Medizin »Werch ein Illtum!«*

In der vergangenen Woche brachen Ärzte und Schwestern ein Tabu: Sie sprachen über ihre Fehler. Ein mutiger Schritt, der die Probleme allerdings nicht löst

Selten schlug deutschen Medizinern eine solche Welle der Sympathie entgegen wie in der vergangenen Woche. Eine Gruppe von Ärzten und Schwestern war an die Öffentlichkeit getreten und hatte ihre beruflichen Verfehlungen gebeichtet. Hier war das falsche Knie operiert, dort eine Klemme im Bauch eines Patienten »vergessen« worden, oder man hatte aus Versehen mit einer Kanüle den Brustkorb so perforiert, dass ein Lungenflügel kollabierte. Mal führte übertriebener Ehrgeiz zum Desaster, in anderen Fällen Eile oder Rücksicht auf den Kollegen.

Mit der Bekenntnis-Broschüre setzte das Aktionsbündnis Patientensicherheit ein deutliches Zeichen. Selbst der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen gab darin einen Fehler zu, desgleichen ein Direktor des Universitätsklinikums Gießen und Marburg und der Präsident der Ärztekammer. Dies könnte viele weitere Kollegen animieren, ihre Fehlbarkeit zuzugeben. Das ist gut so. Aber die Geständnisse sind nur ein Vorspiel. Die Auseinandersetzung um Fehler im Medizinsystem hat erst begonnen – und sie kann noch deutlich härtere Formen annehmen. Denn längst nicht für jedes dabei auftretende Problem ist auch eine Lösung in Sicht.

Schon die Veröffentlichung war ein kalkuliertes Risiko. »Wir haben mit größter Spannung darauf gewartet, wie das aufgenommen würde, und das Schlimmste befürchtet«, sagt Matthias Schrappe, der Vorsitzende des Aktionsbündnisses, am Tag nach dem Outing. Schließlich stürzen sich vor allem die Boulevardmedien gern auf ärztliches Fehlverhalten. Aber die Bekenntnisse der »mutigsten Ärzte Deutschlands« kamen an. »Die wahren Geschichten schlagen alles andere«, sagt Schrappe nun, »das unterschätzt man als Experte manchmal.«

Was die wohlwollende Berichterstattung allerdings unterschlug, war die Tatsache, dass die Ärzte sich vor ihrer mutigen Beichte wochen- und monatelang juristisch beraten lassen mussten. Schließlich sollten keinem daraus rechtliche Konsequenzen erwachsen (was ihr Verdienst nicht schmälert). Doch just aus solchen juristischen Erwägungen geben die meisten Ärzte ihre Fehltritte allenfalls im kleinen Kollegenkreis zu. Ihr Fehlverhalten verschwindet gnädig im Datenwust von Sterblichkeits- und Komplikationsraten der Krankenhäuser.

Doch irgendwann wird die Individualverantwortung nicht mehr ausgeblendet werden können. Die geschädigten Patienten haben schließlich ein Recht darauf, zu erfahren, wo ihr Arzt Fehler gemacht hat – schon um des Schmerzensgeldes willen. Bald wird auch die Frage gestellt werden müssen, ob es genügt, dass nur die Qualität der Krankenhäuser jährlich in einem Report der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) dokumentiert wird – oder ob man nicht auch Qualität und Versagen einzelner Ärzte analysieren und veröffentlichen sollte.

Wie das im Zeitalter des Internets aussehen könnte, zeigt der Blick in die USA, wo die Diskussion schon fortgeschritten ist. Dort liefert die Website www.healthgrades.com für 17,95 Dollar vollständige Arztdossiers, inklusive einer Auflistung aller Gerichtsverfahren. »Diesen Aspekt kehren wir zurzeit unter den Tisch, um das wachsende Pflänzlein Patientensicherheitsbewegung nicht zu gefährden«, sagt Matthias Schrappe.

Die Kunstfehlerdiskussion ist nur der Anfang. Bislang spüren Mediziner mit Hilfe von vergleichenden Studien und statistischen Analysen, der sogenannten evidenzbasierten Medizin, die besten Medikamente und Behandlungen auf – und sortieren die weniger guten aus. Aber dieses Verfahren bildet die Güte der Therapie nur unvollständig ab, weil es die Versorgung der Patienten und die möglichen systematischen Fehlerquellen in den Behandlungsprozessen kaum betrachtet. Was nützt das neueste und beste Amputationsverfahren, wenn der Chirurg wegen fehlerhafter Organisation das falsche Bein abnimmt?

