Belletristik Das große Missverständnis

Der politische Roman soll wieder auferstanden sein. Doch davon kann keine Rede sein. In einigen Romanen des Frühjahrs kommen zwar Politiker vor, aber politisch sind sie damit noch nicht

Der Innenminister, der Parteivorsitzende, der Terrorist – es ist nicht zu übersehen, dass in den Romanen dieses Frühjahrs auf einmal Figuren im Mittelpunkt stehen, die es begreifbar machen, dass allenthalben von einer Wiederkehr des politischen Romans geredet wird.

Wiederkehr? So wirklich zu Hause war er ja in der deutschen Literatur nie, wenngleich es vom Simplicissimus über Im Westen nichts Neues bis zur Blechtrommel immer wieder eindrucksvolle Beispiele gegeben hat, Romane, die zeigten, wie große Erzähler das Bedrängende ihrer Epoche in die Geschichten von behelligten Zeitgenossen zu fassen vermochten. Häufiger noch als solche Romane aber war wahrscheinlich der Ruf danach: Der Roman zum Wirtschaftswunder, zur Wende, zu NineEleven – jedes Mal erging die Aufforderung an die Schriftsteller, uns davon in Romanen zu erzählen oder, da man ja ahnte, dass das nicht lustig sein konnte, es »in Romanform zu verarbeiten«.

Aber Romanschreiber sind eigensinnig, sie lassen sich nicht gern etwas abverlangen, geschweige denn vorschreiben, sie suchen sich ihre Stoffe lieber selbst. Lehnt man sich aber einen Moment zurück, um sich zu erinnern, wovon denn in den Romanen der letzten Zeit so die Rede war, dann macht man allerdings die Beobachtung, dass die Dichter ihre Kreise immer weiter gezogen haben.

So lange ist es nämlich noch gar nicht her, dass das Schlagwort von der Neuen Innerlichkeit zu einem Schimpfwort mutierte, mit dem man jener Literatur den Laufpass gab, die angeblich nur ein Zentrum kannte: den Nabel des Autors. Um den kreiste, so meinte man, das wenige, was da an Welt noch wahrgenommen wurde, und als Hauptvertreter galt Peter Handke, ein Autor, der sich wenig später politischer zu verhalten begann als jeder andere, nur leider nicht so, wie man es haben wollte.

Rasch wurde die Neue Innerlichkeit ein alter Hut, und man entdeckte mit großen Augen die Zweisamkeit wieder. Es schien nicht gut, dass der Mensch allein sei, höchstens schwieriger: Die Probleme verdoppelten sich und die Seitenzahlen der Bücher, die davon handelten, auch. Martin Walser hat dafür eine Reihe gern gelesener Beispiele geliefert. Recht bald fand sich dafür das unschöne Wort Beziehungskiste, die aber immerhin den Vorteil hatte, dass man da allerlei hineinpacken konnte und dann den Deckel zuklappen: Hörte sich an, als sei da was erledigt.

Was es natürlich nicht war, weil es das ebenso natürlich nie ist. Der Deckel sprang also wieder auf, und – wundersame Vermehrung – Onkel und Tanten, Großeltern und Urgroßeltern waren auf einmal auch da: Der Familienroman war geboren. Und weil auch Leser gemeinhin Verwandte haben, waren sie eine Zeit lang mit dem Ulkigen und Drolligen und Tieftraurigen sehr zufrieden. Bis aber auch das nicht mehr reichte: Die Familie war schließlich nicht allein auf der Welt gewesen, selbst wenn es gelegentlich so ausgesehen hatte. Da war noch das ganze Jahrhundert drum herum, und das war doch an all dem Drolligen und Tieftraurigen schuld gewesen. Arno Geiger, Michael Köhlmeier und Julia Franck haben vorgeführt, wie man aus einem Familienporträt ein Zeitgemälde macht.

