen, dann sage ich: Ohne mich. Es wird mit Sicherheit niemals den Uli Hoeneß geben, vor dem die Menschen im Verein Angst haben, der gehasst wird dafür, dass er jedes Jahr vier, fünf rausschmeißt, um fünf Neue zu holen.

ZEIT: Also doch im Zweifel das SC-Freiburg- und nicht das Chelsea-Modell.

Hoeneß: Es muss einen dritten Weg geben: Wenn es so weit kommt, dass ich sportlichen Erfolg nur mit Hilfe von Schulden erzielen kann – da bin ich der falsche Mann. Außerdem muss es möglich bleiben, Spieler, die sich um den Verein verdient gemacht haben, auch in Zeiten durchzubringen, in denen sie unverschuldet, etwa durch Verletzungen, nicht mehr so viel leisten können.

ZEIT:  Wie wäre es in Zukunft um einen Spieler wie Sebastian Deisler bestellt, den sie über Jahre bezahlt und unterstützt und dem Sie ein quasi karrierelanges Rückkehrrecht eingeräumt haben, obwohl völlig unklar war, ob er je seine Depressionen überwinden würde?

Hoeneß: Die Antwort auf diese Frage fällt mir schwer. Nüchtern betrachtet, kann sich das auch ein Verein wie der FC Bayern kein zweites Mal erlauben.

ZEIT: Und weniger nüchtern betrachtet?

Hoeneß: Würde ich es wieder so machen.

ZEIT: Ein ganz schön aufwendiges Verfahren, sich auch noch für das Privatleben der hoch bezahlten Stars verantwortlich zu fühlen.

Hoeneß: Ich tue das ja nicht aus reiner Freundlichkeit, sondern weil ich überzeugt bin, dass eine ausgefüllte, zufriedene Persönlichkeit, die sich auch außerhalb des Sportlichen begleitet und aufgehoben fühlt, auch auf dem Platz bessere Leistungen bringt. Ein Punkt übrigens, der mich sehr mit Jürgen Klinsmann verbindet, der sich ja dafür einsetzt, dass seine Spieler auch jenseits des Fußballs gefordert, gefördert und geformt werden.

ZEIT: Nicht immer haben Ihnen Ihre Spieler diesen Einsatz durch entsprechendes Engagement für den Verein gedankt. In den letzten Jahren mussten Sie auch schwere Enttäuschungen hinnehmen.

Hoeneß: Die Schlimmste war das Spiel in der vergangenen Saison gegen Stuttgart, den späteren Meister, am 30. Spieltag, im April, das wir 0:2 verloren haben. Mit einem Sieg hätten wir noch Meister werden können, zumindest hätten wir die Chance gewahrt, in der Champions League mitzuspielen. Und was sehe ich auf dem Rasen? Teilweise lustlose, offenbar satte, jedenfalls nicht bedingungslos fightende Spieler, obwohl ich vor dem Spiel eine Siegprämie in Aussicht gestellt hatte wie noch niemals zuvor. Da habe mir geschworen, dass für diejenigen, die unseren Einsatz nicht durch totales Engagement zurückgeben, in diesem Verein kein Platz mehr ist. Da habe ich gemerkt, dass du mit deiner Menschlichkeit nicht unbedingt immer weiterkommst.

ZEIT: Sie beklagen "satte" Spieler und holen dann Profis, die offensichtlich in erster Linie am Geld interessiert sind?

Hoeneß: Wenn Mittelmaß, mangelnder Ehrgeiz und Sattheit zusammenkommen, bringt mich das auf die Palme. Unsere Neuverpflichtungen haben schon in der Vorrunde für die Fans und den Verein mehr getan als andere, die in jungen Jahren vielleicht zu früh für ihre Leistung gefeiert wurden. Ich habe vor der letzten Saison gesagt, vor der Mannschaft, insbesondere in Richtung der jungen Spieler, die sich noch bei der WM haben feiern lassen: Wir geben euch in dieser Saison eine Chance – oder wir machen einen Schnitt.

ZEIT: Nennen Sie uns Namen?

Hoeneß: Gewiss nicht! Die Kameraden, die ich meine, wissen Bescheid – oder haben den Verein bereits verlassen. Die noch dabei sind, wissen, dass sie in dieser Saison "auf Bewährung" spielen. Das nenne ich auch soziale Verantwortung. Ich warne die Spieler nicht nur einmal, sondern zehnmal. Wenn dann immer noch nichts kommt, dann trennen wir uns. Ganz unsentimental.

ZEIT: Diese Einstellung wird Ihrem neuen Trainer entgegenkommen.

Hoeneß: Ich weiß, dass Jürgen ein absoluter Leistungsfanatiker ist, der erst einmal bestrebt ist, jeden einzelnen Spieler besser zu machen. Wenn er aber merkt, dass das nicht fruchtet, ist er in der Lage, sehr konsequent zu handeln. Darin werde ich ihn unterstützen.

