Scharfsinnige Argumente, wie Reinhard Merkel sie zur Folter in Notwehrsituationen ohne Zweifel vorträgt , verführen oft zu einem apodiktischen Ton, der so manches leise Knirschen im Gebälk überhören lässt. Die Debatte über die Zulässigkeit der Folter war bisher dadurch gekennzeichnet, dass Befürworter wie Gegner überwiegend mit einer eher selbstquälerischen Haltung argumentierten. Nur wenige sind restlos überzeugt, und auch die knappen Äußerungen Horst Dreiers erzeugen diesen Eindruck nicht – nicht zuletzt deshalb sind die politischen Invektiven gegen seine Wahl zum Bundesverfassungsrichter ein Skandal. Merkel will nun demonstrieren, dass es ein Recht, gar eine Pflicht zur Folter in Notwehrsituationen gebe. Damit scheint der dunkle Schleier des Tragischen über diesen Fällen endlich gelüftet zu sein. Aber in das Gefühl, durch gute Gründe überzeugt zu sein, mischt sich Unbehagen.

Möglicherweise hat die Absolutheit des Folterverbots etwas mit der Natur der Folter selbst zu tun, ohne Ansehen der guten oder bösen Zwecke, die mit ihr angestrebt werden. Merkel spricht immer nur abstrakt von Folter oder von der bloßen Androhung, allenfalls von der Zufügung von Schmerzen. Eine kleine Phänomenologie des Folterns zeigt jedoch rasch die Untiefen, in die gerät, wer Folter bloß abstrakt für zulässig erklären will. Außerdem verführt eine einseitige Diät von Beispielen dazu, sich über die Einzelheiten des Folterns keine weiteren Gedanken zu machen. Weil im Frankfurter Entführungsfall die bloße Androhung unvorstellbarer Schmerzen schon genügt hatte, sollte man sich nicht zu der Fehlvorstellung verleiten lassen, das werde künftig in ähnlichen Fällen auch so sein. Das von Merkel selbst gewählte Beispiel eines Bombenlegers im Passagierflugzeug, der allein den Code des Zündmechanismus kennt, lässt zudem eher an spontanes Reagieren, an verzweifelte Aktionen in Kampfsituationen denken als an Folter im eigentlichen Sinne.

Im Übrigen müsste schon genauer gesagt werden, was unter Zufügung von Schmerzen zu verstehen ist. Zu den notwendigen Erfolgsbedingungen der Folter gehört ihre Eskalationsfähigkeit, und zwar so, dass der Folternde über die Eskalationsstufen alleine herrscht und der Gefolterte nicht weiß, wann die nächste Eskalationsstufe beschritten und wie es auf dieser Stufe zugehen wird. Gerade diese Ungewissheit auf der Seite des Gefolterten ist für das Foltern essenziell. Was wäre denn passiert, wenn der Geiselnehmer im Frankfurter Entführungsfall sich von der Drohung nicht hätte beeindrucken lassen? Zu Zeiten der heiligen Inquisition hieß es in solchen Fällen, der Delinquent sei »verstockt«, weshalb er mit schärferen Mitteln zum Reden gebracht werden müsse. Hätte man dann die angedrohte Folter auch wahr machen müssen? Und wenn auch das nicht zum Erfolg geführt hätte? Wie weit darf oder muss man gehen, wenn die erste Stufe der Schmerzzufügung wirkungslos bleibt? Elektroschocks, waterboarding, simulierte Tötung, das Peinigen mit aufgehetzten Hunden, Amputation von Gliedmaßen?

Hier zeigt sich eine verborgene Tücke in dem von Merkel gewählten Beispiel: Der Bombenleger im Passagierflugzeug ist ein Selbstmordattentäter, der seinen eigenen Tod beschlossen hat. Warum sollte er unter Zufügung von Schmerzen bereit sein, die sichere Aussicht auf den Märtyrertod preiszugeben? Im Gegenteil – dürfte er von einer Folterung nicht noch eine unverhoffte Adelung seines Martyriums erwarten? Bloße Schmerzzufügung wird bei Angehörigen heroischer Gesellschaften nicht ausreichen. Also müsste man überlegen, wo die Heroen des Martyriums ihren wunden Punkt haben. Vielleicht bei sexuellen Demütigungen? Weil es das einzige Mittel ist, das auch einen Selbstmordattentäter endlich schwach werden lässt?

Das alles sind technische Fragen, aber sie zeigen schon, dass das Foltern eigentlich nur eine immanente Grenze hat – die Tötung des Gefolterten so lange zu vermeiden, wie der Gefolterte noch nicht getan hat, was der Folternde von ihm will. Ansonsten ist Folter grenzenlos; alles muss erlaubt sein – auch und gerade in Notwehrsituationen, wo die Zeit ohnehin knapp ist.

Diese leichte Akzentverschiebung in Merkels Beispiel führt auf eine zweite Eigenschaft des Folterns. Die Rede von der Schmerzzufügung verdeckt, dass das Foltern sich darin nicht erschöpft. Wiederum legt die Notwehrsituation die falsche Vorstellung nahe, es ginge nur um Drohungen, Schläge oder andere Formen nötigender körperlicher Zwangsausübung, wie sie eher in Kampfsituationen üblich sind. Das mag in einigen Fällen so sein. Die historische Erfahrung des Folterns zeigt dagegen ein anderes Bild. Folter besteht immer auch und gerade in der Zufügung psychischer Schmerzen. Die Folter zielt ja nicht bloß auf den Körper des Gefolterten, sondern sie benutzt diesen als ein Werkzeug, um auf die Psyche einzuwirken, genauer: auf den Willen.

Am Beispiel der sexuellen Demütigung kann man sich dies klarmachen. Hier kann der körperliche Schmerz je nachdem im einen Fall geringer, im anderen stärker sein, aber der psychische ist in jedem Fall dramatisch. Im Schrei des Gefolterten artikuliert sich mit dem Schmerz immer auch die Scham über das Erlittene. Demütigung, Erniedrigung, Verachtung – diese psychosozialen Aspekte der Interaktion zwischen Folterer und Gefoltertem gehören unabdingbar zu jeder Folterpraktik. Und warum sollte man sie sich nicht gerade in Notwehrsituationen zunutze machen, wenn man mit ihrer Hilfe wie im Beispiel des heroischen Selbstmordattentäters schneller und sicherer ans Ziel kommt als mit aufwendigem körperlichem Zwang? Und wer wollte sich anheischig machen, zwischen sauberer, angemessener Folter auf der einen, schmutziger, unangemessener Folter auf der anderen Seite zu unterscheiden?