Leipziger Buchpreis Der Geschichtenerzähler

Der Niederländer Geert Mak erhält den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung

Er ist Jurist, Journalist, Amsterdamer und Demokrat aus Leidenschaft. Vor allem aber ist Geert Mak ein genialer Geschichtenerzähler. Über den Preis zur Europäischen Verständigung, mit dem ihn die Leipziger Buchmesse für seine großen Arbeiten Das Jahrhundert meines Vaters, Eine kleine Geschichte von Amsterdam und In Europa am 12. März ehrt, freut er sich sehr. »Prächtig«, sagt er, »es ist einfach prächtig, dass dieses Projekt nun anerkannt wird.«

Sein Projekt, erklärt Mak, das ist die Suche nach der Nähe, die wir Europäer seit 1914 verloren haben. »Stellen Sie sich vor, man setzt heute einen Deutschen, einen Briten, einen Tschechen und einen Spanier um den Tisch und lässt sie die Geschichte ihrer Familien erzählen. Da begreifen wir doch etwas mehr voneinander. Längst nicht alles, denn wir sind ja unterschiedlich. Aber beim Erzählen und Zuhören könnten wir doch wieder normale Menschen werden.«

Wir sitzen im Verlagshaus Atlas an der Amsterdamer Herengracht. Geert Mak erzählt vom Pfarrerssohn aus der Provinz, von einem Niederländer mit kolonialem Erbe, von einem, der auszog, Europa zu entdecken.

Eine der längsten Recherchen in der Geschichte des Journalismus

Am Anfang war Nebel und Gesang, Psalmen im Pfarrhaus, Geusenlieder in der Schule. Irgendwo im Nebel lag Europa. Klar, es gab schon Eurovision im Fernsehen, aber für ihn selbst und die Mehrzahl der Niederländer, sagt Mak, war Europa ein Begriff ohne Inhalt. »Dass die Niederlande nur ein kleines Stück vom Ganzen waren, habe ich ehrlich gesagt, erst bei meiner Rundreise durch Europa richtig verstanden. Da habe ich mir selbst beigebracht, nationale Ereignisse im europäischen Kontext zu begreifen.«

Rundreise klingt harmlos. Es war eher eine Kreuz-und-quer-Reise, eine der längsten Recherchen in der Geschichte des Journalismus: ein Jahr – ein Jahrhundert – ein Kontinent. Warum die enorme Strapaze? »Ganz einfach, weil ich neugierig war«, sagt Mak, »und ich dachte mir, wenn ich das alles nicht weiß, und ich bin doch ein gut erzogener und gebildeter Niederländer, dann wissen es 95 Prozent meiner Leser auch nicht. Also ziehe ich los auf Erkundung, suche Spuren und nehme meine Leser mit.« Blieb das Problem der Finanzierung. »Damit bin ich zur Chefredaktion meiner Zeitung, NRC Handelsblad, gegangen. Es war 1997. Ich hab den Kollegen erklärt, dass sie ein Problem hätten; das alte Jahrhundert läuft ab, ein neues beginnt, da sollte die Zeitung doch was Besonderes bieten. Ja, ja, nickte der Chefredakteur, aber was, aber wie? Und ich: ›Wie wäre es mit einer Art Inspektionsreise durch Europa?‹ Sehen Sie, so verkauft man das!«

Ab 1998 lief die Planung. Geert Mak las Unmengen von Büchern, betrachtete Landkarten, zeichnete Routen ein und aktivierte Freunde und alle Netzwerke, die er in 20 Jahren Rundfunk- und Zeitungsarbeit aufgebaut hatte. Verabredete mit der Zeitung, jeden Tag, von jeder Station der Reise eine Momentaufnahme in 230 Worten für den Kasten auf der Titelseite zu liefern, nahm sich vor, gleichzeitig Material für sein Buch zu sammeln; und dann ging’s los. »Es war der 4. Januar 1999, ein stürmischer, regnerischer Tag. Am Bahnhof winkte meine Frau mit einer Träne im Auge, und ich war ganz nervös und unsicher, dachte: Was soll nur daraus werden?«

