»Wie ich meinen letzten Schrei in der Oper tat, hat es geschneit.« Das war Christa Ludwig gerade recht. Die Sängerin riskierte nach ihrem Bühnenabschied in Wien genau das, was sie ihr Leben lang vermieden hatte. »Ich wollte mich mal in Ruhe erkälten. So lange musste ich aufpassen auf diese blöden Stimmbänder! Ich hab den Mantel auf- und den Hals freigemacht und ging in den Schnee.« Keine Schonung mehr. Endlich das wahre Leben, von dem sie noch heute findet, es sei ihr entgangen. Ein »Leben als normale Frau«. Was ihr noch entging? Nichts hätte sie so gern gesungen wie die Isolde, die Frau, die aus Liebe und Trauer stirbt, zauberkundig, heroisch, tragisch, alles andere als normal. Aber Christa Ludwig, die am 16. März 80 Jahre alt wird, ist eine Mezzosopranistin, die wohl bedeutendste des 20. Jahrhunderts, und die Sopranpartie der Isolde war für ihre Stimmbänder zu strapaziös.

Wirklich? Drei große Dirigenten wollten diese Rolle mit ihr besetzen, Karl Böhm, Herbert von Karajan , Leonard Bernstein. Der hat sie fast rumgekriegt. »Zu Hause konnte ich das!« Sie wollte Bernstein die Partie vorsingen. »Auf dem Weg dahin bin ich in ein Telefonhäuschen und hab ihm gesagt, ich komme nicht. Damit war dieser Traum beerdigt und ich total frustriert.« Bis dahin hatte es keine Brüche gegeben. Seit ihre Mutter, selbst Sängerin, ihr erklärt hatte, sie sei zum Talent verdammt, hatte sie gesungen. »Ich hatte keine Wahl. Ich war mal verliebt in meinen Chemielehrer und wollte Chemie studieren. Aber das Einzige, was ich konnte, war singen.« 1946 trat sie in ihrer Geburtsstadt Berlin noch vor amerikanischen Offizieren auf, mit Zigaretten bezahlt. Neun Jahre später stand sie in der Wiener Staatsoper und war Mozarts Cherubino, umgeben von Stars.

Ihre Karriere hat Christa Ludwig um die Welt geführt, es war eine Karriere, von der »normale Frauen« nur träumen können. Nach Wien ist sie vor einem Jahr zurückgekehrt. In Klosterneuburg, eine halbe Stunde von der Staatsoper entfernt, sitzt sie im saalgroßen Salon einer kühn verschachtelten Avantgardevilla und genießt es noch immer, die Stimme nicht schonen zu müssen. Sie spricht mit einer Klarheit, Fokussierung, sanften Melodie, von glucksendem Lachen unterbrochen, dass man auch so wüsste, da sitzt eine Sängerin, und womöglich auf Sopranistin tippen würde, Primadonna gar – denn wenn sie spottet, am liebsten über das Regietheater, hat sie diese gewisse Schärfe in der Koketterie. Aber eine Primadonna könnte Mahler nie so erfassen, wie es Christa Ludwig 1966 gelang, im Lied von der Erde. Präzise entwirft der Dirigent Otto Klemperer einen Kosmos, in dem Christa Ludwig tief anrührend, wissend schlicht von Sehnsucht singt. Eine Dichterin.

»Ist schön, nicht? Ich hab’s noch ein paarmal aufgenommen, aber das ist die beste Aufnahme. Und dabei habe ich nicht gewusst, was es soll! Empfunden ja, aber nicht nachgedacht!« Hat ihr Klemperer etwas dazu erklärt? »Der Klemperer, halb gelähmt, wie er war, machte gar nichts! Und es war alles richtig. Die Tempi, die Lautstärke… Nur wenn ein großer Aufschwung kam, ging er ein bisschen hoch. Der Gegensatz war Solti, er hat rumgehampelt noch und nöcher, und wir hatten Angst vor seinen Einsätzen. Die kamen wie mit dem Degen, man musste aufpassen, dass man nicht kiekst. Karajan hat die Einsätze immer rund gegeben.« Von ihm lernte sie »den Schönheitsklang«. Dann kam Leonard Bernstein. »Der hat die Tiefe der Musik gesucht. Er hat mir die Musik enthüllt.« Und sie fast zur Isolde gemacht…

Zu der Zeit bewegte sich viel bei ihr. Sie hatte ihre erste Krise, »um die 40 herum, das ist nicht nur bei Sängern so, auch bei den normalen Menschen. Ich hab mich scheiden lassen, neu geheiratet, dann hatte ich platzende Kapillaren auf den Stimmbändern, es kam alles so schön zusammen.« Mit ihrem ersten Mann, dem Bassbariton Walter Berry, hatte sie einen Sohn. »Ich wollte eine gute Mutter sein – und dann war doch immer nur die Großmutter für ihn da.« Außerdem gab es das Problem paralleler Karrieren im selben Job, zumal beide oft zusammen auftraten. »Jeder musste sich einsingen, das geht über den ganzen Tag. Zuerst ist der eine nervös, dann der andere, dann werden beide hypernervös, und dann kann man auch nicht mehr zusammen schlafen. Ich würde allen Sängern abraten, Sänger zu heiraten.« Sie verliebte sich in den Mann, der in New York mit ihr den Werther inszenierte, Paul-Emile Deiber.

Deiber, ein ruhiger, bärenhafter Typ, bringt jetzt Wasser und Kaffee und schläft, während seine Frau spricht, im Sessel ein. Seit 37 Jahren sind sie verheiratet. »Eigentlich hat er es gern, wenn ich nicht so viel rede«, sagt sie und schildert ihren Weg aus der Krise: »Ich habe zu meinen Stimmbändern Sie gesagt, nicht mehr so rumgeschrien und keine Partien gesungen, die mir zu schwer waren. Ich bin ja morgens aufgewacht nicht wie ein Sopran, sondern wie ein Rabe, und hatte Angst, ob ich die hohen Töne kriege. Ich war die personifizierte Angst… Ich würde nie wieder Sängerin werden wollen. Der Beruf ist eigentlich schrecklich. Von Anfang an weiß man, wann Ende ist. Wenn man endlich reif und tief ist, ist die Stimme weg oder wackelt. Meine Mutter sagte immer, ich hoffe, du behältst die Stimme, bis du weißt, worum es sich handelt! Das hab ich glücklicherweise erreicht.«

Die Ludwig erreichte es vor allem in den Rollen der Suchenden, die sie so liebt, der wilden Kundry und der weisen Marschallin, sie erreichte es auch als Liedsängerin, die mit fast 60 Jahren noch die Todeslieder der Winterreise erkundete. Und gerade diese hochbewusste Künstlerin sagt jetzt von ihrem Beruf: »Das Schöne daran ist, man ist nie mit der Wirklichkeit konfrontiert. Wir leben in einer irrationalen Welt, und das ist schön.« Kann Kunst nichts verändern? Für wen singt man denn? Sie denkt lange nach. »In erster Linie singt man für sich selbst.« Eine seltsame Mischung aus Flucht und Suche, Ehrgeiz und Bescheidenheit nimmt man da wahr. Eine gespannte Mitte. Vielleicht ermöglichte sie vieles, womit diese Sängerin einen berührt. Nicht zuletzt in der Traumrolle, die sie sich versagte, von der sie aber einmal sieben Minuten aufnahm: Isoldes Liebestod.