Manchmal öffnen uns Verse die Augen und lenken unseren Blick auf bislang Übersehenes. Auf die kleinen Geschichten und Katastrophen etwa, wie sie Melonen, Kirschen, Apfelsinen oder Kokosnüssen offenbar täglich widerfahren. Wer wusste schon, dass Birnen auf die Stirne fallen oder Pflaumen auf Bäumen träumen? Dass Melonen mit einer Krone auf dem Kopf reiten und Aprikosen gerne nach Hawaii reisen?

Antonie Schneider muss uns von solchen Merkwürdigkeiten nicht erst lange überzeugen, denn ihre Verse fließen und swingen so leicht und spielerisch übers Papier, dass man ihnen vorbehaltlos folgt und sich vom Charme der Worte und Wortbilder nur zu gerne treiben lässt. »Auf Reisen geht die Ananas / in einem alten Wagen. / Von Lissabon bis Caracas / will sie es wirklich wagen.« Wir springen auf den Nonsenszug auf und lassen uns von ihm quer über den Globus führen; wir lesen, dass eine Birne im Luxusschiff nach Marrakesch reist oder eine Apfelsine in Tripolis fast von einer Lokomotive überrollt worden wäre.

Die Faszination durch die Reiseerlebnisse der Früchte entsteht aber zum großen Teil auch aus der bildnerischen Umsetzung der Verse durch Isabelle Pin. Die in Berlin lebende französische Künstlerin hat hier im Gegensatz zu früheren Arbeiten die großformatige Form entdeckt. Die neue Flächigkeit ergibt sich durch silhouettenhaft geschnittene Formen, mal weiß, mal schwarz, durch Farbpapiere und vorgefundene Collageteile. Dafür tritt die Malerei in den meisten Blättern zurück und setzt eher Akzente. Es scheint, als habe Isabelle Pin über die Absurdität der Verse von Antonie Schneider zu einer neuen Freiheit gefunden, die eine kompositorische Kraft freisetzt und das Detailhafte zurückdrängt.

Zu welchen überraschenden Bildideen sie kommt, zeigt sich etwa in der Episode der Kokosnuss. Da sprengt die riesige dunkelblaue Silhouette eines Hasen das Buchformat und lässt nur noch Raum für einen Streifen blauen Papiers, auf dem sich Worte wie Wellen wiegen. »Im Mondschein / saß schweigend ein blauer Hase. / Sie traute ihren Augen kaum.« Und so inspirieren die Texte auch zu Bildern, die weit übers Erzählte hinausgehen und kulturelle Symbole einbeziehen. Bananen, so lesen wir, »musizieren zuweilen ohne Grund / sogar verkehrt herum«. Eine New Yorker Adresse in Soho, eingeklebt in den Hut der Banane, und der berühmte Bananenrock von Josephine Baker, als Zitat von oben ins Bild geschoben, lassen um die musizierende Banane viel Platz für weiten Assoziationsraum.

Das wunderschön gestaltete Buch führt beispielhaft vor, auf welch selbstverständliche Weise sich Bild und Wort zu einer Synthese verbinden können: Wie eine grafische Spur ziehen sich die Zeilen der Verse über die Seiten und führen den Leser mitten ins Bild, bis sie zu visueller Poesie werden. Hoffentlich steigen viele Kinder in diesen Zug und retten die Apfelsine Malwine, die auf einer Schiene eine Biene trifft. »Sonst wirst du Arme, / zu Mus, o Graus.« Jens Thiele