Bildungspolitik Der undankbarste Job meines Lebens
Niemals war das Thema Bildung so wichtig wie heute – doch kaum jemand ist weniger beliebt als die zuständigen Politiker. Was wäre, wenn einer von ihnen einmal seine geheimsten Gedanken offenbarte? Hier ist sie, die schonungslose, ungehaltene Rede für Kultusminister
Liebe gebeutelte Kollegen! Wir Bildungspolitiker sollten eigentlich stolz sein. Niemals zuvor nahmen die Bürger unsere Arbeit ernster, war unsere Stellung in der Regierung bedeutsamer – doch was haben wir davon? Nichts als Ärger! Fragen Sie einmal Eltern oder Lehrer Ihres Landes nach dem schlimmsten deutschen Kultusminister. Wetten, die Antwort heißt: »Na unserer!« Oder: »Der jetzige natürlich.«
Zwar bin ich öfter in den Medien als meine Vorgänger und die meisten anderen Minister. Doch welcher meiner Kabinettskollegen muss sich mit mehr Betroffenen herumplagen? Zwölf Millionen Schüler, sechs Millionen Kitakinder und Studenten, mehr als eine Million Lehrer, Professoren und Erzieher; und alle anderen sind auch mal zur Schule gegangen und glauben deshalb, ebenso mitreden zu können. Entsetzlich. Und immer sind wir persönlich schuld. Steht ein Autofahrer mal im Stau, denkt er nicht sofort an den Verkehrsminister. Kein Steuerzahler verflucht jeden Monat den Finanzminister. Doch fällt an irgendeiner Schule eine Woche lang der Mathematikunterricht aus, klingelt gleich bei mir im Büro das Telefon.
Dabei sind wir Bildungspolitiker endlich dort, wo wir immer hinwollten: im Zentrum der Macht! Natürlich waren Kitas, Schulen oder Universitäten schon immer wichtig. Doch dass die Wähler neuerdings Bildung noch vor Wirtschaft oder Innerer Sicherheit als ihre größte Sorge bezeichnen, das hat es nie gegeben. In Hessen hat das Debakel um die Schulzeitverkürzung die CDU den Wahlsieg gekostet. In Hamburg ist die Bildung ein zentrales Thema der schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen. Jahrelang haben wir gepredigt: »Die Zukunft unseres Landes entscheidet sich in den Schulen.« Jetzt glauben es die Bürger tatsächlich! Und nach der Föderalismusreform brauchen wir uns nicht einmal mehr vom Bund reinreden zu lassen – auch wenn die Schavan in Berlin neuerdings immer bulmahniger wird.
Ob Integrationskrise oder demografische Katastrophe, Wertevakuum oder dicke Kinder: Alles ruft nach der Schule, also nach uns. Wir stärken Deutschlands Stellung im globalen Wettbewerb, sorgen dafür, dass Frauen Karriere und Kinder vereinen können und dass aus kleinen Türkenmachos gute deutsche Bürger werden. Doch warum dankt es uns niemand? Warum ist das typische Image des Bildungsministers die gescheiterte Existenz?
Die jüngsten Verluste in unserem Kreis sind bekannt. Der hessische Wissenschaftsminister Udo Corts gab schon vor der Wahl auf, die Kollegin Karin Wolff gleich danach. Mag sein, dass sie überambitioniert agierte und etwas zu viel in der Bibel las. Aber solch ein Abgang! Sie war stellvertretende Ministerpräsidentin, und jetzt möchte die hessische CDU sie möglichst schnell vergessen. In anderen Bundesländern dasselbe Bild: In Niedersachsen wurde als Einziger im neuen Kabinett der Kollege Bernd Busemann ausgetauscht, in Hamburg hat gerade Wissenschaftssenator Jörg Dräger das Handtuch geworfen.
