Internet Vom Ende der Gleichheit

Kommt das Zwei-Klassen-Internet? Künftig könnten diejenigen schneller surfen, die mehr bezahlen. Ein neues Internetprotokoll macht das möglich

Noch sind im Internet alle gleich. Die Website des Weißen Hauses wird nicht schneller oder zuverlässiger transportiert als die Fotos vom letzten Familienfest in Kleinkühren. Für diese sogenannte Netzneutralität sorgt seit 35 Jahren das Internet-Protokoll Version 4, kurz IPv4. Jetzt mehren sich die Gründe für eine Erneuerung der bewährten Datenverkehrsregeln. Die funktionieren nämlich glänzend, solange es, –wie beim Surfen im Web oder im Emailverkehr, – egal ist, in welcher Reihenfolge Datenpakete beim Empfänger eintreffen und ob sie dafür 150 oder 800 Millisekunden brauchen. Sogenannte Echtzeitanwendungen – also digitalisierte Telefongespräche, Video-Streaming, Internet-Radio oder Fernsehen – fangen dagegen schon beim Verlust weniger Datenpakete und kurzen Verzögerungen an zu ruckeln oder brechen gleich völlig zusammen. Und spätestens seit dem Boom von Video-Plattformen wie Youtube oder Myspace sorgen Echtzeitanwendungen für den Großteil des Datenverkehrs im Internet.

IP Version 6, der Nachfolger von IPv4, wurde schon vor zehn Jahren entworfen, jetzt beginnt die schrittweise Umstellung. IPv6 erhöht die maximale Anzahl der Geräte, die ans Internet angeschlossen werden können, von bisher 3,4 Milliarden auf 340 Sextillionen. Das ist eine Zahl mit 37 Nullen und mehr als genug, um bis zum Ende der Welt jedem Menschen, Handy, Kühlschrank, Bleistift oder Medikament seine eigene IP-Adresse zu verpassen. Das »Internet der Dinge« kann damit beginnen – und das Datenvolumen im Netz noch weiter aufblähen.

IPv6 ermöglicht zudem die Unterscheidung von Datenpaketen je nach Absender, Empfänger, Inhalt oder Bezahlung. Für Echtzeitanwendungen können so Expressspuren zur Umgehung von Staus auf den Datenautobahnen eingerichtet werden. Das ist technisch sinnvoll und wird unter dem Stichwort »Quality of Service« gehandelt. Die Betreiber von Netzwerkknoten und Kabeln, in der Regel sind das die großen ehemals staatlichen Telekom-Unternehmen, können aber auch je nach Geschäftsinteresse bestimmte Inhalte bevorzugen oder behindern.

Einen Vorgeschmack darauf erleben die deutschen Kunden von Vodafone. Per UMTS können sie mit dem Handy zwar nach Lust und Laune surfen, wenn sie dabei aber einen Internet-Telefonanbieter aufrufen, bekommen sie seit einem halben Jahr nur eine Fehlermeldung. Vodafone hält sich damit die lästige Konkurrenz vom Hals, mit der exorbitante Roaming-Gebühren beim Mobiltelefonieren umgangen werden könnten.

In Deutschland blieb das bisher öffentlich weitgehend unbemerkt. In den USA werden bereits seit zwei Jahren erbitterte Debatten um die Netzneutralität geführt. Es gab schon Demos und sechs Gesetzesinitiativen, von denen fünf an widerstreitenden Lobbyinteressen gescheitert sind. Comcast, die größte Kabelgesellschaft der USA, hatte für ihre Kunden den Zugang zu einem Video-Portal absichtlich verschlechtert, angeblich um Platz in überlasteten Leitungen zu schaffen. »Das ist wie ein Pferderennen, bei dem Comcast mit einem eigenen Pferd antritt, gleichzeitig aber auch die Rennbahn besitzt«, beklagte Gilles BianRosa, Chef des Internet-Video-Anbieters Vuze, vor einem Kongress-Ausschuss. »Und wir müssen hinnehmen, dass die Bahn für unser Pferd etwas länger ist.«

Auch die Telekom denkt schon darüber nach, wie sich die neuen Verkehrsregeln im Internet zum geschäftlichen Vorteil nutzen lassen. Zum Beispiel durch einen Aufpreis für die Vorzugsbehandlung bestimmter Datenpakete. Firmensprecher Mark Nierwetberg zieht einen Vergleich zur Bahnreise: »Jeder, der eine Fahrkarte gelöst hat, darf am Freitag Nachmittag in den Zug steigen. Aber einen Sitzplatz bekommt er nur mit Platzreservierung.« Irgendwie müsse schließlich der Netzausbau finanziert werden, der die Telekom allein für das neue VDSL-Breitbandnetz bis zu drei Milliarden Euro kosten werde.

