Und dann ballert er sich das rechte Auge weg. Er drückt sich Heroin in die Armbeuge, drei-, vier-, fünfmal am Tag, und mit dem Heroin auch noch Strychnin, Zement, Waschmittel. Den ganzen giftigen Dreck, mit dem die Dealer ihr wertvolles Pulver strecken. Sein Auge entzündet sich. Die Netzhaut löst sich. Der Arzt sagt: Herr Beer, das ist eine toxische Reaktion, Sie müssen ins Krankenhaus, sonst machen Sie Ihr Auge kaputt. Er kann nicht ins Krankenhaus. Im Krankenhaus kriegt er kein Heroin. Also rennt er weiter durch die Straßen, bricht Türen auf, stiehlt Geld, kauft Stoff, drückt. Bis es dunkel wird vor seinem rechten Auge. Das war Anfang der achtziger Jahre. Arne Beer war damals 22 Jahre alt.

An der Wand in seiner Wohnung hängt eine Uhr. Sie ist groß und weiß, mit schwarzen Ziffern und schwarzen Zeigern. Er sieht sie, wenn er aufwacht. Um fünf Uhr schreckt er zum ersten Mal hoch. Dann um sechs. Um sieben wieder. Da ist es Zeit aufzustehen. Seit er im Gefängnis war, braucht er keinen Wecker mehr. Jeden Tag früh raus, fünfzehn Jahre lang, der Körper merkt sich das.

Er wäscht sich, er schaut in den Spiegel. Er sieht seine dünnen Haare, seine blasse Haut, er sieht den milchigen Fleck in seinem Gesicht, das tote Auge, ohne Pupille, ohne Farbe. Er hat versucht, daran vorbeizuschauen, jeden Morgen versucht er es, seit 25 Jahren. Er schafft es nicht. Eine Weile hat er sich eine Attrappe aus Glas über den nutzlosen Augapfel geschoben, eine dünne, gewölbte, mit einer braunen Iris bemalte Scheibe, die sogar ziemlich echt aussah. Sie machte es den Leuten leichter, ihm ins Gesicht zu schauen. Ihm selbst auch. Aber sein blindes Auge ertrug den Fremdkörper nicht, es brannte und tränte. Es war, als wollte es sagen: Sieh mich an, so wie ich bin. Jetzt liegt das Glasauge auf dem Tisch neben dem Sofa und verstaubt.

Er frühstückt nicht. Später am Tag wird er einen Liter Milch trinken, ein paar Scheiben Brot essen, vielleicht etwas Fisch. Jetzt hat er keinen Hunger. Eigentlich hat er nie Hunger. Er geht hinaus auf die Straße und läuft hinüber zur UBahn, Station Horner Rennbahn im Osten von Hamburg.

7.30 Uhr, der Bahnsteig ist voll um diese Zeit. Er kennt die Gesichter. Es sind jeden Tag dieselben. Johlende Kinder auf dem Weg zur Schule, schweigende Männer in dicken Handwerkerjacken und schweren Schuhen, Zeitung lesende Frauen in Rock und Bluse, dezent geschminkt fürs Büro. Manchmal beobachtet er sie. Manchmal fragt er sich, ob sie ihn auch beobachten, ob sie denken, auch er fahre zur Arbeit.

Sie können ja nicht wissen, wer er wirklich ist, dieser dünne Mann in der schwarzen Lederjacke, der da mitten unter ihnen steht. Ein Bankräuber. Ein Einbrecher. Ein Junkie, der seit drei Jahrzehnten süchtig ist. Das Heroin hat ihm sein Auge genommen. Es hat ihm die Frau genommen. Es hat ihm sein halbes Leben gestohlen. Aber er spritzt es sich noch immer, so wie damals, als er 22 war. Nur dass er den Stoff inzwischen vom Staat bekommt. Gratis. Jeden Tag. Arne Beer ist eine Art Testperson, seit ein paar Jahren schon. Die Droge, nach der er süchtig ist, erhält er probeweise auf Rezept. Damit es ihm besser geht.

Das klingt verrückt. Gesund mit Heroin?

Ja, sagen Suchtmediziner, mit Heroin kann man alt werden. Ursprünglich war es ja ein Medikament – eines gegen Husten und Schmerzen, vor hundert Jahren auf den Markt gebracht von der Firma Bayer. Erwiesenermaßen schadet Heroin dem Körper weniger als der exzessive Konsum von Alkohol oder Nikotin.