Und niemand ist so schnell vergessen wie der Minister von gestern. Wer erinnert sich noch an Gaby Behler, Rosemarie Raab, Willy Lemke, Monika Hohlmeier oder Klaus Böger? Alle waren sie lang gediente Kultusminister oder Bildungssenatoren. Als Sieger schieden sie nicht aus dem Amt. Vor Kurzem traf ich einen von ihnen im Zug. Er war kaum zu bremsen: »Das war der undankbarste Job in der Politik, den ich je hatte. Unmöglich kann man es Lehrern, Eltern und Schülern recht machen. Ich habe alles unternommen, was ich konnte, und viel Geld ausgegeben. Aber ich bekam immer nur etwas auf die Schnauze.«
Der Mann hat recht. Nicht für die Lehrer braucht man Imagekampagnen, sondern für uns. Ich sehe sie schon vor mir, die Plakate: »Dein Kind. Bei uns in besten Händen. Deine Kultusminister«. Doch eine solche Wertschätzung, die wir längst verdient hätten, verhindern schon die Lehrer. Ich kenne sie gut, war ja selbst mal einer. Ich weiß, wie es ist, 30 gelangweilten Gesichtern von Pubertierenden gegenüberzusitzen und Fragen zu stellen, deren Antworten man lange kennt. Ich kenne diese stickige Atmosphäre im Lehrerzimmer, wo das Lästern über Schüler und Eltern nur vom Schimpfen über den Kultusminister übertroffen wird. Wer sich hier als Politiker einen schlechten Ruf erworben hat, wird ihn nie wieder los. Und wehe, uns Politikern rutscht einmal ein kritisches Wort über die Pädagogen raus! Was haben sie doch für empfindsame Seelen, unsere Schulmeister. Als Gerhard Schröder in einem Interview mit Schülerzeitungsredakteuren den Kumpel mimte und von Lehrern als »faulen Säcken« schwadronierte, beging er den Fehler seines politischen Lebens. Dieser Beleidigung gedenken die Lehrer mit der gleichen historischen Hingabe wie die Serben der Niederlage gegen die Türken 1389 auf dem Amselfeld.
Manchmal habe ich das Gefühl, diese permanente Unzufriedenheit ist bei denen Veranlagung, irgendetwas Genetisches. Immer ist ihre Stundenbelastung zu hoch, sind ihre Klassen zu groß, wird ihre Arbeit nicht ausreichend geschätzt. Stellen wir uns einmal vor, einer von uns verkündete morgen, er wolle die Pflichtstunden aller Lehrer im Land halbieren. Was würde passieren? Das Wahrscheinlichste wäre eine Pressemeldung der Bildungsgewerkschaft GEW, die eine sofortige Verdopplung der Lehrergehälter verlangt, um die anfallenden finanziellen Freizeitbelastungen abzudecken.
Nun sollte man meinen, die Eltern müssten unsere natürlichen Verbündeten sein. Weit gefehlt. Auf der einen Seite rufen sie: Reformiert die Schulen! Macht den Lehrern Beine! Doch sobald wir mit Veränderungen Ernst machen, heißt es: Unsere Kinder sind doch keine Versuchskaninchen! Und wenn ein Vater dann noch Beckmann heißt und nicht nur zwei Kinder auf einem Gymnasium, sondern auch eine eigene Fernsehsendung hat, kommt kein Minister gegen die Kritik an.
Nach dem Desaster mit dem Turbo-Abi fordern jetzt alle, den Lehrplan zu entrümpeln, Stoff zu kürzen. Dabei haben wir schon heute im internationalen Vergleich wenig Unterricht. Wenn wir dann bei der nächsten Pisa-Untersuchung schlecht abschneiden, wird es heißen: »Kein Wunder bei der geringen Stundenzahl.«
Zugegeben, manchmal haben die Kritiker ja nicht ganz unrecht. Da dauern die Stunden bis zum Nachmittag – doch es gibt in den Schulen keine Kantine. Wir führen neue Fächer wie Naturwissenschaften in der Grundschule ein – aber Wochen nach Schuljahresbeginn fehlen noch immer Lehrbücher und Curricula. Es gibt zentrale Prüfungen – doch die Aufgaben sind voller Deutschfehler. Aber was ist denn zu erwarten, wenn alle Institutionen vom Kindergarten bis zur Uni im Eiltempo saniert werden sollen? Wo gehobelt wird, fallen nun einmal Späne.
Wir haben Schulprogramme eingeführt, Kampagnen gegen das Sitzenbleiben gefahren, die Schulzeit verkürzt, Ganztagsschulen errichtet, die reformierte Oberstufe zurückreformiert, Schulformen abgeschafft und neue Fächer eingeführt, Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten, Zentralabitur erlassen. Und nun heißt es, wir würden Lehrer und Schüler überfordern, alles sei so chaotisch. Was ist denn die Alternative? Man stelle sich vor, einer von uns würde zu Beginn seiner Amtszeit verkünden, er wolle die laufenden Reformen erst einmal zu Ende bringen und die Schulen ansonsten in Ruhe lassen. Der Mann wäre politisch so gut wie tot!