Christoph Meinel, Direktor des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts, hat das deutsche IPv6-Forum gegründet, das sich für die zügige Einführung des neuen Internet-Protokolls einsetzt. Er glaubt nicht, dass es die Netzneutralität grundlegend in Gefahr bringt. Die Interessenvielfalt der am Internet beteiligten Unternehmen werde das verhindern: »Jeder hat im Moment so seine Idee und probiert aus, wie sie wirkt. Was die Leute hinnehmen, wird schnell Nachahmer finden. Wenn es aber einen Einbruch bei den Kunden gibt, wird auch Vodafone seine Sperre ganz schnell wieder aufheben.«

 
Leser-Kommentare
  1. Bereits die Gründingsväter des TCP/IP Protokolls dachten über eine bevorzugte Behandlung bestimmter Pakete nach und reservierten 2 Bit im Paket um den "Type of Service" zu kennzeichnen.
    Da sich niemand fand der hiermit etwas anfangen wollte, wurden diese 2 Bit umgewidmet zu "Explicit Congestion Notification" (ECN), eine Art Besetztzeichen wenn ein Server im Netz zu beschäftigt ist eine Anfrage zu beantworten.

    Die Tatsache, dass Anbieter schon heute Dienste und andere Netze ausbremsen zeigt, dass es hierfür kein IPv6 braucht. Als Kriterium wird einfach der Absender eines Paketes ausgewertet (ist der ein Server der Konkurenz?) oder ermittelt, notfalls geraten, um welche Art der Kommunikation es sich handelt (benutzt da jemand Tauschbörsen?). Technisch möglich ist dies ganz ohne neue Protokolle.

    IPv6 ist ein Segen für Anwender und Anbieter. Nicht nur der Adressraum wird grösser (1500 verschiedene Adressen pro Quadratmeter dieser Erde), durch "Quality of Service" wird zukünftig sichergestellt, dass das Internettelefonat des Nachbarn bevorzugt behandelt wird, mein Forumsbeitrag kann mit dem Versand 0.5s warten! Und was dazu kommt: bei IPv6 ist die Verschlusselung Bestandteil der Kommunikation. Sowohl der Beitrag, als auch meine Zugangsdaten sind von Anfang an vor neugierigen Augen geschützt!

    Wehren muss man sich in der Tat gegen die Errichtung virtueller Grenzen oder Schlagbäume: wenn AOL keine E-Mails von gmx.de zustellt (unter bestimmten Bedingungen), Kabel Deutschland Tauschbörsen bremst oder Gesetzgeber Suchmaschinenbetreiber zwingen bestimmte Seiten erst gar nicht anzuzeigen hilft leider kein Protest, sondern nur die Abstimmung mit den Füssen!

  2. Um nur die wichtigsten Punkte zu nennen:QoS (quality of service, ein Mechanismus Datenpakete zu priorisieren) gibt es schon in IPv4 (wie michaelrenner schon richtig bemerkte – allerdings ist das ToS Feld – dessen Namen und Nutzung sich im Laufe der Zeit geändert hat - nicht 2 sondern 8 Bit groß – was theoretisch 256 Service Klassen ermöglicht). Das QoS im Internet nicht durchgängig zur Verfügung steht hat ehr mit der Natur des „Netzes zwischen den Netzen zu tun“. Wie und ob welche Priorisierung erfolgt und wo die „trusted boundaries“ sind, entscheidet jeder Netzbetreiber für sich. Spätestens über Netzgrenzen hinweg ist zwar noch der Transport nicht aber die Qualität gesichert. Der Grund dafür ist, dass bei der Priorisierung von Daten die Pakete zunächst markiert werden müssen (im erwähnten ToS Feld). Die Frage ist dann allerdings, welcher Markierung man trauen soll (die des Onlinespielers, der seinen Traffic möglichst hoch priorisieren möchte – ganz sicher nicht, die des einen Netzbetreibers oder die des anderen??)Video Streaming ist nicht gleich Echtzeit. Bevor die Wiedergabe beginnt, puffert der Video Player ein paar Sekunden um eventuelle Verzögerungen bei der Datenübertragung abzufangen. Anders ist die Situation bei IP Telefonie oder IP TV (wer möchte schon 3 Sekunden nach dem Umschalten warten), wo Daten in „Echtzeit“ übertragen werden müssen.die Anzahl der mit IPv4 verfügbaren Adressen ist zwar begrenzt, durch NAT (network address translation) können aber erheblich mehr Geräte mit (sog. privaten) IP Adressen an das Internet angebunden werden. Jeder der heute z. B. einen DSL Router im Einsatz hat, verwendet NAT – vermutlich viele ohne es zu wissen. michaelrenner erwähnte noch Verschlüsselung: auch keine Neuigkeit. Verschlüsselungsmechanismen finden sich in IPv4 auf den verschiedenen OSI Ebenen (z. B. IP-Sec oder SSL). Der Einsatz ist ebenfalls weit verbreitet, sei es bei VPNs (virtual private networks) um eine gesicherte Verbindung zum Firmennetz aufzubauen, sei es als HTTPS Implementierung für Onlinebanking. IPv6 hat zwar gegenüber IPv4 einige Vorteile, die im Artikel beschriebenen sind es, wenn man mal von dem größeren Adressraum absieht, aber nicht. „Ende der Gleichheit“, das Blocken von Netzen, Inhalten oder e-mails, wie es heute schon geschieht, hat relativ wenig mit IPv6 vs. IPv4 zu tun. Zwar bietet IPv6 einige zusätzliche Möglichkeiten, exklusiv sind diese Features allerdings nicht.

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