Klosterbesuch Ich sucht sich

Wer eine Woche ins Kloster geht, findet einen neuen Takt: Mal klingt er wie Blues, mal wie Rap

Im Kloster fragte mich ein anderer Gast, ob ich auf eigenen Wunsch gekommen sei oder ob man mich als Reporter geschickt habe, quasi zwangsweise. Nun, sagte ich, meine Idee sei es nicht gewesen, aber ich hätte über die Jahre immer mal daran gedacht, so etwas zu tun, mich bloß nie getraut, denn ich stünde der Kirche ziemlich fern, obwohl – wenn ich es recht bedächte – nicht einmal der Kirche eigentlich, die fände ich ganz in Ordnung, die evangelische jedenfalls, ihr Wirken in der Gesellschaft, aber mit dem Glauben täte ich mich schwer. Was hätte ich also in einem Kloster sollen?

Und nun war ich da.

Hamburg hatte mich erst noch festgehalten, Alltag, Unerledigtes, in Hast zum Zug, das Übliche. Letzte Telefonate im Takt der Funklöcher, Umsteigen in Dortmund und Schwerte, dann auch noch den Anschluss verpasst. Meschede, wo liegt das bloß?

Bäcker, Fahrradladen, Apotheke. Vom Mescheder Bahnhof den Berg hinauf zur Abtei Königsmünster ist es eine Viertelstunde, mein Koffer bollert hinter mir her. Der Abend umtuscht schon das Kloster, das als kühne Backsteinrampe in den Himmel ragt und so gar nichts Mittelalterliches hat. Bruder Benjamin empfängt den späten Gast, eilt voran durch hohe Gänge in die Klausur; sein kahl geschorenes Haupt leuchtet über dem schwarzen Habit mit der Kapuze. »Dies ist Ihr Zimmer.« Ein Schild mit meinem Namen hängt neben der Tür im ersten Stock. Dahinter Bett, Stuhl, Tisch, Schrank, Bücher. Die Bibel wirkt ziemlich zerlesen. »Kommen Sie erst einmal an.« Und weg ist er.

Jahrhundertelang haben die Benediktiner ihren Gästen zur Begrüßung die Füße gewaschen. Das muss ich jetzt wohl selbst machen. Am Ende des Flurs ist ein Gemeinschaftsbad. Das Shampoo vom Vorduscher steht noch da. Nackt unter der Brause, fühle ich mich wie auf Klassenfahrt. Erst beim Abtrocknen bemerke ich den Unterschied: Niemand tobt durch die Herberge. Man hört keinen Laut.

Im Zimmer stimmt mich ein Zettelchen auf den Tagesablauf ein: 5.30 Vigil, 6.45 Laudes, 7.30 Frühstück, 12.45 Mittagshore, anschließend Mittagessen, 14.30 Kaffee, 17.45 Konventamt, 19.00 Abendessen, 20.15 Komplet. So machen es die Mönche. Zwischen den Andachten und Mahlzeiten arbeiten sie. Ora et labora. Abends um neun ist Ruhe.

Der Gast kann alles mitmachen. Aber er muss nicht. Er kann im Bett bleiben und schlafen. Er kann aus dem Fenster gucken (sauerländische Hügel). Er kann lesen. Er könnte sogar telefonieren, ein klobiger Apparat steht auf dem Zimmer, und die Klosterpforte schaltet auf Wunsch eine Amtsleitung frei. Aber man ist ja nicht hier, um jemanden anzurufen, außer vielleicht den HErrn. Man ist hier, um rauszukommen aus allem, aus dem Job, aus dem Terminkalender, aus dem E-Mail-Terror, aus dem familiären Zwist. Und das Kloster bietet dem, der sich hineinwagt, einen geschützten Ort. Wer kommt, wird nicht nach seinen Motiven gefragt, nicht einmal nach seiner Konfession. Wer kommt, ist willkommen. Da sein dürfen. Sein dürfen. Wo sonst gibt es so was?

Zur Anmeldung genügt ein Anruf. Manchmal sind alle Zimmer belegt, dann geht es eben nicht. Oder man weicht nach nebenan aus, ins Haus der Stille mit seinen seminarähnlichen Angeboten; dahin dürfen auch Frauen.

Man bekommt Zimmer und Schlüssel, ohne Worte finden sich die täglichen Wege, man muss nur aufmerksam sein, sich einlassen. Ein eigentümliches Vertrauen liegt dann über allem, jenseits aller Bekenntnisse und Lippenbekenntnisse. Eine Frage des Geldes ist das alles nicht, denn der Aufenthalt kostet nichts. Wer nach ein paar Tagen geht, mag geben, was es ihm wert war.

