Der Zürcher Lucas Bärfuss macht sich Feinde. Feinde in der Politik und Feinde unter seinen Lesern zu Hause. Der siebenunddreißigjährige Erfolgsdramatiker zerrt, wie vor vielen Jahren Fritz Zorn, heftig an der Schokoladennase seiner Landsleute. Er nennt sie selbstgerecht und stellt der eidgenössischen Entwicklungspolitik ein miserables Zeugnis aus. Das Geld, behauptet sein Icherzähler David Hohl, sei falsch investiert, jedenfalls all die vielen Fränkli, die seit Anfang der sechziger Jahre in die Entwicklungshilfe Ruandas geflossen seien. Lucas Bärfuss’ erster Roman ist eine Philippika und ein Reißer, eine tollkühn-bittere Mischung aus Krieg und Sex, hunderttausendfachen Morden. Und aus Moral und Geld.

David ist der naive Jüngling, der als Entwicklungshilfe-Frischling in die ruandische Hauptstadt Kigali kommt und die verwüstete Stadt vier Jahre später als gebrochener Mann verlässt. Alles hat er verloren, die Frau, die er begehrte, die Achtung vor dem guten Zweck, den Respekt vor seinen Vorgesetzten und die Hoffnung, dass Tiere die besseren Kreaturen sind.

Das Drama, das diesem Roman zugrunde liegt, zählt zu den grausamsten des späten 20. Jahrhunderts. Das Wort »Völkermord« ist viel zu blass, um zu beschreiben, was sich in den hundert Tagen von Anfang April bis Mitte Juli 1994 in Ruanda zutrug, als die Hutu über die Tutsi herfielen und kaum ein Tutsi am Leben blieb. Exakt weiß niemand, wie viele Menschen damals starben, mindestens 500000, wahrscheinlich waren es doppelt so viele. Es wurden in den letzten Jahren viele Klagen über unterlassene oder falsche Hilfe der westlichen Welt bei diesem Inferno veröffentlicht und unzählige Schuldzuweisungen vor allem an die Vereinten Nationen formuliert. Beeindruckende Dokumentarfilme und Spielfilme wie Hotel Ruanda (2004) wurden gedreht, Untersuchungen, Analysen, Reportagen geschrieben und Romane über hoffnungslose Liebesbeziehungen zwischen Schwarz und Weiß in Zeiten des Krieges verfasst. Lucas Bärfuss fand viel Material, um Afrika zu beschreiben.

David Hohl sitzt in einem kleinen Zimmer, irgendwo im Schweizer Jura, wohin er vor den Menschen, »die wissen, was gut und schlecht ist«, geflohen ist. Mit ihnen will er nichts mehr zu tun haben. Nur einem alten Schulfreund erzählt er von den Erfahrungen dieser Todesexpedition. Ein unauffällig freundliches Kind sei, erinnert sich der Besucher, David gewesen, unauffällig, von ein paar heftigen Ausbrüchen eines Gerechtigkeitswahns abgesehen. Lucas Bärfuss scheint sich mit ähnlichen Ausbrüchen herumzuschlagen.

Der Icherzähler David Hohl hat die hundert Mordtage in seinem Haus versteckt überlebt. Während er dem Freund von den schrecklichen Erlebnissen und von den Menschen erzählt, denen er in Kigali begegnet ist, fällt draußen Schnee, und der aus der afrikanischen Hölle in die friedliche Schweiz zurückgekehrte Mann denkt darüber nach, weshalb seine ordnungsfanatischen Landsleute den Schnee mit Salz und Maschinen forträumen. Die Gerechtigkeitsausbrüche des Schülers David sind die Bruchstelle des erwachsenen Mannes, der sich nach einer guten Welt sehnte und an der schlechten Realität zerbrochen ist.

Lucas Bärfuss weiß sehr genau, dass unangenehme Botschaften wie der Likör in einer Weinbrandbohne mit Zuckerguss konserviert werden müssen. Er stellt dem jungen Entwicklungshelfer, der sehr brav Senghor, Césaire und Joseph Conrad gelesen hat, beim Antritt seiner ersten Dienstreise nach Kigali an der Passkontrolle eine afrikanische Frau in europäischer Kleidung in den Weg. Agathe wird die Geliebte und bleibt die Fremde, sie ist das erotische Superweib, das den jungen Europäer betäubt und besiegt. Ihre kalte Unerschrockenheit verblüfft und reizt ihn, nur ihr nackter Hintern auf seinem Kopfkissen, das gefällt dem Schweizer nicht!

Lucas Bärfuss beschreibt Menschen, Situationen, Landschaften, fremde Umgebungen so, als sei das Schreiben das Leichteste von der Welt. Er beschreibt Davids Vorgesetzten, Missland, und seine Ansichten über das seit 1962 unabhängige Ruanda. Ruanda, sagt Missland, habe sich an die Entwicklungshilfe »verkauft«. Eine kleinkarierte Bande, die alle Hüttentüren hinter sich zuzieht, wenn Sauftag ist. Nichts vom wild-bunten Bilderzauber, dafür Aids-Waisen, Papstbesuch und Diskriminierung zwischen den privilegierten »Langen«, den unterdrückten »Kurzen« und noch kürzeren »Pygmäen«.