Maschine »Heben und Rollen«
Warum auch Fußballteams Maschinen sein können, ob man vor Maschinen Angst haben muss und wann sie scheitern: Ein Gespräch mit dem Technikhistoriker Hans-Joachim Braun
Was ist eine Maschine?
Eine Maschine ist zum Beispiel die argentinische Fußballmannschaft River Plate der 40er Jahre. Die wurde jedenfalls La Máquina genannt. Das damalige Ideal war eine Fußballmannschaft, die wie eine Maschine arbeitet: Eins fügt sich ins andere, alles geht reibungslos vor sich. Die Vorstellung war: Wenn eine Mannschaft effektiv spielen und nicht nur zaubern will, dann muss sie effizient werden.
Das ist ein stark erweiterter Maschinenbegriff...
Im ZEIT-Lexikon steht: jede Vorrichtung zur Erzeugung oder Übertragung von Kräften. Interessant ist, dass der Ursprung des Begriffs ein militärischer ist. Die römische "machina" ist eine Belagerungsmaschine. Doch der Maschinenbegriff hat sich sehr gewandelt. Heute gelten auch Computer als Maschinen.
Welches waren die wichtigsten Maschinen?
Der größte Teil der Bevölkerung würde wahrscheinlich heute den Computer nennen. Eine ältere Generation käme vielleicht auf die Dampfmaschine und den Verbrennungsmotor. Historisch muss man über Heben, Rollen und Schrauben reden. Das sind zumindest Maschinenelementein aus deren Kobination erste einfache Maschinen entstanden. Eine Art Basismaschinen waren sicherlich antike Schöpfwerke und in der Spätantike und im Mittelalter die Windmühlen.
Gibt es mehr Gründe, vor der Maschine Angst zu haben oder ihr zu vertrauen?
In der Maschine angelegt ist ihre Doppelgesichtigkeit, sie erzeugt Faszination und Schrecken. Denken Sie an den Ikarus-Mythos. Man erhebt sich über die Natur und geht zugrunde. Oder der deus ex machina im Theater des Barock und der Klassik: Sein Auftritt ist plötzlich und erschreckend, doch er bringt die Lösung des Dilemmas. Zu Beginn der Industriellen Revolution wurde die Entwicklung der Technik, vor allem natürlich von Seiten der Innovatoren, positiv erlebt. Doch gleichzeitig stellte sich die Frage nach Gewinnern und Verlierern. Wer leidet, wer verliert seine Existenz?
Dann wurden Maschinen gestürmt.
Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörten die englischen Ludditen zahlreiche Spinnmaschinen. Auch später, als die ersten Eisenbahnen fuhren, erlebte die Menschen sie nicht nur positiv, trotz der höheren Geschwindigkeit und des Komforts. Denn es änderte sich ja ihre Lebensweise. Und es kam zu Unfällen. Ende des 19. Jahrhunderts waren einerseits technische Utopien populär, man denke an Jules Vernes. Aber man hat sich auch schon damals damit auseinander gesetzt, was passiert, wenn Maschinen oder ganze Systeme außer Kontrolle geraten. Es wurde auch schon darüber nachgedacht, ob nicht irgendwann die Maschine die Herrschaft übernimmt und den Menschen zum Statisten degradiert.
Wer beherrscht die Machine?
Wenn ich meinen Gegenüber, der außer Kontrolle geraten könnte, genau einschätzen kann, dann kann ich ihn eher beherrschen. Das gelingt umso weniger, je komplexer und unübersichtlicher einzelne Maschinen oder Systeme werden. Die Technik seit dem Ende des 19. Jahrhundert, in der Elektroindustrie, in der chemischen und pharmazeutischen Industrie, hat die Tendenz zur "Blackboxisierung". Wenn es noch exaktes Wissen über die Technik gibt, dann liegt es, so meint man, bei Experten, die aber häufig uneins sind
Sie arbeiten unter anderem über gescheiterte Innovationen. Welche Maschinen sind gescheitert?
Meist erfährt man davon nichts, die Firmen reden nicht gern darüber. Doch es ist bekannt, dass die meisten Entwicklungen schon in einem frühen Stadium scheitern. Ein Beispiel für eine gescheiterte Maschine ist der Kohlenstaubmotor, der im Dritten Reich wegen des Treibstoffmangels entwickelt wurde. Er hat zwar funktioniert, aber nicht auf Dauer. Außerdem war seine Leistungsfähigkeit sehr begrenzt. Und in den 50er Jahren scheiterte Chrysler mit dem Versuch, die Gasturbine wie beim Flugzeug im Automobil einzusetzen. Der Verbrauch war zu hoch, und die Turbine kam mit den Bedingungen des innerstädtischen Stop-and-go-Verkehrs nicht zurecht.
Auf der Homepage Ihrer Uni präsentieren Sie sich nicht mit einem Schraubenschlüssel, sondern mit einer Trompete. Warum?
Ich wollte ursprünglich Musik studieren mit dem Hauptfach Trompete. Doch ich hätte dann täglich drei bis vier Stunden spielen müssen, und das war mir nicht so ganz lieb.Heute spiele ich ab und zu in einer Jazzgruppe. In den späten 80er Jahren ist es dann eins meiner Forschungsgebiete geworden: der Vergleich zwischen den Konstruktionsprozessen in der Technik und den Kompositionsprozessen in der Musik. Strawinski hat gesagt, dass Komponieren eine Montage, harte Arbeit, Schweiß und Tränen sei, ein Handwerk. Wenn Sie mal Skizzenbücher von Erfindern und Konstrukteuren mit denen von Komponisten vergleichen - da wird in beiden Fällen gestrichen, hinzugefügt, aufgebaut. Rein formal gibt es da erstaunliche Parallelen.
Hans-Joachim Braun ist Professor für Neuere Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg
- Datum 06.03.2008 - 13:00 Uhr
- Serie Bildungskanon
- Quelle DIE ZEIT, 06.03.2008 Nr. 11
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