Friedrich Rothe ist ein Bravourstück gelungen. Noch eine Kessler-Biografie, will man anfangs seufzen, was soll da schon Neues herauskommen.

Und in der Tat, man weiß viel, nicht zuletzt aus den vorzüglich edierten Tagebüchern. Man kennt die mondäne Mutter, eine gefeierte Belle-Époque-Schönheit aus vornehmem angloindischem Hause, die schon mal selber die Kameliendame in ihrem Privattheater im prunkvollen Pariser Palais gab. Man kennt den anfangs wohlhabenden, bald steinreichen Vater, der sich für sein Hobby, die Elch- und Bärenjagd, ein riesiges Waldgebiet in Kanada leistete und dem 1868 geborenen Sohn schon früh eine Weltreise spendierte, bei der Schrankkoffer schleppende Diener nicht fehlten.

Und man meint, ebenjenen Harry Graf Kessler zu kennen, der als junger Ulanen-Offizier stundenlange Galoppritte unternahm und von sich auf skurrile Weise zu berichten weiß: »Ich wurde in Paris geboren. Als ich vier war, ging ich nach Amerika und hielt mich dort auf, bis ich fünf wurde.« Und der in der Weimarer Republik als »roter Graf« verschrien war, obwohl er in Berlin einen der begehrtesten Salons führte, in dem etwa Albert Einsteins Tischnachbarin Josephine Baker plötzlich wilde Tänze vor einer Maillol-Skulptur aufführte.

War er ein illegitimer Spross Kaiser Wilhelms I.?

Man meint zu wissen. So als wüsste jemand, wer Picasso war, weil er von dessen Frauenaffären gehört, wer Faulkner war, weil er von dessen Alkoholexzessen gelesen hat. Friedrich Rothes schwungvoll geschriebene Biografie hilft da weiter. Nun gibt es Banausen, die erwarten von einer biografischen Arbeit »alles«, jedes Briefdatum und jede Speisenfolge sowie Ehrerbietung noch und noch - bloß keine geschliffene Pointe, bitte.

Es ist, wie man weiß, des deutschen Oberlehrers Pappkopfvorstellung vom »Dichter« - kritische Einwände ein Graus. Gips soll es sein. Das aber bot Golo Manns Wallenstein so wenig wie Rüdiger Safranskis Schiller: eigenwillige, auch mutmaßende Skizzen zu einem Porträt - Versuche.

Die Spießervorstellung von der »abgesicherten« Biografie bedient Rothe nicht. Er lässt sogar im Ungewissen, wie eng die legendenumwobene Beziehung des reichen Ehepaars Kessler zum Kaiser Wilhelm I. war eine Affäre mit der schönen Alice wurde in Umlauf gebracht, Insinuationen wollen gar wissen, Harry sei der illegitime Sohn des preußischen Herrschers (was nach meiner Kenntnis der Quellen nicht möglich ist, da der Kaiser die Familie in Bad Ems erst Jahre nach der Geburt des Sohnes kennenlernte). Immerhin verlieh er dem Bankier den Grafentitel, übernahm später die Patenschaft für Harrys neun Jahre jüngere Schwester Wilma, und auf seinem Schreibtisch im Alten Palais Unter den Linden 37 stand eine Fotografie der stolzen Engländerin.