In den USA verfolgt das Institute for Healthcare Improvement den neuen Ansatz der »evidenzbasierten Versorgung«. Durch wissenschaftliche Analysen und Vergleichsstudien sollen die optimalen Behandlungsprozesse gefunden werden. Das Motto des Instituts: keine unnötigen Sterbefälle, kein unnötiger Schmerz, keine unerwünschten Wartezeiten und keine Verschwendung. Das einzige Gegenmittel gegen Fehler im System sei es, die eigene Leistung ständig zu messen und die eigenen Handlungen offen zu betrachten, sagt Institutsleiter Donald Berwick. Und diese Ergebnisse gehörten selbstverständlich an die Öffentlichkeit.

Wie viel mit einer optimalen Therapie erreicht werden kann, lässt sich vor allem an Erkrankungen wie der Mukoviszidose zeigen. Im Jahr 2003 durften Patienten mit diesem angeborenen Lungenleiden in den USA auf eine Lebenserwartung von durchschnittlich 33 Jahren hoffen. Im besten Mukoviszidosezentrum des Landes aber wurden die Patienten im Mittel über 47 Jahre alt. Donald Berwick ging den Ursachen auf den Grund. Er entdeckte, dass in dem mustergültigen Zentrum auch minimale Einschränkungen der Lungenfunktion nicht toleriert, sondern sofort behandelt wurden. In anderen Zentren war man weniger rigide – die Patienten zahlten mit einem frühen Tod.

Viele Krankenhäuser – auch in Deutschland – nehmen hin, wenn gelegentlich Patienten auf der Intensivstation durch einen Venenkatheter Infektionen erleiden. Sie sind schon zufrieden, wenn durch Hygienemaßnahmen die Rate der Zwischenfälle um 20 Prozent gesenkt wurde. Aber manche Intensivstationen machen eben auch vor, dass sich die Rate auf null senken lässt. So etwas kann man nur erreichen, wenn Hygiene nicht einfach verordnet wird, sondern wenn sich das ganze Team diesem Ziel verpflichtet fühlt, alle Abläufe beobachtet und Fehlerquellen in Besprechungen benennt. Die Zwickmühle: Offenheit entsteht nur in einem Umfeld, in dem nicht bei jeder Verfehlung sofort der Staatsanwalt in der Tür steht. Auf der anderen Seite werden fehlbare Mediziner in Zukunft stärker zur Verantwortung gezogen werden müssen.

Die Bundesärztekammer möchte den sanften Weg der Selbstregulierung gehen. Sie lehnte im vergangenen Jahr die Einführung eines Patientenrechtsgesetzes ab, das ähnlich wie bei dem Kontrakt einer Reisebuchung alle Rechte des Patienten auflistet und verbindlich regelt. Solch ein Gesetz würde zur staatlichen Gängelung führen und als Hebel für politisch motivierte Rationierungen im Gesundheitswesen missbraucht werden, sagte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Doch viele Patienten wollen ein Gesetz, das ihre Rechte überschaubar zusammenfasst. Sie fühlen sich nicht ernst genommen von Ombudsleuten an Krankenhäusern und Schlichtungsstellen bei Ärztekammern – eine der häufigsten Klagen, die das Aktionsbündnis Patientensicherheit entgegennimmt.

Was geschieht, wenn Fehler wirklich unnachgiebig verfolgt werden, lässt sich in den USA begutachten. Dort hat Medicare, die staatliche Krankenversorgung für alte und behinderte Bürger, im vergangenen Jahr beschlossen, von 2009 an für die Folgen von acht Fehlertypen im Krankenhaus nicht mehr zu bezahlen. Dazu gehören Stürze im Krankenhaus, Wundliegegeschwüre, im Körper der Patienten vergessene Operationsbestecke und Infektionen durch Venenkatheter. Das Krankenhaus muss in Zukunft die zusätzlichen Behandlungskosten, die durch solche vermeidbaren Fehler enstanden sind, selbst tragen. Auch in den zuständigen deutschen Gremien wird eine schärfere Gangart diskutiert. Den Medizinern stehen harte Zeiten bevor.