Morgens, kurz vor halb sechs, schallt ein heiseres Klingeln durchs Haus. Die Mönche in ihren Kutten gleiten wie auf Schienen über die Gänge. Den Gruß des Gastes erwidern sie mit kaum merklichem Nicken. In der riesigen Kirche ist falbes Licht, noch herrscht die Nacht, die Orgel schläft. Zwanzig, dreißig Brüder des Klosters sind da; sie rücken im Halbkreis zusammen und stimmen sich halblaut auf den dämmernden Morgen ein:

Herr, öffne meine Lippen!

Einer singt vor, der Chor erwidert, alle Texte stehen im Benediktinischen Antiphonale, das für jeden Wochentag die Psalmen weist. Ruf und Antwort wechseln einander ab wie beim Blues. Oder erinnert der Sprechgesang dieser Kapuzenträger mehr an den HipHop? Aber die pumpenden Bässe fehlen. Erstaunlich ist jedenfalls, dass alle diese Andachten ohne Predigt auskommen. Wenn eine Bibelstelle vorgetragen wird, bleibt sie ohne Interpretation. Es geht weniger um den Sinn als um den Klang der Schrift. Sie wird murmelnd, raunend, rappend zum Leben erweckt.

Die Mönche nennen das Wortmeditation. Man deutet das Überlieferte nicht vom Kopf her, man lässt es sich auf der Zunge zergehen oder kaut schwer an ihm. Lobpreis und Dank sind so präsent wie der Zorn auf einen, der ungerecht und abwesend erscheint. Der Glaube in all seiner Widersprüchlichkeit will Mal um Mal eingeübt sein, täglich aufs Neue, in uralten Formeln. Glaube ist Rhythmus.

Schon zieht herauf des Tages Licht
Wir flehn zu Gott voll Zuversicht
Bewahre uns an diesem Tag
Vor allem, was uns schaden mag
Bezähme unserer Zunge Macht
Dass sie nicht Streit und Hass entfacht
Lass unserer Augen hellen Schein
Durch Böses nicht verdunkelt sein
Rein sei das Herz und unversehrt
Und allem Guten zugekehrt.

Endlich Frühstück! Der Kaffee ist nicht so gehaltvoll wie die Schrift. Die Gäste, bis zu zehn sind es in der Klausur, frühstücken in einem eigenen Speisesaal. Sie setzen sich gemeinsam an einen Tisch, nicht jeder für sich wie im Hotel. Über den Brötchen tauschen sie sich aus, wenn auch mit gedämpfter Stimme, denn im Kloster steht der Zunge Macht unter Generalverdacht.

Ein Student ist von Donnerstag bis Dienstag hier, um seine Magisterarbeit fortzuschreiben; zu Hause ist er zwischen Frau und Kind steckengeblieben. Der Mitarbeiter einer Versicherung gönnt sich eine Auszeit von seiner Schadensabteilung, in der er im alltäglichen Takt des Schicksals Verletzten Geld bewilligen oder verweigern muss. Die Gespräche unter den Gästen sind einerseits sehr persönlich, offen, andererseits distanziert durch Anonymität, kaum einer stellt sich dem anderen mit Namen vor. Man will hier niemanden kennenlernen – außer sich selbst.

Bruder Benjamin schaut kurz vorbei. Ob die Neuen sich gut eingefunden hätten? Stummes Nicken. Ja, dann noch einen schönen Tag! Wie nett der doch sei, ist die Meinung am Tisch. Die Benediktiner pflegen ursprüngliche Gastfreundschaft; seit je typisch für Mönche, aber in Deutschland unter Fremden kaum noch anzutreffen.

Nun frisch ans Werk! Aber an welches? Der Gast hat nichts zu tun. Zwar kann man im Kloster mithelfen, in den Werkstätten, der Gärtnerei, auf dem Bauernhof, aber die Mönche raten einem nicht zu. Wer herkommt, soll erst einmal zu sich kommen, statt sich gleich in eine neue Beschäftigung zu flüchten.

Es ist erstaunlich, wie stark der Geist des Hauses auf den Neuankömmling wirkt. Manche Gäste ertragen das nicht und reisen noch am Tag ihrer Ankunft wieder ab; andere tauchen ein in eine Sphäre der Besinnung, ohne dass sie recht wüssten, wie ihnen geschieht. Gesprochen wird nur das Nötigste; erklärt wird nichts. Was man wissen will über das Leben der Brüder, kann man in seiner Klause nachlesen: Tage im Kloster heißt das Buch des Mescheder Paters Nikolaus Nonn, das fürs Erste keine Fragen offen lässt.

