Berufsvorbereitung Orientierung?

Wenn die Berufsvorbereitung an Schulen zur Werbeveranstaltung wird, bleiben die Schüler nur ratlos zurück.

Heute Orientierungstag, morgen Bewerbungstraining, danach Jobbörse – in der 11. Klasse dreht sich alles um die Zeit nach dem Abitur. Ganze Schultage werden geopfert, um uns Schülern Einblicke in die Welt der Studiengänge und Ausbildungsmöglichkeiten zu verschaffen. Tag eins: Ein motivierter, recht sportlicher Herr berichtet über die Vorzüge des Dualen Systems. Ich hatte noch nie davon gehört, ein Studium mit einer Ausbildung verbinden zu können, und überlegte ernsthaft, ob das eine Alternative für mich sein könnte. Doch dann kam – Tag zwei: Es erscheint im noblen Anzug der Professor einer privaten Fachhochschule, im Schlepptau ein Student. Die beiden starten eine aufwendige PowerPoint-Präsentation. Ihr Vortrag erinnert an Teleshopping und kennt nur eine Botschaft: Die private Hochschule ist das Beste, was mir passieren kann. »Bei uns zählt nicht das Zeugnis, sondern der Mensch.« Vor kaum einer Übertreibung schrecken die Werbetrommler zurück. Am Ende warnen sie vor dem Dualen System. Viel zu stressig sei das, auf gar keinen Fall zu empfehlen. Das bisschen Orientierung, das ich gerade hatte, löst sich in Verwirrung auf. Aber vielleicht sorgt die Bundeswehr für Ordnung. Tag 3: Eine blonde Soldatin mit strengem Ton und militärischer Haltung zeigt uns auf einem Video, wie Soldaten sterbende Kinder in Afghanistan retten. Emotional leicht aufgeweicht, empfangen wir daraufhin die Kernbotschaft: Kostenloses Studium mit Gehalt und große Aufstiegschancen. Propaganda anstatt Unterricht. Da Schulpflicht herrscht, müssen sich auch Nichtinteressierte alles anhören. Allein bei der Jobbörse kann ich mir aussuchen, mit wem ich sprechen möchte. Vertreter zahlreicher Berufsgruppen sind eingeladen. Sie erzählen, welche Ausbildung sie selbst hatten, was ihren Arbeitsalltag ausmacht und welche Aufstiegschancen sie haben, ganz ohne Werbeabsicht.

Was nun aus mir wird? Ob ich studiere, eine Ausbildung mache oder beides gleichzeitig? Das weiß ich noch nicht. Ich werde mich wohl noch eine Weile orientieren müssen. Ruben Karschnick

Der Autor besucht die 11. Klasse eines Hamburger Gymnasiums

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 18.03.2008 um 11:44 Uhr

    Auch wenn es zu meiner Zeit noch keine Berufsvorbereitung gab, so haben sich bestimmte Stereotype nicht geändert.
    Es ist ziemlich uninteressant und sinnlos Vertreter von weiterführenden Hochschulen in Maßnahmen der Berufsvorbereitung einzubinden. Schlicht, weil sie dafür i.d.R. keinerlei Kompentenz besitzen, ihr Interesse gilt der Auslastung der eigenen Institution. Ebenso gut könnte das Lehrerkollegium der Schule referieren.
    Es muss um Berufe gehen und Leute die diese Berufe ausüben. Ein Professor ist nur solange interessant, wie er über seine Tätigkeit berichtet. Die Wege dahin findet der Bewerber anschließend schon selbst.  
     Berthold Grabe

  1. ist immer Anti-Werbung. Da der durchschnittliche Schüler (und Abiturient) von dem angestrebten Beruf/Studienfach meist gar keine Ahnung hat (da die Realität an der Schule immer eine ganz andere ist), sollte jeder Berufs- oder Studienberater zunächst einmal die Nachteile des angestrebten Fachs klar und deutlich benennen und den Zuhörern die Frage stellen: Habt ihr Lust darauf, euch für die nächsten Jahre eures jungen Lebens mit derartigen Problemen herumzuschlagen?Manche Fehlentscheidung könnte auf diese Weise vermieden werden...

  2. ...angemessenen Titel/ Redaktion; svb] Nachdem Bundeswehrvertreter schon auf Jobcenter-Vorplätzen PR-Dates absolvieren dürfen sind jetzt also die ebenso zwangsverpflichteten Schüler dran.Was eine Generation von Duckmäusern, in den 80ern hätten solche Dates nur unter Polizeischutz stattfinden können.

  3. Na ja viele Referenten machen wohl Werbung für ihr Fach und
    üben sich in Selbstdarstellung.  Dies müssen die Schüler unbedingt
    wissen bzw. kritisch berücksichtigen. Ich kenne z.B. Professoren, die schwärmen
    in größten Tönen von ihrem Fach, kämpfen damit aber auch um Studenten, um ihr
    Fach vor der Bedeutungslosigkeit zu retten oder wegen der Konkurrenz zu anderen
    Unis etc. Das aber die späteren Berufsaussichten oer die Verdienstmöglichkeiten
    grottenschlecht sind, wird dabei gerne weich gezeichnet. So wir auch ein
    Bundeswehroffizier wohl kaum von den Risiken und Nebenwirkungen ausführlich
    berichten, sondern eher die Abenteuerlust junger Menschen wecken.

