Niemand zahlt gern Steuern. Jeder schimpft über den gefräßigen Staat, der mehr immer Geld fordert und weniger dafür leistet. Die einen können mit Steuerflucht reagieren oder ziehen ihrem Geld hinterher – ins Ausland. Die anderen, Bürger mit geringen Einkommen, bleiben und zahlen zähneknirschend weiter. Gerade sie beklagen sich zu Recht.

Die ideologisch unverdächtige Industrieländerorganisation OECD hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, die drei dramatische Aussagen birgt. Erstens: Ab etwa 65.000 Euro Jahreseinkommen ist die Belastung mit Steuern und Abgaben in Deutschland regressiv – wer mehr verdient, muss davon immer weniger abgeben. Zweitens: Vergleichbare Länder haben gezielt Niedrigverdiener entlastet – Deutschland aber entlastete trotz Reichensteuer vor allem die Spitzeneinkommen. Drittens: Die Vorteile für Durchschnittsverdiener (rund 40.000 Euro Jahreseinkommen) aus der Steuerreform von 2001 sind durch Inflation und geringe Reallohnsteigerungen zunichte gemacht.

Das alles spielt dem Wirtschaftsminister in die Karten, der niedrigere Steuern fordert, aber dies nach dem Willen der Kanzlerin nicht öffentlich sagen darf. Und es wirft Fragen an den Finanzminister auf. Zum Beispiel, wie er die Ungerechtigkeiten im Steuersystem beseitigen will.

Die OECD spricht sich für höhere Vermögensteuern aus, aber der aktuelle Streit um die Reform der Erbschaftsteuer zeigt: In der Großen Koalition wird das nicht möglich sein. Realistisch wäre es, zuerst die Steuern für niedrige und mittlere Einkommen zu senken — und dann einen automatischen Inflationsausgleich ins System einzubauen. Steuersenkungen blieben dann dauerhaft erhalten.

In Deutschland wird gern über den alles verschlingenden Staat geschimpft. Viel wichtiger wäre eine Debatte darüber, was uns dieser Staat wert ist – und wer dazu einen Beitrag leistet.