ZEIT: Herr Hoeneß, könnte es sein, dass mit Ihrem Ausscheiden als Vorstand dieser FC Bayern, so wie Sie ihn geprägt haben, in gewisser Weise zum Abschluss kommt?

Hoeneß: Wir haben jetzt mit unserer Entscheidung, durch die Transfers den Verein faktisch zu einer Multikulti-Gesellschaft zu machen, einen ganz und gar neuen Weg eingeschlagen. Ob die Dinge, die wir in den letzten 25 Jahren unternommen haben, ob der Versuch, nicht nur die Sportler, sondern auch die Menschen an den Verein und seine Traditionen zu binden, ob dieser Versuch auf Dauer noch durchsetzbar ist, kann ich wirklich nicht sicher sagen. Es wäre ein Traum. Das Ziel kann es, realistischerweise, nicht sein.

ZEIT: Erlauben Sie, dass wir zum Schluss noch einmal über Geld sprechen. Glauben Sie, dass der FC Bayern auf Dauer ohne Fremdkapital, sei es von Shareholdern oder von einzelnen Investoren, auskommt?

Hoeneß: Ich bin kein Prophet.

ZEIT: Wird der Aufsichtsratsvorsitzende Uli Hoeneß einem Investor zu gegebener Zeit die Tür weisen?

Hoeneß: Jedenfalls allen, die investieren wollen, um mit Hilfe und auf Kosten unseres Vereins ihr eigenes Vermögen zu vermehren. Wir müssen uns überlegen: Können wir mit den Ressourcen, die wir aufgebaut haben, im Konzert der Großen weiter mitspielen, zu den sechs, acht bestimmenden Vereinen gehören? Eine in diesem Zusammenhang wichtige Frage kann ich nicht beantworten: Werden diese Ölmagnaten oder amerikanischen Milliardäre oder auch Unterhaltungskonzerne bereit sein, weiterhin irre Gelder in einzelne Vereine zu investieren? Wenn sie es tun, kannst du dich dagegen nicht wappnen. Dann wird sich die Frage stellen: Müssen wir, weil der Erfolgsdruck zu groß wird, einem dieser Magnaten den roten Teppich ausrollen?

ZEIT: Und wenn es ein Idealist wäre, wie Dietmar Hopp, der in Hoffenheim ohne kurzfristige Aussicht auf Rendite dreistellige Millionenbeträge investiert hat?

Hoeneß: Bei uns müsste ein Dietmar Hopp, den ich für sein Engagement sehr bewundere, 500 Millionen mitbringen und uns garantieren, dass er sie nicht plötzlich wieder abzieht. Wenn klar wäre, dass es sich um ein dauerhaftes, für uns risikoloses Engagement handelt – dann, aber nur dann, könnte man drüber reden.

ZEIT: Sie sind vermutlich in Zukunft nicht mehr der einzige Ansprechpartner.

Hoeneß: Aber keiner, den man übergehen kann.

ZEIT: Übergehen nicht, aber vielleicht überstimmen.

Hoeneß: Sollten die Gremien das Engagement eines Finanzinvestors gegen meine Stimme und meine Überzeugung beschließen, werde ich natürlich einen solchen Beschluss umsetzen. Und am nächsten Tag zurücktreten.

Uli Hoeneß, 56, ist seit 29 Jahren Manager des FC Bayern München, für den er zuvor neun Jahre lang in der Bundesliga spielte. Mit der Nationalmannschaft wurde er 1972 Europameister und 1974 Weltmeister. Hoeneß gehört eine Fabrik für Rostbratwürste in Nürnberg. 1982 entging er bei einem Flugzeugabsturz, den er als Einziger überlebte, knapp dem Tod. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

 
Leser-Kommentare
  1. O.k,wirklich gemocht habe ich Dich nie: zu laut, manchmal blasiert, krawallig!Aber, wer kommt nach Dir? Einer dieser nichtsagenden, glattgebügelten Manager aus dem Managerkatallog? Ein frisch gefönter Armanianzugträger, profillos,Muttis Liebling?Ein Westerwelle des Fußballs?Ne, ne lieber nicht-die Welt ist voll von ihnen!Deshalb Ulli-bleib uns erhalten! Zu sehr haben wir uns an Deine Sprüche gewöhnt, zu sehr hast du uns mit  Deiner Alltagsphilosophie beglückt!Und-über wen sollen wir uns Zunkunft so schön aufregen können!Das schreibt Dir Ion Tichy aus DORTMUND!

  2. Typisch deutscher Mittelständler: Süddeutsch, ein wenig provinziell, dabei sehr emotional, mit der ganzen Seele bei der Sache und stets bemüht, ein wenig Menschlichkeit zu bewahren.

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