Ich stromere ein wenig durchs Erdgeschoss des Klostergebäudes, das am Tag an einen Verwaltungstrakt erinnert. Mönche im Pullover huschen von Büro zu Büro; was hinter den Türen geschieht, wird dem Arbeitsalltag, vor dem sich manch ein Gast hierher geflüchtet hat, wohl nicht unähnlich sein. Die Mitgäste haben sich verkrümelt, so bin ich allein im Schwarzen Zimmer, einer kleinen Bibliothek mit allerlei Bedenkenswertem von Walter Jens bis Elie Wiesel. Gerade nehme ich Das Lob der Langsamkeit zur Hand, da fliegt die Tür auf, und die Putzfrau mit dem Sauger kommt rein.

Einzug der Mönche in die Kirche, Auszug der Mönche aus der Kirche, Einzug der Mönche, Auszug der Mönche, Einzug, Auszug, Einzug, Auszug.

Aufstehen, hinsetzen, aufstehen, knien, aufstehen, hinsetzen, aufstehen, knien, hinsetzen, aufstehen, hinsetzen.

Nachts, morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts, morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts.

Beten, singen, singen, beten, beten, singen, beten, beten, singen, beten.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne
und dem Heiligen Geiste.
Wie an allen Tagen so auch jetzt
und alle Zeit.

Meschede muss sein, ein Spaziergang! Gott der Herr hat der Stadt die B55 geschenkt, eine Bundesstraße, die sich in hohem, rohem, grauem Bogen über den Bahnhof spannt. Für Vorbeifahrende gewiss ein Plus. Zum Rathaus hin lässt ein Fußgängerzönchen die größten urbanen Gestaltungshits der Siebziger, Achtziger und von heute Revue passieren. Waschbetonkübel und Hubbel, gesäumt von Preisparadiesen und Druckerpatronenbefüllläden. Und wie steht’s ums Innerliche? Tchibo bewirbt »die Kraft aus deiner Mitte«, beim Schlachter gibt es »frische Kröse«.

Nach einigen Tagen empfinde ich meinen journalistischen Auftrag als hinderlich. Möchte nichts mehr beobachten, nichts mehr notieren, nichts mehr erfragen. Ich ließe mich lieber kopflos ein auf die Rhyth- men des Hauses, die vom mir gewohnten Leben so verschieden sind, dass sie eben dadurch helfen, das eigene Daseinsknäuel zu entwirren. Das innere Rasen ebbt ab, und plötzlich steigen Gedanken auf, die verschüttet waren.

Alles im Kloster hat seine Zeit, alles seinen Ort. Neben den zeitlichen gibt es räumliche Rhythmen. Zweimal am Tag essen die Gäste gemeinsam mit den Mönchen im Refektorium, an einer langen Tafel, die in der Form eines U den ganzen Saal einnimmt. Abt oder Prior, als die Häupter des Klosters, sprechen den Segen, dann werden rustikale Gerichte aufgetischt, und die Lesung beginnt. Ein Mönch am Stehpult trägt von Mahlzeit zu Mahlzeit kapitelweise vor.

Gerade sind es die Lebenserinnerungen des Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Der junge Prinz war zum Studium in Deutschland, als das Militär 1974 in seiner Heimat die Macht übernahm, das Leben seiner Familie zerstörte und ihm die Rückkehr verwehrte. Er berichtet von Mord und Gefangenschaft, Liebe und Verrat und seiner völlig unvorhergesehenen Karriere in der Fremde…

Erst dachte ich, was soll ich mir das jetzt anhören? Aber nach wenigen Minuten schon folge ich den Gedanken des seiner Heimat beraubten Prinzen, der als Unternehmensberater in Frankfurt neuen Boden unter den Füßen fand.

Dazu gibt es aus den klösterlichen Gärten ein Becherchen Apfelwein, der herb schmeckt, fast nach Teer. Und sputen muss man sich als Gast: Mönche, die nicht reden beim Essen, bloß hören, essen schnell.

Wie seltsam, ihr Leben. Da intonieren sie rund um die Uhr die immergleichen, zweitausend Jahre alten Texte, und dann gönnen sie sich zu ihren Mahlzeiten den Luxus des Vortragens aus sehr welthaltigen Büchern, deren Botschaft sie nicht diskutieren, sondern auf sich wirken lassen. Wollte ich einen Brauch aus der Abtei bei mir zu Hause einführen, es wäre dieser. Müsste nur noch einen Freiwilligen zum Lesen finden.

Kloster gibt es übrigens auch zum Mitnehmen, in den hellen, freundlichen Verkaufsräumen im Hof. Das Angebot oszilliert zwischen christlicher Buchhandlung, Ökosupermarkt und Hanf-Laden: die Bibel als Hörbuch (105 Stunden), Patschuliblätter der Firma Holy Smokes, tiefgefrorene Eintöpfe aus der Küche der Abtei, CDs von Lester Young, Bessie Smith und dem Star-Pater Anselm Grün, Manufactum-taugliche Kreuze aus der Klosterschmiede sowie Flow – Das Geheimnis des Glücks von Mihaly Csikszentmihalyi, erschienen bei Klett-Cotta.