Da heißt es lieber: Weiter reformieren und Neues verkünden. Dazu zwingt uns schon die Tatsache, dass kaum einer von uns während der Amtszeit die Früchte seines Wirkens ernten kann. Bevor sich Veränderungen in Schulen und Universitäten bemerkbar machen, vergehen Jahre, mitunter Jahrzehnte. Doch den meisten von uns steht gerade eine Legislaturperiode zur Verfügung. Da können wir ohnehin nur auf das verweisen, was wir begonnen, und nicht auf das, was wir beendet haben.
Wie heißt es? Mit Bildung kann man eine Wahl nicht gewinnen, sondern nur verlieren. Völlig richtig! Bildung ist ein Angriffsthema. Die Opposition kann mit Unterrichtsausfall, Pisa-Tests und Elternfrust so richtig Wahlkampf führen. Wäre die Bildung das einzige Wahlmotiv, die Wechselwähler hätten stets die Mehrheit. Für uns aber muss die Devise heißen: Ruhe an der Schulfront ist die erste Politikerpflicht.
Im vergangenen Jahr wurde mein Landeschef gefragt, ob er ein Interview zur Situation der Schulen geben wolle. Er ließ ausrichten: Er äußere sich grundsätzlich nicht zur Bildung. Egal, was man sage, man könne mit dem Thema nur verlieren. Das hat er dann freundlicherweise mir überlassen.
Liebe Freunde, der Willy in Bremen und der Jörg in Hamburg, die haben es richtig gemacht. Der eine reist bald als Sportkoordinator der Vereinten Nationen durch die Welt. Der andere wechselt zur Bertelsmann-Stiftung und wird dort der Republik in Zukunft ausgerechnet erklären, wie man deutsche Schulen, Kitas und Unis verbessert. Dabei verdient er mehr, hat weniger Arbeit und muss noch nicht einmal Verantwortung tragen. An ihm sollten wir uns alle ein Beispiel nehmen.
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- Datum 13.03.2008 - 08:41 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12
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Fünf Sterne für diesen hervorragenden Text. Nein, keine Ironie.
Oh die Not ist groß, die Geister die ich rief, wie werd ich sie bloss los.
Erst wurde das Humboldtsche Bildungsideal, welches wegen der umfassenden Informationen zwar ab und zu falsche aber immerhin selbständige Schussfolgerungen ermöglichte, demontiert. Und zwar durch das flächendeckende Primat der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz allen Forschens über Ursache und Wirkung. Zusätzlich wurde über die Nazizeit nachhaltiger Schulleben gelehrt, über Byzanz und Rom gar nicht und der westfälische Friede war ja mal ein Datum. Ab Mitte der siebziger wurde die Relevanz von Technik und Naturwissenschaft flächendeckend entsorgt. Nun wird beklagt, dass zu wenig da sind, die qualifiziert in diesen Bereichen arbeiten können.
Natürlich ist jetzt der Wähler sprich Bürger verantwortlich für die Rat- und Orientierungslosigkeit und die Hektik in der Kultusbürokratie und hat gefälligst den schiefen Turm von Pisa gerade zu rücken.
Dabei ist bei den Entscheidern m. E. nicht mal klar, was Bildung jetzt bedeutet. Die Hauptschule verkommt in der Unsicherheit klarer Vorgaben und wenn man als Gegenpunkt die Gesamtschule propagiert, meint man, um das Erfordernis klarer Lerninhalte herumzukommen.
Mal Schwarz- weiss: Der angehende Handwerker sollte umfassend Materialkunde betreiben, der Gymnasiast einen Überblick über die geistigen und rechtlichen Grundlagen der Kultur, in der er lebt, und die bestimmt sich nicht nur an 15 Jahre deutscher Geschichte, auch wenn diese mal tausend Jahre dauern sollten.
Also, wenn ich als Bürger gefragt bin, bitte ich höflich um radikale Rücknahme von ideologisch festgelegten, staatlichen Erziehungsidealen hin zu einem Unterricht, der in erster Linie sachliche Kenntnis über die Welt und ihre Phänomene vermittelt und den Schülern Gelegenheit gibt, selbständig denkende und agierende Erwachsene zu werden und zwar nicht wegen der Globalisierung sondern in der Globalisierung.
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