Die Schullaufbahn eines Kindes entscheidet sich in Deutschland in den meisten Fällen in der 4. Klasse – manche Schüler sind da noch nicht einmal zehn Jahre alt. Woran liegt es, ob ein Kind den Sprung auf das Gymnasium schafft oder in der Hauptschule landet – welche Einflüsse, Faktoren und Effekte spielen bei den Übertrittsentscheidungen eine Rolle? Eine aktuelle soziologische Studie hat sich den Ursachen der Ungleichbehandlung von Schülern nun empirisch genähert und daraus überraschende Konsequenzen für die Bildungspolitik abgeleitet.

Wenn ein Kind am Ende seiner Grundschulzeit nicht auf das Gymnasium wechselt, kann das aus zwei ganz verschiedenen Gründen geschehen: Das Leistungspotenzial des Kindes ist nicht groß genug – oder aber es wurde nicht erkannt, nicht genug gefördert, von Eltern oder Lehrern nicht richtig eingeschätzt. Der zweite Fall stellt tatsächlich ein größeres Problem dar: So wurde in Hamburg nachgewiesen, dass ein Drittel der an Gymnasien empfohlenen Schüler eine unterdurchschnittliche Lesekompetenz hatte. Dagegen wies ein Drittel der Schüler, die an Real- und Hauptschulen empfohlen wurden, eine überdurchschnittliche Lesekompetenz auf. Sozial ungleich wird diese »Fehlverteilung«, weil Kinder aus unteren Schichten bei gleicher Lesekompetenz viel eher auf Haupt- und Realschulen gehen und eben nicht aufs Gymnasium. Man spricht dabei vom sekundären sozialen Effekt auf den Schulerfolg – während das individuelle Leistungspotenzial des Kindes als der primäre soziale Effekt gesehen wird.

Das »eigentliche« Leistungspotenzial eines Schülers ist eine nicht messbare Größe, sie hängt ab von zahlreichen Einflüssen aus Elternhaus und Schule, die das Kind seit seiner Geburt erfährt: ob ihm viel vorgelesen wird, wie sich Geschwister oder Oma um das Kind kümmern, ob seine Eltern Nachhilfe bezahlen können, ob es in der Schule unter- oder überfordert wird, ob die Eltern vielleicht gar nicht wollen, dass das Kind auf ein Gymnasium geht.

Bildungspolitisch wäre es jedoch sehr wünschenswert, beide Effekte zu trennen. Denn fest steht: Alles, was den primären Effekt kleiner macht, nimmt in keiner Weise Einfluss auf den sekundären Effekt. So kann zum Beispiel die individuelle Förderung eines Schülers, die zur Erhöhung seiner Leistungen führen soll, Förderunterricht etwa oder zusätzliche Deutschstunden, nichts gegen den bleibenden sekundären Effekt ausrichten. Dieser stellt den »harten Kern« der sozialen Ungleichheit des Bildungserfolgs dar.

Die wichtigste Ursache für den sekundären Effekt ist der elterliche Einfluss auf die Schullaufbahn. Eltern treffen hier eher konservative Entscheidungen, um ihre Sozialstruktur zu bewahren. So geht ein Kind aus den oberen Schichten mit mittelmäßigen Noten trotz des Risikos zu scheitern aufs Gymnasium, um mindestens den Bildungsstand der Eltern zu halten. Dagegen steht ein Kind aus unteren Schichten mit mittelmäßigen Noten schon mit einem Realschulabschluss so gut da wie seine Eltern. Wegen der fehlenden familiären Erfahrung schätzt es das Risiko, auf dem Gymnasium zu versagen, zu hoch ein und entscheidet sich gegen diese Schulform.

Die gewählten Lernumgebungen wirken sich aber wiederum auf die Leistungen der Kinder aus. So werden zwei Kinder, die am Ende ihrer Grundschulzeit gleiche Leistungen aufweisen konnten, aber auf unterschiedliche Schulformen geschickt wurden, in der 9. Klasse unterschiedliche Pisa-Testergebnisse erzielen. Das Kind, das ein Gymnasium besucht, wird besser abschneiden als das Kind, das auf die Realschule geht.

Aufgrund der Pisa-Daten aus dem Jahr 2000 konnte nun erstmals bestimmt werden, ob primärer oder sekundärer Effekt die Ungleichheit der Bildungschancen stärker beeinflusst. Dafür wurde das Leistungspotenzial eines Schülers aus den umfangreichen Pisa-Tests sowie den Schulnoten gemittelt. Denn Schulnoten unterschätzen die Leistungsdifferenzen zwischen Schülern aus verschiedenen Schulformen, eine Zwei in der Hauptschule und im Gymnasium bedeuten nicht dasselbe. Die Pisa-Testergebnisse andererseits überschätzen diese Differenzen, da die Leistungspotenziale bis zur 9. Klasse durch die verschiedenen Schulformen unterschiedlich stark entwickelt werden. Die Schüler wurden dann in die Kategorien »Unterschicht« und »Oberschicht« eingestuft, die auch in der Pisa-Studie verwendet wurden.