    Nichts desto trotz eine gute berufliche Orientierung  für junge Menschen
    ein außerordentlich wichtiges Thema. Viele Berufsbilder kennt man ja nur
    über die Medien, vermutlich haben wir deshalb auch so viele Tierärztinnen.

    Daher bin auch ich der Meinung, dass hier v.a Praktiker ran sollten,
    die von ihrem Job - durchaus auch kritisch-  und praxisnah berichten. Auch
    Leute von Arbeitsamt können über Berufsaussichten diverser Jobs und Verdienstmöglichkeiten
    gut berichten.

    Es sollte generell wieder etwas mehr darauf geachtet werden, dass
    Ausbildung & Beruf, nicht ausschließlich der Selbstverwirklichung und Selbstfindung
    und der vollsten Befriedigung persönlicher Interessen und
    Neigungen dienen, sondern, dass es eben auch um ganz banalen und
    manchmal  langweiligen, mühsamen aber wichtigen täglichen Broterwerb
    geht. Nicht umsonst fehlen derzeit viele Techniker und Ingenieure, wohingegen
    im kreativen, künstlerischen, musischen Bereich wohl ein deutliches Überangebot
    besteht.Auch aus eigener Erfahrung wäre mein Rat im Zweifel eher einen gefragten „Beruf“ mit ordentlichen Verdienstmöglichkeiten
    zu wählen. Denn meine Interessen kann ich auch in der Freizeit wahrnehmen, v.a.
    habe ich dann das Geld dazu. Der Spruch vieler meiner damaligen Lehrer „mach
    was dich interessiert - da bist Du sicher auch gut“, ist jedenfalls nicht ganz ungefährlich.

  4. Herzlichen Dank, der Titel "Soldaten sind Mörder" ist heute also schon wiedermal "nicht angemessen".Ignoranz oder vorauseilender Gehorsam?Euer Problem; zurm Nachlernen:http://de.wikipedia.org/w...

    • wemari
    • 23.03.2008 um 21:12 Uhr

    Ich hätte mir in der Schule mehr Orientierung gewünscht, bei vielen meiner ehemaligen Mitschüler habe ich beobachtet, dass sie nach dem Abitur mehrere Ausbildungen/Studiengänge angefangen und wieder abgebrochen haben, ehe sie nach Jahren endlich etwas Passendes gefunden haben. Vielleicht sind die im Artikel beschriebenen Vorträge nicht ideal, wie schon in den vorherigen Kommentaren erwähnt, wären Schilderungen konkreter Berufe sicherlich wünschenswerter. Trotzdem denke ich, dass ein Schüler der 11. Klasse in der Lage sein sollte, derartige Vorträge kritisch zu betrachten. Idealerweise sollte man danach auch in der Klasse diskutieren. Ziel muss es ja auch nicht sein, dass man sich sofort zu etwas entschließt, sondern dass man überhaupt eine Vorstellung von der Vielfalt der Möglichkeiten hat. Einen Bericht über zB einen dualen Studiengang anzuhören finde ich durchaus interessant, viele wissen vielleicht gar nicht davon oder kennen nicht den Ablauf. Mehr Informationen muss man bei wirklichem Interesse natürlich noch einholen und wird damit auch für sich entscheiden können, ob einem ein praxisnahes Studieren mit viel Stress oder ein intensiveres Studieren mit einem kleinen Sprung ins kalte Wasser/Berufsleben näher liegt.

  5. Ich kann Ruben Karschnik verstehen und danke ihm für seine Kritik an manchen Werbeveranstaltungen von Unternehmen und Hochschulen. Es gibt aber auch Alternativen: Unsere alle zwei Jahre stattfindenden Abende zur Studien- und Berufsorientierung ("Studien- und Berufsorientierung durch Career Nights - Ausblicke aufs Leben nach der Schule") erhalten z.B. in diesem Jahr den "Ideenpreis", den die Körber-Stiftung alljährlich im Transatlantischen Ideenwettbewerb USable vergibt.
    50 ehemalige Schüler präsentieren an drei Abenden ihre heutigen Berufe oder Studiengänge: Dafür wird im Vorlauf die Alumni-Datenbank der Schule genutzt. Sie beschreiben ihre Tätigkeiten, ihre Erfahrungen sowie wichtige Voraussetzungen, auch die Zukunftsaussichten des vorgestellten Berufs. Im Unterschied zu manchen anderen Veranstaltungen bieten die Referenten realistische Orientierungshilfen aufgrund eigener Einblicke. Intensive Gespräche im kleinen Kreis sind möglich. Während der Vorbereitungsphase können die Schüler in einem Internetforum thematische Wünsche eintragen. Mehr hier:
    http://altes-kurfuerstliches-gym.bensheim.schule.hessen.de/bo/cn/

  6. Bei mehr als 12.000 Studienmöglichkeiten und fast 360 Lehrberufen braucht man Orientierung und keine Werbung.Die Frage ist, "Wofür würde ich gern aufstehen wenn früh mein Wecker klingelt?" Wer hier Berufe oder Studiengänge vorstellt ist fehl am Platz.Leider laden die Lehrer die falschen Referenten ein, und auch die Elternvertreter versagen.Ich habe in den letzten vier Jahren zum Thema "Studien- und Berufwahl" fast 400 Vorträge im In- und Ausland gehalten und kenne die Situation nur allzu gut. Lehrer und Eltern sind überfordert, die Abbruchquoten steigen. Carl Schroeblerwww.14-24Jahre.com

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