* »manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum!«, dichtete schon Ernst Jandl

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Leser-Kommentare
    • ga.rp
    • 06.03.2008 um 21:33 Uhr

    Qualitätskontrolle ist wichtig und alle müssen am selben Strang ziehen!...aber bei aller Liebe, für mich hören sich manche Abschnitte so an, als wollte man einen Buhmann für Fehler finden.Solch profane Beispiele wie der infizierte Venenkatheter oder das vergessene OP-Besteck erwecken den Eindruck, dass ein einzelner die Infektion verursacht oder ein Werkzeug vergessen hat.Aber weit gefehlt! - Bei jeder OP sind die OP-Assistenten, die das Besteck anreichen, dafür verantwortlich, dieses auch zu zählen, um sicherzugehen, dass nichts verloren geht. Und der Chirurg sollte im Vollbesitz seiner Kräfte auch daran denken, wo er noch Klammern u.ä. "versteckt" hat.Zentrale Venenkatheter werden i.d.R. von ein bis zwei Ärzten und einer Assistenz gelegt und dann z.T. wochenlang tagtäglich von verschiedenen Pflegern/Schwestern und Ärzten benutzt, alle ein-zwei Tage wird das Schutzpflaster neu geklebt und desinfiziert, in vielen Krankenhäusern wird nach jeder Injektion mit Kochsalzlösung gespült usw.Medizin ist heute mehr Teamwork denn je und der Fehler steckt im Detail. Durch die Qualitätssicherungsinitiativen der letzten Jahrzehnte sind viele Arbeitsläufe standardisiert und bürokratisiert, das ist einerseits sehr gut, weil sichere Vorgehensweisen vorgeschrieben sind; andererseits kostet vieles unnötig Zeit und in der allgemeinen Zeitnot wird manches dann doch anders gehandhabt.Was bleibt?Qualtität braucht verantwortungsvolles Verhalten, braucht Ausbildung, braucht Zeit. Alle genannten Dinge kosten Geld. Und bei den Finanzen sehen alle Verantwortlichen keinen Spielraum; im Gegensatz zur Qualität... Schade eigentlich.

    • kokaf
    • 07.03.2008 um 14:03 Uhr

    Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir ein Gesundheitssystem mit unseren Gesetzen vereinbaren können, wenn es nicht möglich ist alle optimal und bezahlbar behandeln zu können. Wir haben nicht genug Ärzte, und nicht genug Geld in den Kassen um uns für alle eine optimale Behandlung leisten zu können. Wie wollen wir in unserer Gesellschaft damit umgehen? Sollen wir alle immer mehr Geld in das Gesundheitssystem stecken? Oder sollen wir nur diejenigen behandeln, die dafür genug Geld aufbringen können? Oder werden wir warten müssen - monatelang auf einen Behandlungstermin - was bei Arztpraxen ja keine seltenheit ist.Gesundheit kostet viel Geld - entweder wir bringen dies alle auf, oder wir überlassen jedem ob er es aufbringen kann oder nicht, oder wir bringen es nicht auf - auf Kosten der Gesundheit.Ich plädiere ja für das finden einer Ausgewogenen Lösung. Bei der mehr von den Patienten erwartet wird, und nur für die Grundversorgung die Krankenkassen zuständig sind (mit allen moralischen Bedenken die ich dabei habe). Gesundheit ist nicht das wichtigste im Leben - Millionen von Jahren haben Menschen menschenwürdig kürzer als 80 Jahre gelebt, müssen wir versuchen allen ein möglichst langes Leben zu ermöglichen, nur weil es vielleicht möglich ist?

  1. 3. @kokaf

    ich teile ja ihre meinung, dass es nicht nötig ist, alle medizinischen und technischen möglichkeiten auszureizen, um menschenleben künstlich zu verlängern.das problem ist, dass hierfür keine klaren grenzen gezogen werden können.wo hört man auf zu behandeln? unter welchen umständen implantiert man keine künstlichen gelenke mehr? wie alt muss ein mensch sein, damit er keine teuren medikamente mehr bekommt, wenn er sie nicht aus eigener tasche bezahlt? hat es ein bisher gesunder 80jähriger weniger verdient, medizinische versorgung zu bekommen als ein 50jähriger, der seine gesundheit durch seinen lebenswandel über jahre hinweg ruiniert hat? es würde unweigerlich eine selektion auf kosten der sozial schwächeren entstehen und eine solche ist meiner meinung nach in einem aufgeklärten europa des 21. jahrhunderts sicherlich fehl am platz.natürlich, gesundheit kostet geld und jeder sollte sein scherflein dazu beitragen, dazu muss aber auch in der bevölkerung das bewusstsein entstehen, dass gesundheit nicht gratis ist und dass jeder schlussendlich für die erhaltung derselben verantwortlich ist.andererseits sollte die politik sich langsam gedanken darüber machen, wie die kassenfinanzierung in zukunft funktionieren kann, ich glaube, dass länder wie deutschland oder österreich durchaus genügend geld haben, um die medizinische versorgung weiterhin zu sichern, wenn sich nur mal jemand dazu aufraffen würde, für eine richtige und sinnvollere verteilung der mittel einzutreten."gesundheit ist nicht alles - aber ohne gesundheit ist alles nichts" schopenhauer

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