Ach, die Jugend. Wer erinnert sich nicht wehmütig ihrer Tage, wenn er auf einen alten Schulfreund trifft? Aber auch das: Wer atmet nicht manchmal auf, ihr entronnen zu sein? In diesem Hin und Her der Erinnerung spiegelt sich das Wesen der Jugend selbst, die Jugend, wie sie liebt und verachtet, wie sie alles weiß und an allem zweifelt, alles kann und nichts hinbekommt, kurz: wie sie schwankt. Der Jugend fehlt der feste Boden unter den Füßen. Ihr Lebenselement ist das Wasser, sie strampelt, sie schwimmt.

Die Welle heißt darum sehr treffend ein Roman, der von ihrer Verführbarkeit handelt. In dem schon bald nach seinem Erscheinen 1984 zur Schullektüre avancierten Buch schildert der Autor Morton Rhue, wie ein junger Lehrer mit einem ungewöhnlichen Experiment seinen Schülern näherbringt, dass der Faschismus keiner nebelfernen Vergangenheit angehört. Mit dem Dreisatz »Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!« formt er in wenigen Tagen eine autoritätshörige Gruppe, in der die faschistoiden Charakterdispositionen der Schüler unübersehbar zutage treten. Als die »Welle«, wie sich die Bewegung nennt, zu Zwang und Gewalt führt, bricht er das Experiment vorzeitig ab. Den Stoff für den Roman konnte Rhue dem Leben entnehmen. Im Wesentlichen folgt das Buch den Ereignissen, die sich 1967, initiiert vom Geschichtslehrer Ron Jones, an der Cubberley High School im kalifornischen Palo Alto zutrugen.

Wie aber sähe der Versuch heute aus? Diese Frage hat sich Dennis Gansel gestellt und Die Welle in seiner Verfilmung über ein deutsches Gymnasium schwappen lassen. Es beginnt mit einer Projektwoche zum Thema »Autokratie«. Als das Stichwort »Nazideutschland« fällt, winken die Schüler ab: Nicht das schon wieder. »Ihr seid also der Meinung«, kontert der Lehrer, »dass ’ne Diktatur heute in Deutschland nicht mehr möglich wäre?« Das ist die Frage der Fragen hierzulande, gewiss, aber der Zuschauer stellt sich spätestens dann, und zwar reichlich bang, eine andere: Wird nicht der Film, wichtig, wie sein Thema ist, unvermeidlich in Pädagogik verebben?

Gansel hat schon einmal einen Film über Schule und Faschismus gedreht. Napola – Elite für den Führer erzählt von einer unwahrscheinlichen Freundschaft zwischen zwei ungleichen Schülern, die sich als stärker erweist als das menschenverachtende System der Nationalpolitischen Erziehungsheime. Eine ehrbare Geschichte, die aber in der schwerfälligen Nazikulisse erstarrt. Es ist fast ein kleines Wunder, dass es diesmal anders kommt, dass es Gansel gelingt, mehr aus seinem Stoff zu machen als einen gut gemeinten Lehrfilm. Die Welle ist auch eine Milieustudie, und erst das macht den Film überzeugend. Er zeichnet das Lebensbild der Oberstufenschüler aus dem gehobenen Mittelstand nach.

Alle sind da, man erkennt sie sofort: die Hübsche, die den Ton angibt und die Bewunderung der Freundin genießt, der Klassenclown, von allen geschätzt, aber keinem verbunden, die politisch Engagierte in der Multikultikluft, der Bildungsbeflissene, der Polohemd-Schnösel, der Quotentürke, das verwöhnte, mit Muttis Van zur Schule fahrende Unternehmersöhnchen. Die Kamera verliert sie nie aus dem Blick, immer bleibt der Film nahe bei seinen Figuren, im Klassenzimmer, in der Raucherecke des Pausenhofs, in ihren Familien und im Club, wo wochenends gefeiert wird, wie nur die Jugend feiert: als gäbe es kein morgen.

Unübersehbar wird dabei, was man mit dem trockenen Vokabular der Soziologie die Ausdifferenzierung von Distinktionsmerkmalen nennen könnte: Man grenzt sich ab, bildet Kleingruppen, die sich über Musik, Kleidung, Sprache und Gestik definieren. Man lebt in einem Reich der Zeichen, bunt und schillernd, das von außen schön anzusehen, von innen aber belastend ist in seiner verworrenen Vielfalt. Oft muss man sich auch noch allein den Weg durch diesen Dschungel schlagen. Leicht kann sich ein Vakuum im Leben der Jugendlichen bilden: die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, von der man aufgefangen und anerkannt wird, so wie man ist; die Sehnsucht nach Verbindlichkeit und klaren Worten, nach jemanden, der sagt, wo’s langgeht.

Die Authentizität, mit der Gansel, 1973 geboren und damit weder zu entfernt von seinem Sujet noch zu nah dran, das Leben der Jugendlichen schildert, lässt das Unterrichtsexperiment realistisch erscheinen. Dazu trägt auch die geschickt konzipierte Rolle des Lehrers bei, die mit Jürgen Vogel ideal besetzt ist. Denn Rainer, ein sympathischer Ex-Hausbesetzer aus Berlin-Kreuzberg, der sich von seinen Schülern duzen lässt, ist das genaue Gegenteil von einem autoritären Charakter. Er lässt für sich keine Zwänge gelten, will aber auch anderen keine vorschreiben. Die Schüler vertrauen ihm. Es ist nichts weiter als ein Spiel, wenn sie nun in der Klasse aufstehen und ihren Antworten ein »Herr Wenger« vorausschicken. Keiner ahnt, dass die Tragödie mal wieder als Komödie anhebt. Und dann funktioniert die Sache auch so gut. Die Schüler lernen plötzlich besser, sie helfen sich gegenseitig, sie öffnen sich. Geblendet von den Veränderungen, übersieht Rainer, dass die neue Gemeinschaft mit harschen Ausschlusskriterien einhergeht. Erst als die Situation gewaltsam eskaliert, bezeichnenderweise während eines mit rasanten Schwenks gefilmten Wasserballspiels, realisiert er, dass das Experiment zu weit gegangen ist. Das fatale Ende kann er trotzdem nicht mehr abwenden.