Und dennoch: Urahne, Großmutter, Mutter und Kind – sie sind einem lieb, und sie sind einem wert, aber sie sind leider nicht bedeutend. Ihre Schicksale mögen bewegend sein, aber sie selbst bewegen nichts, sie sind Opfer ihrer Zeit, nicht Täter. Die aber waren doch immer schon die interessanteren Gestalten. Nun mag uns das letzte Jahrhundert drastisch genug gezeigt haben, dass die Literatur den Weltenlauf nicht ändern kann, eines aber vermag sie doch: von den Vermögenden und Mächtigen zu erzählen, von den Machern und Verursachern. Von jenen, von denen wir zwar ständig in der Zeitung lesen, aber so verdammt wenig wissen. Und da ja einerseits nicht jeder, wie derzeit die Queen, einen Vierteiler bekommt, der hinter die sogenannten Kulissen blickt (hinter denen dann weitere Kulissen stehen), und da wir andererseits von Gala und der Bunten gelernt haben, schon die Berichte über das Haarkleid von Kanzler oder Kanzlerin als Nachrichten aus der großen Welt zu lesen, ja zu begreifen, sind wir nunmehr reif für das, was wir jetzt einmal das Große Ganze nennen: die Welt der Politik. Und da Romane Figuren, um nicht zu sagen Menschen brauchen: die Welt der Politiker.

Oder die ihrer Gegner, der Terroristen. Dass man von jemandem wie Christian Klar einmal eine Romanfigur abzupausen versuchen könnte, wird bei einem Autor wie Bernhard Schlink nicht wirklich überraschen, auch nicht, dass er in seinem neuen Roman Das Wochenende direkt auf das Politische abzielt. Nach der Methode Agatha Christie bringt er an einem Wochenende auf einem Landhaus ein Dutzend Personen zusammen, in ihrer Mitte der – anders als der reale Christian Klar – soeben vom Bundespräsidenten begnadigte und aus der Haft entlassene Terrorist. Jede dieser Personen vertritt dabei eine Position, und brav werden dann alle Aspekte des RAF-Terrorismus aufgesagt, von der Naziparallele bis zum Realitätsverlust, und das, als wäre es fürs Schulbuch geschrieben, im guten wie im schlechten Sinne. Schlink erzählt auf lähmend biedere Art mit ebenso biederen Dialogen, in denen keines der gängigen Argumente vergessen wird, aber eben das ist im Zweifelsfall auch seine Stärke: Wer Lesestoff für Schülerdiskussionen sucht, mag die leseunwilligen Youngsters damit vielleicht zum Nachdenken bringen. Man erinnert sich an den Erfolg der Fernsehserie Holocaust vor genau 30 Jahren und die dadurch ausgelösten Diskussionen: Schon damals musste man feststellen, dass schwere artifizielle Defizite die Wirkungsmacht politischer Kolportage nicht nur nicht einschränken, sondern womöglich sogar befördern.

Hätte Ihnen ein kurzer Rundblick auf Ihnen bekannte Innenminister das Gefühl gegeben, dringend mehr über die wissen zu wollen? Sicher nicht. Obwohl sie den meisten von uns keineswegs bekannt sein dürften, im Gegenteil. Man hat ja keine Ahnung! Man weiß doch überhaupt nicht, was sich bei einem Innenminister im Kopf so abspielt, während er sein Frühstücksei pellt, wenn er denn eines isst. Im Ernst: Wie sieht der Tag von so einem aus? Wie seine Nächte? Und, auch wenn sie nicht alle Barschels sind, wie ihre Hintergedanken?

Etwas ist faul in diesem Staat – der auch Dänemark heißen könnte

Eben darum aber ginge es doch, wenn man uns schon die politischen Akteure vorführt, begreifbar zu machen, was sie denken und wie sie denken, was sie bewegt und was sie bewegen, wo ihre Möglichkeiten und wo ihre Grenzen liegen, und nicht zuletzt: welche sozialen und wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen ihr Agieren bestimmt und eventuell durchschaubar macht. Und zuallerletzt: was der Autor, stellvertretend für seine Leser, von all dem, was er aus der Welt in seinen Roman hineingenommen hat, hält. Müssen wir nicht seine Anteilnahme spüren, wenn wir selber Anteil nehmen sollen? Muss er nicht an unserer Stelle Partei ergreifen, ohne deswegen parteiisch zu werden? Können wir nicht nur so in einen Roman involviert werden und sein Geschehen zu unserem machen, uns dafür interessieren (und »inter-esse« heißt schließlich auch: mittendrin sein)?