Sicher war, er wollte Menschen treffen, durch Städte laufen, die letzten 100 Jahre in der Geschichte Europas neu erzählen. Noch immer verwundert: »Von Lissabon bis St. Petersburg, überall gab es Menschen, die keine Scheu hatten, ihre Geschichte zu erzählen. Das ist ja so erstaunlich, jeder möchte gern seine Geschichte erzählen. Worauf es ankommt, ist, diese Geschichten so weiterzuerzählen, dass die Leser sie empfangen, aufnehmen können.«

Als er das Buch schrieb, hat Mak für jedes Kapitel ein Drehbuch gemacht, hat komprimiert und komponiert. »Komposition, na ja, das ist die richtige Mischung aus Erzählung, Erklärung, Rückblende, Historie und Gegenwart. Möglichst unauffällig von einem zum nächsten Ereignis kommen, den Leser hinführen über die Brücke von Wissen und Erfahrung, ihn vor die größeren Fragen stellen.«

Eine der größeren Fragen, die ihn umtreibt, stellte sich angesichts der Firma Topf und Söhne in Erfurt. »Da saßen sie 1942 an der Zeichentafel und entwarfen die Verbrennungsöfen für Auschwitz und Buchenwald. Zwei Ingenieure im internen Wettkampf um den leistungsfähigsten Ofen. Das waren nicht mal Nazis, das waren Techniker mit instrumenteller Vernunft, das war die schleichende Immoralität.« Nachdenklich: »Es ist eine bekannte menschliche Neigung, wegzuschauen, wenn hinschauen und wissen wollen Konsequenzen hat. Wir haben das in den Niederlanden bei der Judenverfolgung erlebt. Hätte man die Wirklichkeit trotz aller Filter vor den Augen sehen wollen, dann hätte man die Juden von nebenan auf dem eigenen Dachboden verstecken müssen. Aber man wollte das alles lieber nicht so genau wissen.«

Topf und Söhne trennten Geschäft und Moral. Waren sie damit nicht typische Vertreter der westlichen Zivilisation, geblendet von der glänzenden Oberfläche neuer Techniken, vom Glauben an die Machbarkeit von Markt und Fortschritt?

Wenn der Kaufmann zum Terroristen wird

Rollte nicht schon der Reichtum der Amsterdamer Kaufleute über die Handels- und Sklavenschiffe der Vereinigten Ostindischen und Westindischen Kompanien? Stimmt, sagt Geert Mak, »die Westindsiche Kompanie lebte mindestens zu einem Drittel vom Sklavenhandel. Zur Rechtfertigung wurde die Ideologie des Rassismus erfunden. Schwarze galten als weniger wertvolle Menschen, also konnte man sie ohne schlechtes Gewissen fangen und mit Gewinn verkaufen.«

»Koloniale Zustände« kennt Mak aus den Geschichten des Vaters, der als Pfarrer nach Indonesien (damals »unser Indien«) gesandt war. »Aber dass da auf Java von 1825 bis 1830 an die 200000 Javaner abgeschlachtet wurden, wusste ich nicht. Das habe ich erst vor ein paar Jahren erfahren. Zufällig. Und nicht glauben wollen. So etwas gehörte nicht zum Lehrstoff der niederländischen Geschichte, auch nicht zu unserem Selbstbild.«

Es sind merkwürdige Zeiten im kleinen Königreich. Nach Maks Einschätzung die Folgen eines zu Tode reformierten Bildungssystems, einer autistischen Politik und der radikalen Kommerzialisierung des Landes. »Kulturgüter wie Kenntnis von Geschichte und Literatur werden weder geschätzt noch geschützt. Bei uns können Sie sehen, was passiert, wenn alle und alles nach Geldwert berechnet und auf den Markt geworfen wird. Dann regiert der Terror des barbarischen Kaufmanns.«

Aber er hofft. Auf Lehrer, die wie er Geschichten aus der Geschichte erzählen.

Und träumt von einem europäischen Kaffeehaus, vom großen Tisch, an dem sie sitzen, die Europäer. Einander zuhören und im Labyrinth der Wörter, der Wege und Bilder, in all den verschlungenen Linien das eigene Gesicht erkennen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service