DIE ZEIT: Herr Professor Haasen, Sie plädieren dafür, der Staat solle schwer Heroinsüchtige mit Heroin versorgen. Wollen Sie die Droge legalisieren?

Christian Haasen: Keineswegs. Es geht darum, Diamorphin als Medikament für eine kleine Gruppe von Patienten zuzulassen. Diamorphin ist nicht identisch mit Heroin im landläufigen Sinn. Heroin ist eine Straßendroge, bei der niemand wissen kann, wie sie hergestellt, verunreinigt, gestreckt wird. Diamorphin dagegen ist ein Medikament, das einer strengen Kontrolle unterliegt. Es ist Heroin in reiner Form und hat große Ähnlichkeit mit den Morphinen, die wir in der Schmerzbehandlung verwenden – eine Substanz also, die in leicht abgeänderter Form seit Langem als Medikament existiert.

ZEIT: Dieses Medikament wird in Deutschland seit mehreren Jahren einigen Hundert Drogensüchtigen verabreicht. Sie haben das Experiment wissenschaftlich untersucht. Was ist das Ergebnis?

Haasen: Fast allen Patienten ging es nach dem Umstieg auf Diamorphin gesundheitlich deutlich besser. Sie hatten wieder einen festen Wohnsitz, viele konnten eine Arbeit aufnehmen, manche begannen eine Ausbildung, der Konsum von Straßendrogen ging massiv zurück, sie begingen deshalb kaum noch Straftaten. Der Großteil war imstande, ein annähernd normales Leben zu führen.

ZEIT: Lässt sich das nicht auch mit bisher gängigen Ersatzdrogen wie Methadon erreichen? Auch die sollen Süchtige vom Straßenheroin abbringen.

Haasen: Genau das haben wir ja untersucht. An der Studie nahmen rund tausend Patienten teil. Die eine Hälfte erhielt Diamorphin, die andere Methadon. Die Diamorphin-Gruppe schnitt in jeder Beziehung besser ab.

ZEIT: Woran liegt das?