Es sieht so aus, als ob Michael Kumpfmüller genau das vorgehabt hätte: Schon mit dem ersten Satz seines Romans Nachricht an alle sind wir direkt an der Seite seines Innenministers, der gerade die SMS-Botschaft seiner Tochter lesen muss, die ihm aus dem Flugzeug schreibt, dass sie abstürzen. Diese Nähe ist aber nur eine scheinbare: Zwar erfahren wir bald, dass seine Ehe ziemlich im Eimer ist, dass ihm in Brüssel eine freundliche Dame jederzeit zu seiner Verfügung steht, dass er ein Verhältnis mit einer Journalistin beginnt, die nur halb so alt ist wie er – so weit, so Klischee –, aber nicht nur bleibt sein Gefühlsleben seltsam diffus, wir lesen vor allem nichts über seine politischen Absichten und Urteile.

Kumpfmüller treibt mit seiner Personage einen Aufwand von geradezu Shakespearescher Dimension: Kanzler, Minister, Gewerkschafter, Bodyguards, Frau, Tochter, Geliebte, Terroristen, Sicherheitskräfte, Volk. Aber so geschickt er auch immer seine Ministergeschichte mit der Geschichte von dessen Widersachern kreuzt, die aus einer schwer durchschaubaren Mischszene kommen, wo zielloser Aktionismus, verbogene Lebensläufe, Psychotisches und scheinbar Religiöses aufs Unerfreulichste zusammenkommen und für die Katastrophen sorgen – das alles wirkt kumulativ und nicht wirklich argumentativ und erzählerisch miteinander verknüpft. Über die Erkenntnis, dass etwas faul ist in diesem Staate (der auch Dänemark heißen könnte, der Autor lässt das offen), über diese Erkenntnis kommt der Roman nicht wirklich hinaus. So wird es eben doch kein politischer Roman, sondern nur ein Roman über einen Politiker. Auch gut, aber erst beides zusammen hätte den großen Wurf ergeben.

»Auch die RAF kommt wieder. Nicht so wie damals. Aber sie kommt wieder«, darf der Unverbesserliche bei Schlink sagen und hinzufügen: »Es gärt.« Diese Sorge, ja Angst teilen vermutlich viele Leute. Wie man deren Zustandekommen aber ding- und menschenfest machen kann, das liest man nicht bei Schlink, und das wird auch bei Kumpfmüllers wirrer Anarchistentruppe nicht nachvollziehbar. Wie man so etwas darstellt, hat Ulrich Peltzer in seinem großartigen Roman Teil der Lösung gezeigt (im Herbst bei Ammann erschienen), in dem er ohne Schlagwörter und ohne Vorurteile aus den scharfen Beobachtungen und bitteren Erfahrungen des Alltags in unseren alltäglichen Städten heraus sich etwas entwickeln lässt, was erst Protest ist, dann Aktion und eines Tages vielleicht wirklicher Widerstand. Was aber da als Zukunftsmöglichkeit aufscheint, muss Peltzer nicht mehr behaupten; es genügt, das Gefühl einer anonymen Bedrohung im Leser aufsteigen zu lassen. Kumpfmüller hingegen macht den Rumor dadurch, dass er andeutend von ihm erzählt, gerade nicht bedrohlicher.

Wir Fernseher haben ja gerade erst unter der Zerfilmung von Krieg und Frieden gelitten, haben wieder mitansehen müssen, wie man Tolstojs leidenschaftliches Erzählen großer Ereignisse – und die können sich natürlich ebenso auf dem Schlachtfeld wie in der Kutsche oder im Bett abspielen – in Kostüme, Schlösser, Uniformen, Dekolletés, Auftritte und Abtritte zerlegt hat und nicht wieder richtig zusammensetzen konnte. Dann aber haben wir, das hatte es immerhin bewirkt, wieder zu dem Roman gegriffen und sofort aufs Neue erkannt, wie Tolstoj mit Pierre, um wenigstens diesen Namen hinzuschreiben, eine Figur erdacht und erfühlt hat, deren private Empfindungen sich im Laufe der Seiten zu einem Abbild der Kehre vom frankophilen 18. Jahrhundert zum nationalbewussten 19. wandelt, wie sein Verhältnis zu den Frauen und den Kumpanen einen ernsten und ernst zu nehmenden Mann aus ihm macht. Pierre erfährt und spiegelt Geschichte und Politik am eigenen Leibe und der Leser durch ihn, und so ist Krieg und Frieden ein politischer Roman geworden und nicht nur eine Abfolge von Wochenschauen.

