Die Entweder-oder-Zeiten sind vorbei

Ich bin hier geboren, bin hier zur Schule gegangen, habe hier gedient und studiert. Natürlich bin ich Deutscher. Und ebenso selbstverständlich stamme ich aus der Türkei und lebe das nach meinem Gusto. Die Entweder-oder-Zeiten sind vorbei. Die homogene deutsche Volksnation ist Geschichte. Wir in Deutschland müssen den Willen zur gemeinsamen Nation von allen Beteiligten einfordern.

Was Integration angeht, ist die Sache für mich so klar wie mercimek çorbasi, Verzeihung, Kloßbrühe: Überall ist zu hören und zu lesen, die Integration sei gescheitert, gerade die der Türken. Quatsch! Sie hat gerade erst begonnen. 40, 45 Jahre lang war so ziemlich alles dem Zufall überlassen. Jetzt gehts erst richtig los: Integrationskurse, Sprachförderung, Chancengerechtigkeit. Also, ein bisschen mehr Aufbruchstimmung, bitte!

Deutsche und Türken malen gerne schwarz bei diesem Thema Integration, das deutschtürkische Herz der Finsternis, zappenduster.

Das Spektrum reicht von der Angst vor islamischer Unterwanderung auf der einen bis zur Paranoia der kollektiven Enttürkisierung auf der anderen Seite. Hallo? Tun Moscheebauten wirklich so weh? Und was ist so schlimm daran, erst mal vernünftig Deutsch zu lernen? Die Integrationsrealos müssen den Schwarzmalern und Ideologen das Thema entreißen. Wir müssen viel hemdsärmeliger werden.

Birand Bingül ist Reporter der »Tagesschau« und Kommentator bei den »Tagesthemen«

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.12 vom 13.03.2008, S.7
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Ausländer | Tagesschau | Integration | Chancengerechtigkeit | Türkei
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service