Die Brüder sind stolz auf ihr Geschäft. Es brummt; auch die Anerkennung aus der Branche ist da. Im vergangenen Jahr bekam Königsmünster den bundesweit erstmals vergebenen »Klosterladen-Award« in gleich zwei Kategorien: »Schönster Klosterladen« und »Beste Umsatzentwicklung«.

Kein Widerspruch von meiner Seite. Das ist ein Topklostershop. Ich hab mir zum Abschied eine Flasche Apfelwein und ein Keimkornbrot mitgenommen; die heilige Wurst soll auch sehr lecker sein.

Und, wie war’s im Kloster? Das wollen hinterher dann alle wissen, mit dieser Mischung in der Stimme aus versteckter Neugierde und mildem Spott. Gut, ja, sehr gut, höre ich mich sagen.

INFORMATION

Anreise : Meschede liegt zwischen Dortmund und Kassel im Sauerland. Bequeme Anreise mit dem Zug

Das Kloster : Im März 2008 wird die Abtei Königsmünster 80 Jahre alt. In der modernen Anlage leben und arbeiten an die 60 Mönche

Zu Gast sein : Wer ein paar Tage im Kloster verbringen möchte, wendet sich per E-Mail an Bruder Benjamin, gastbruder@koenigsmuenster.de – in der Klausur sind nur Männer zugelassen

Haus der Stille : Im architektonisch eindrucksvollen Neubau gibt es ein spirituelles Kursprogramm, an dem auch Frauen teilnehmen können

Was das kostet : Im Haus der Stille 50 Euro pro Tag; im Kloster nichts. Spenden sind willkommen

Anschrift: Abtei Königsmünster, Klosterberg 11, 59872 Meschede; Tel. 0291/29950, www.koenigsmuenster.de

Literatur : Nikolaus Nonn: »Tage im Kloster«; Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2002; 104 S., 8,80 Euro

Andere Klöster: Exerzitien und Einkehrtage bieten zum Beispiel die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Rüdesheim (Zimmer pro Tag 48 Euro plus 20 Euro für begleitete Exerzitientage; Tel. 06722/4990, www.abtei-st-hildegard.de ); das Koblenzer Dominikanerinnenkloster Arenberg (Preisbeispiel: Wanderexerzitien, 11. bis 16. August, 659 Euro; Tel. 0261/64012090, www.kloster-arenberg.de ); die Franziskanerinnen von Bonlanden, Tel. 07354/884129, www.kloster-bonlanden.de . Übernachtung ab 24,80 Euro. Kontemplation und Schweigemeditation in der Benediktinerabtei Ottobeuren auch über: Studien-Kontakt-Reisen, Tel. 0228/9357320, www.skr.de . Pro Woche ab 595 Euro

 
Leser-Kommentare
  1. wie ulrich stock durfte auch ich eine woche gast in kloster königsmünster sein. gerade heute ist meine zeit dort zuende gegangen, und bestimmt nicht zum letzen mal. eine zeit der befreiung - da sein dürfen. an diesem geschützen ort. welches geschenk.
    und komme zuhause an, lese den artikel und bin in gedanken gleich wieder in meschede - 17.40. der gang durch die sakristei, in der sich die mönche zum konventamt rüsten...
     
    bevor des tages licht vergeht, dich, herr und schöpfer rufen wir: in treue, die nicht wankt, sei wächter auch in dieser nacht. weit weiche von uns alp und traum, das wahngebild der dunkelheit; herr, schlage du den feind in bann, behüte uns an seel und leib. dies schenk uns, vater voller macht, durch jesus christus unsern herrn, der mit dem geiste und mit dir regiert in alle ewigkeit.
     

    • rabin
    • 07.03.2008 um 6:48 Uhr

    Aus der Zerstreuung in die Konzentration, aus dem Lärm in die Stille.Diejenigen, die sich auf diese Weise reduzieren, gewinnen an Stärke. Durch das gemeinsame Tun wird der Effekt noch deutlicher, dass sich auch der gottesferne Reporter diesem Eindruck kaum entziehen kann.Das Kloster ist sicher ein Ort beschützten Lebens, ein Ort, an dem durch die Regelmässigkeit des spirituellen Tuns eine grosse Chance besteht, ein Stück Heilung zu erfahren.Das " echte" Leben ist natürlich anders, aber es muss sich doch durch solche Erfahrungen befragen lassen, ob es das " richtige" ist ?

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