Das Leben der anderen – hier sind es die politisch Verantwortlichen

Michael Kumpfmüller ist kürzlich gefragt worden, ob sein Roman Nachricht an alle ein politischer Roman oder eher ein Roman über Politik sei. Er hat darauf ein bisschen ausweichend geantwortet »Man muss das erst einmal beobachten und beschreiben« und sich so gegen (vorschnelles?) Parteiergreifen verwahrt. Gerade da aber liegt das eigentliche Problem. Denn hier zeigt sich, dass sich der Stoff (die Welt der Politiker) und die Themen (Was wollen sie? Was bestimmt sie? Wohin führt das?) nicht von der Gestaltung trennen lassen. Nur sprachliches Vermögen, nur die Kraft der selbstständigen Erfindung, nur das gekonnte Zusammenführen von persönlichem Schicksal und historischen Gegebenheiten in ein mitreißendes Erzählen bringt uns dazu, an das, was wir lesen, auch zu glauben. Da liegen auch die Leistungsgrenzen der Recherche, und da liegen die Unterschiede zwischen dem literarischen und dem faktengestützten journalistischen Schreiben. Gewiss, man muss die Dinge »erst einmal beobachten und beschreiben«: Wehe aber, man bleibt dabei.

Dirk Kurbjuweit weiß das. Auch er – als Leiter des Hauptstadtbüros des Spiegels das, was man einen Kenner des Milieus nennt – hat einen Roman geschrieben, Nicht die ganze Wahrheit, in dem es einen Bundeskanzler gibt, Minister, Bodyguards, Ehefrau und Geliebte. Es ist ein sehr dichtes und – warum es nicht einfach mal so sagen – sehr schönes Buch. Aus der fast altmodisch anmutenden Perspektive eines kleinen Privatdetektivs geht der Blick auf das Leben der anderen, auf das heimliche Liebesverhältnis des Parteivorsitzenden mit der aufmüpfigen Bundestagsabgeordneten. Auch das ist in Wahrheit kein politischer Roman, wohl aber einer, der aus der Verquickung von Politik und privater Leidenschaft und den daraus resultierenden Irritationen, vielleicht gerade weil es dabei um das nicht ganz so Große geht, durchaus Einsichten in das Treiben der politisch Verantwortlichen gewinnt.

Nun gut, die Politiker rücken ins Visier der Romanschreiber, und wenn wir so mehr über sie erfahren als durch die Adabeis, soll es uns recht sein und den Politikern auch. Angela Merkel wird deswegen nicht sauer sein. Je länger man aber darüber nachsinnt, ob sich dabei wirklich ein frisches Nachdenken über unser aller Lage ankündigt oder ob es nicht doch nur, termingerecht zum 68er-Gedenkjahr, ein paar Romane gibt, in denen halt Politiker vorkommen, desto mehr beginnt man, an der Formel »politischer Roman« zu zweifeln. Denn, apropos 68, es gab ja mal Zeiten, in denen uns beigebracht worden war, dass letztlich alles politisch sei. Das war wohl auch etwas übertrieben, aber dass in diesem Zusammenhang ein Autor und ein Buch wie Hans Magnus Enzensberger und sein Hammerstein überhaupt nicht genannt wird, lässt die ganze Aufregung doch etwas einseitig belichtet erscheinen. Wenn noch etwas auffällt, dann ist es das Alter der Genannten: Kurbjuweit ist Jahrgang 1962, Kumpfmüller 61, Peltzer 56, Schlink 41. Und Enzensberger 1929, der war ja 1968 schon aktiv. Und die Jüngeren? Haben die sich womöglich alle dazu entschlossen, nur noch ihre zauberhaften Ding-Gedichte zu schreiben, nachdem sie einmal begriffen haben, dass alle politische Literatur nur Sinn macht, wenn sie auch etwas verändern kann? Und daran glaubt ja nun wirklich niemand mehr.

Was aber, wenn die wirklich Jungen eines Tages mit dem Romanschreiben Ernst machen? Kommt dann nach dem politischen der Globalroman? Nach dem Großen Ganzen das Ganz Große Ganze? Oder fragt sich einfach mal wieder jemand, was eigentlich die Marquise gemacht hat, nachdem sie um fünf Uhr das Haus verlassen und die Kutsche bestiegen hat?

 
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