Expansion »Manchmal knallt es zwischen den Kulturen«

Der Germanistikprofessor Ronald Perlwitz über das Experiment, eine Filiale der Sorbonne in Abu Dhabi zu eröffnen

DIE ZEIT : Herr Perlwitz, Sie arbeiten als Germanistikprofessor an der Sorbonne in Abu Dhabi, einem Ableger der ehrwürdigen Pariser Universität. Immer mehr namhafte Bildungsinstitutionen lassen sich von großzügigen Angeboten der Arabischen Emirate verlocken und eröffnen Filialen in Dubai oder Abu Dhabi – so auch die Harvard Medical School und die New York Film Academy. Warum aber hat sich die Sorbonne für eine Filiale im Wüstensand entschieden?

Ronald Perlwitz : Die Idee stammt von dem Kronprinzen von Abu Dhabi, Scheich Mohammed bin Zayed al Nahjan. Es wird viel in Bildung investiert. Es soll eine ganze »Education City« entstehen, in der die großen Universitäten der Welt vertreten sind. Die Sorbonne hat lange überlegt, ob sie auf das Angebot eingehen soll, dann haben wir zum Wintersemester 2006 den Lehrbetrieb aufgenommen. Wir bieten dieselben Unterrichtsinhalte, und die Studenten machen dieselben Abschlüsse wie in Paris. Damit die Qualität gleich gut ist, wird der größte Teil des Unterrichts von Professoren aus Paris übernommen. Die Kollegen fliegen für vierzehn Tage ein und unterrichten dann die Semesterstunden im Block. Hinzu kommt je ein Professor pro Fakultät, der immer hier ist.

DIE ZEIT : Gerade die Geisteswissenschaften sind doch in der arabischen Welt immer noch etwas Besonderes?

Perlwitz : In der Tat. Wir gehören zu den ersten geisteswissenschaftlichen Fakultäten überhaupt am Golf. Den Menschen hier ist Bildung wichtig, aber viele wollen, dass ihre Kinder etwas Nützliches lernen, Medizin studieren, Wirtschaft, Technik. Geisteswissenschaftler gelten ja zudem auch als eher kritische Geister. Auch daran muss sich die Gesellschaft erst einmal gewöhnen.

DIE ZEIT : Wer sind Ihre Studenten?

Perlwitz : Wir haben eine Mischung aus einheimischen Studenten aus den Arabischen Emiraten und Kindern von ausländischen Experten, die hier arbeiten. Durch Werbung und Stipendien wenden wir uns zudem an Studenten aus den französischsprachigen Ländern. So würden wir gerne brillante junge Leute aus Marokko oder Tunesien gewinnen, die vielleicht Schwierigkeiten haben, ein Visum für Frankreich zu bekommen: 2000 Studenten sollen hier einmal studieren, bisher haben wir 200.

DIE ZEIT : Was kostet denn das Studium?

Perlwitz : Die Studenten zahlen 13000 Euro. Das ist im Vergleich zu anderen privaten Universitäten hier normal.

DIE ZEIT : Das Unterrichten nach französischem Lehrplan bedeutet ja auch, dass Ihre Studenten viel über Europa erfahren und nur wenig über die arabische Welt und der Blick auf den Orient eher ein europäischer ist.

Perlwitz : Auch das ist nicht selbstverständlich hier, aber wer Sorbonne haben will, der muss uns auch im Ganzen nehmen. Unser Historiker beispielsweise ist Experte für die Region. Er arbeitet über die Kreuzzüge.

DIE ZEIT : Aus europäischer Sicht?

Perlwitz : Natürlich. Wir wollen unsere Studenten nicht verschrecken, aber es gibt in den Geisteswissenschaften Denkrichtungen und Denker, die mögen den Menschen hier zu provokant sein. Doch ohne einen de Sade, ohne einen Proust gelesen zu haben, kann man hier nicht durchs Studium kommen.

DIE ZEIT : Das hört sich nach reichlich Konfliktpotenzial an, als würde es ab und zu knallen?

Perlwitz : Ja, es knallt. Vergessen Sie nicht: Wir sind auch eine der ersten Universitäten hier, an der Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet werden.

DIE ZEIT : Wenn es zwischen den Kulturen knallt, dann wohl vor allem zwischen Professoren und Studenten?

Perlwitz : Ja, man muss einmal sehen, wofür der »Westen« in den Augen vieler Araber steht: Das sind Handtaschen von Louis Vitton. Konsumgüter. Markenartikel.

DIE ZEIT : …wie Sorbonne auch ein Markenartikel ist?

Perlwitz : Ja, aber es geht uns darum, den Jugendlichen nicht nur die Inhalte unserer Geistesgeschichte zu vermitteln. Das Wichtigste ist, dass sie das kritische Hinterfragen lernen.

DIE ZEIT : Wie machen Sie das?

Perlwitz : Wenn beispielsweise ein Student die Holocaust-Leugnungsthesen vom iranischen Präsidenten Ahmadineschad wiederholt – die haben ja in diesem Teil der Welt Anhänger, und ich als Deutscher bin da natürlich für die Studenten ein Gesprächspartner –, dann reicht es nicht, empört zu sagen, dass man die Aussagen schlimm findet. Dann muss man mit den Studenten argumentieren und die Fakten erklären.

DIE ZEIT : Man hat den Eindruck, dass die Emirate sich sehr an westlicher Kultur orientieren – der Louvre bekommt einen Ableger, ein Guggenheim-Museum wird gebaut.

Perlwitz : Wobei insgesamt natürlich diese Unterteilung in westliche und arabische Kultur zweifelhaft ist. Viele der Bilder im Louvre sind vom Orient inspiriert. Und mein arabischer Lieblingsdichter, der Syrer Adonis, ist ein gutes Beispiel. Er ist von französischer und deutscher Dichtung beeinflusst und hat Baudelaire und Hölderlin als orientalische Dichter bezeichnet. Kunst und Dichtung sind universell. Man findet etwas, was einen anspricht. Da ist es gleich, ob der Verfasser Araber oder Westler ist. Allerdings muss man einen Zugang finden. Man muss verstehen, und dafür braucht man die Bildung in der Kultur der verschiedenen Welten.

Das Gespräch führte Julia Gerlach .

 
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