Sie ist ein Segen und ein Fluch für die Romanciers der mittleren Generation, die problemdampfende deutsche Vergangenheit, die sich auf zwei parallelen Spuren bis in die Höllenfinsternis der dreißiger Jahre zurückverfolgen lässt: Das Thema geht immer, und Aufmerksamkeit ist garantiert. Doch leider trägt das Resultat selbst bei den begabtesten Autoren oft Züge streberhaften Pflichteifers, der eine entsprechende Neigung beim Leser voraussetzt, sowie den leichten Hautgout von Hybris, der allem bloß Recherchierten und Imaginierten, nicht selbst Erfahrenen bei der epischen Erschließung dieser prekären Epoche anhaftet.

Marcel Beyer, 1965 geboren, ist nach dem Erfolg seines Romans Flughunde vor zwölf Jahren von Köln nach Dresden umgezogen. Dort spielt sein neues Werk Kaltenburg, das alle Qualitäten aufweist, die sich aus gründlicher Aneignung von Ortskenntnis, fleißiger Vertiefung in die ostdeutsche Nachkriegsgeschichte und ambitionierter Erfindungsarbeit gewinnen lassen. Auf die literarische Auseinandersetzung mit der Nazi-Ära und ihrem Finale, die in Flughunde eindrucksvoll gelang und in Spione (2000) etwas weniger mitreißend reflektiert wurde, folgt nun also, wie in Erfüllung eines Plansolls, der Roman über die DDR-Zeit, eingeleitet wiederum durch Episoden aus der Endphase des »Dritten Reichs«. Und da Beyer an sich selbst hohe Anforderungen stellt, hat er auch diesmal einen originellen Zugang gefunden, der außerdem motivisch an seine erste schriftstellerische Großtat anknüpft.

Wieder sind fliegende Lebewesen im Spiel, und wieder geht es um einen Forscher, der als Charakter von unauslotbarer Ambivalenz angelegt ist. Der Flughunde- Protagonist Hermann Karnau, ein fiktiver Freund des Propagandaministers Goebbels, befasste sich mit Stimmen, Geräuschen und dem menschlichen Hörsinn; der Zoologe Ludwig Kaltenburg, der zunächst in Posen arbeitet, nach dem Zweiten Weltkrieg in Dresden zu internationalem Renommee gelangt und Anfang der sechziger Jahre in seine Heimatstadt Wien zurückkehrt, untersucht das Verhalten von Tieren, vor allem von Vögeln, und leitet daraus Spekulationen über die Beschaffenheit des Menschen ab.

Im bombardierten Dresden eine Horde von Schimpansen

Im Eröffnungskapitel verschafft der Autor dieser schillernden Figur und ihrem Lebensprojekt einen starken Auftritt. Kurz vor seinem Tod, der ins Jahr der »Wende« fällt, sitzt der alte Gelehrte, an den Rollstuhl gefesselt und in Wolldecken gehüllt, in seinem Wiener Haus und wartet darauf, dass ein Dohlenpaar den Kamin in seinem Arbeitszimmer als Nistplatz wählen möge. Besuchern malt er den Vorgang der Nestfindung und das Treiben künftiger Dohlengenerationen aus, in gelöster Stimmung zwischen greisenhafter Abgeklärtheit und der triumphalen Zukunftsgewissheit des Biologen: Alles fängt immer wieder von Neuem an. Sodann wird Kaltenburgs Opus magnum erwähnt, eine Studie unter dem Titel Urformen der Angst, die nach seinem Weggang aus der DDR entstand und menschliche Angstreaktionen mit tierischen auf skandalträchtige Weise verglich. Das Kapitel endet mit einer gespenstischen Szene aus dem bombardierten Dresden, in der eine Horde Schimpansen einer Gruppe von Menschen hilft, verstreute Leichen einzusammeln.

Damit hat Marcel Beyer zugleich so etwas wie eine Versuchsanordnung skizziert. Es ist offenbar die Absicht des Romans, zwei politische Systeme, die auf Angst gegründet sind, aus der distanzierten Perspektive des Verhaltensforschers zu betrachten und andererseits das Verhalten von Forschern in diesen Systemen mit wertfreiem, gleichsam wissenschaftlich objektivierendem Blick zu schildern. Das betrifft nicht nur die Titelfigur, sondern auch den Ich-Erzähler, einen kriegsverwaisten Dresdner Ornithologen, der in Ludwig Kaltenburg seinen Mentor findet, und ebenso den Vater des Erzählers, der Botaniker im Hitlerdeutschland war und in der Erinnerung des Sohnes widersprüchliche Bilder hinterlassen hat. Jeder dieser drei ist auf seine Art angstgeleitet, und jeder versucht auf seine Art damit umzugehen. Zumal im Fall Kaltenburgs hätte das literarisch ergiebig sein können.

Das Präparieren von Kadavern wird bis ins Detail geschildert

Schade nur, dass der Autor, was die Kraft des Narrativen betrifft, in der wirkungsmächtigen Ouvertüre sein Pulver schon weitgehend verschießt. Was folgt, ist ein stofflich ehrgeiziges, sprachlich reizarmes Konstrukt, das durch allzu viele farblose Nebenfiguren und Begebenheiten, durch ein Übermaß an ornithologischem Fachwissen, verhaltenspsychologischen Anspielungen und zeitgeschichtlichen Bezügen zur Geduldsprobe wird. Für eine Liebesgeschichte etwa muss die blasseste Andeutung genügen, das Präparieren von Vogelkadavern dagegen wird bis ins kleinste Detail erläutert. Das mag dem biologistischen Geist, der das Romanmilieu durchweht, und den diversen seelischen Defiziten des Personals entsprechen, aber den Leser lässt das alles fatalerweise so kalt, wie es der Name des Titelhelden suggeriert.