PromotionKlammerfrei

Endlich erkennt die KMK auch ausländische Doktortitel an. Irgendwo in Deutschland jedoch muss sich nun jemand ein neues Hobby suchen. von Jan - Martin Wiarda

Jeder Mensch braucht ein Hobby. Manche Leute gehen joggen, andere kochen für ihr Leben gern. Und dann gibt es einen, der verklagt reihenweise Wissenschaftler, wenn sie ihre Doktortitel nicht korrekt führen.

Um seinen Eifer zu begreifen, muss man sich das Selbstverständnis deutscher Universitäten vor Augen führen: Zähneknirschend haben sie akzeptiert, dass in der EU erworbene Titel als gleichwertig anerkannt werden. Das reicht dann aber auch.

Denn wirklich gut ist nur, wer auf ihrem Mist gewachsen ist. Und so müssen Absolventen amerikanischer, russischer oder australischer Elite-Universitäten hinter ihrem Doktor eine Klammer tragen, Hamburgs scheidender Wissenschaftssenator Jörg Dräger zum Beispiel, der ist Ph. D. (Cornell U.).

Vergessen sie die Klammer, absichtlich oder zufällig, tritt besagter Hobbykläger auf den Plan. Er durchforstet Websites, Tagesordnungen, Publikationen. Wird er fündig, landet die Sache bei der Staatsanwaltschaft. Und die ermittelt dann auch tatsächlich. Lange haben diese hinterwäldlerischen Doktorspiele bis auf die Verklagten keinen wirklich gestört.

Doch jetzt hat der selbst ernannte Titelverteidiger einen kapitalen Fehler gemacht. Er hat sich die Professoren der Max-Planck-Gesellschaft vorgenommen, einer der führenden nationalen Forschungseinrichtungen, die auf den internationalen Zustrom brillanter Wissenschaftler angewiesen sind. Und die sind sauer: Wollte Deutschland nicht in der ersten Liga der Wissenschaftsstandorte mitspielen? Sie können auch woanders hingehen!

Das hat dann endlich auch die Kultusministerkonferenz (KMK) überzeugt, die von ihren Kritikern in freundlichen Momenten als Inbegriff der Bräsigkeit beschimpft wird. Die Minister haben vergangene Woche eine Neuregelung beschlossen, überraschend unbürokratisch und flott, wie KMK-Präsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer dann auch stolz verkündete.

Künftig dürfen Absolventen angesehener US-Universitäten ihren Doktor ohne Klammer führen. Jörg Dräger ist bei der entscheidenden Abstimmung vor die Tür gegangen.

Und irgendwo in Deutschland muss sich ein Mann ein neues Hobby suchen.

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Leserkommentare
  1. "Künftig dürfen Absolventen angesehener US-Universitäten ihren Doktor ohne Klammer führen"--und was ist mit dem Rest? und was ist überhaupt eine "angesehene" US-Uni? Kriegt die ein KMK-Exzellenz-Elite-Gütesiegel? Dieser akademische Chauvinismus ist doch grenzenlos peinlich!

  2. Immer dann, wenn die Globalisierung einem nützen könnte, bekommt man Knüppel zwischen die Beine geworfen.Auf einem Bewerberseminar auf der Analytika-Messe 2006 in der Diskussionsrunde  fragte eine Absolventin einen Personalchef, wie er ihre Chance einschätzte, da sie ihre Diplomarbeit in einem anderen EU-Land (!) anfertigte.Die Antwort: "Sagen wir mal so: bei 10 ansonsten gleichwertigen Bewerbern mit 9 deutschen Diplomen käme ihre in diesem Stapel ganz nach unten."

  3. 3. @2

    in der tat -- "Irgendwo in Deutschland jedoch muss sich nun jemand ein neues Hobby suchen."?
    warum das denn? kleine information für den zuständigen redakteur -- es gibt tatsächlich auch ausserhalb der eu und der riege der "angesehenen US-Universitäten" (wer immer die bestimmt) universitäten, die akademische titel verleihen.

    und solange a priori alles, was nicht von deutschen unis verliehen wird als minderwertig gilt, wird dieser mensch noch genug abmahnopfer finden ...

  4. Man kann der KMK ja viel vorwerfen (und sollte es auch; z.B. scheint es ja geruechteweise selbst Unis in Kanada, Australien, Japan oder sogar im nicht-EU-Europa geben, hab ich mal gehørt, von all den Neuigkeiten von hinter der chinesischen Mauer ganz zu schweigen), aber dass die KMK sich auf "Elite-Unis" aus den Staaten beschrænkt ist Blødsinn. Die Regelung gilt fuer alle Universitæten auf der Carnegie-Liste, und das sind alle die, die auch Forschen. Diese Regellung ist sinnvoll, da die selbstændige Forschung die Grundlage eines Doktortitels ist. Die Liste erfasst eigentlich alle bekannten, seriøsen US-Unis von Arizona State bis West Michigan. Hier liegt der Fehler also nicht bei der KMK, sondern beim Zeit-Redakteur

  5. Ich muss nochmal was ergænzen: Scheinbar plant die KMK sehr wohl, die Regelung auf andere Lænder als die USA auszudehnen. Sie schreibt auf ihrer Homepage:"Das Sekretariat der Kultusministerkonferenz wird beauftragt, hinsichtlich der
    Staaten, bei denen der Doktor-Titel ohne fachlichen Zusatz, jedoch mit Herkunftsbezeichnung
    geführt werden muss (Australien, Israel, Japan, Kanada, Russland), eine
    Liste von Hochschulen vorzulegen, bei denen analog verfahren werden kann."Hmm, war es nicht eigentlich mal der Sinn von Zeitungen und Nachrichtenportalen, dass ich nicht selber in die Originalquellen gucken muss, um vollstændig und richtig informiert zu werden?Naja, zumindest ist der Artikel witzig geschrieben so mit neugierig machender Einleitung und dem armen Hobbydenunzianten; das ist ja Online auch schon was wert...

  6. Soweit ich weiß werden reihenweise akademische Titel aus den USA in anderen EU Staaten nicht anerkannt und das mit gutem Grund. Nein: Hier geht es nicht um Titelmühlen o.ä., aber um die Vergleichbarkeit hinsichtlich der Qualität. Apropros Qualität. Dieser Artikel ist selbst für die Online-Ausgabe ziemlich flach. Schade.

  7. ist nicht peinlich. Er ist deutsch - durch und durch.
     
    Und wem ist diese ganze Sache nicht voellig egal? Nur den amerikanischen UNIs wohl nicht, da sie Studentengeld gern einsammeln. Aber dem durchschnittlichen Amerikaner waere es lieber, Schueler und Studenten kaemen aus Asien. Die bleiben dann auch dort viel oefter stecken, was einem Einwanderungs-Land immer gefaellt.

  8. 8. #7

    Nun, den Deutschen, die an amerikanischen Unis promovieren, duerfte das auch nicht egal sein.

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  • Schlagworte Jörg Dräger | Europäische Union | Annegret Kramp-Karrenbauer | Doktortitel | Hobby | Minister
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