Erzählungen Der Verteidiger der Träume
Sozialistischer Realismus konnte auch schöne Literatur sein: Werner Bräunigs schmaler Erzählband »Gewöhnliche Leute« ist neu erschienen
Als der Bergmann Paul Schramm starb, wurde er ohne große Worte beerdigt. Die Erde fiel auf den Sarg, der zwei Meter lang und einen Meter breit war; soundsoviele Verwandte kondolierten, wobei die Männer in ihren schwarzen Anzügen theatralisch kostümiert wirkten; und weil Schramm früher immer zu sagen pflegte: Bloß keine Pfaffen!, sprach sein alter Kumpel Teichgräber ein paar letzte Worte. Keine Trostfloskeln, keine Wiederauferstehungsversprechen, Teichgräber stellte nur diese simple Frage, die die Lebenden mehr als den Toten betraf: »Was bleibt, wenn ein Arbeiter stirbt?« Und gab auch gleich selbst die Antwort: »Seine Arbeit – das, was er geschaffen hat.«
Wenn ein Arbeiter stirbt, flicht ein Arbeiterschriftsteller vom Rang Werner Bräunigs ihm keine Kränze, sondern schreibt schlicht und pathetisch eine Novelle mit dem Titel Stillegung , in der es um nicht weniger geht als den Jahrhunderttraum vom Anderswerden – dem Anderswerden der Welt, vor allem aber der Menschen, wie es die Verfasser sozialistisch-realistischer Wandlungsliteratur erhofften. Anna Seghers wollte »die faschistische Jugend von ihrem ungeheuren Wahn und mechanischen Gehorsam« befreien. Johannes R. Becher wollte den »tieferen Sinn« der Niederlage von 1945 sichtbar machen und das Proletariat als »große Kraft« der Liebe, Freundschaft, Wahrheit verherrlichen. Zugleich formierte sich aber auch eine Front gegen die Fünfjahrplanpoesie, gegen den, wie Ernst Bloch formulierte, »Schematismus bloßer Unmittelbarkeit«. Das war in der frühen DDR, als der Faschismus einem noch in den Knochen saß, während der Sozialismus seinen Nimbus des gerechten, friedlichen Anderen verspielte: Wohlmeinende Kritiker wurden kriminalisiert, Jungdichter gemaßregelt, Bräunigs Romandebüt 1965 von der Zensur verboten. – Umso hartnäckiger verteidigte er den Traum gegen die Realität, seine Hoffnung gegen Zweifel.
Postum und mit einer Epoche Verspätung ist letztes Frühjahr sein Nachkriegspanorama Rummelplatz erschienen, und seither mischt sich die Begeisterung des Publikums mit dem Entsetzen über den Vernichtungsfuror der Kunstrichter. Wie Bräunig seine schauprozesshafte Abkanzelung durch Ulbricht und das Dauergekläff der Kritikermeute überstand, kann man aus den Erzählungen erahnen, die er anschließend schrieb. Gewöhnliche Leute heißen die Porträts jener Schramms, Teichgräbers, Urbans, jener Ruths, Ingrids, Adeles, an deren grundsympathischer Alltagstapferkeit, doch heimlicher Selbstunsicherheit man die Zerrissenheit des Autors ablesen kann. Einerseits der Sozialismus, die Neubauten, Großbetriebe, Sonntagsausflüge zum See, andererseits die Friedhofsstimmung. Einerseits das fröhliche Kollektiv, andererseits der grüblerische Einzelne, die hohlen Parolen, das schlechte Wetter, die missglückten Liebesgeschichten, die unbeantwortete Frage nach dem Sinn.
»Aber was hat er denn geschaffen?«, fragt sich die Hauptfigur der Stillegung , der Trauergast Urban, auch ein Kollege des Verstorbenen und um die Siebzig. Er absolviert gerade sein drittes Begräbnis im Jahr, die Einschläge kommen näher – und seine private Erfolgsbilanz? »Wenn es noch Brücken, Orgeln oder wenigstens Nähmaschinen wären. Aber ein Bergarbeiter kann das, was er geschaffen hat, nirgends besichtigen. Die Grube ist stillgelegt, da haben wir also ein Loch in der Landschaft…« Das Loch symbolisiert Urbans Angst vor dem Nichts – dass die Schufterei umsonst war, dass man stirbt und der Fortschritt nicht stattfindet. Denn auch der Atheist will Ewigkeit. Sein Himmel heißt zwar Kommunismus, aber sein Glaube ist erschütterbar, und diese Erschütterbarkeit nahm Werner Bräunig ernst.
Der Mann aus Chemnitz, der binnen vier Jahren vom Papierfabrikarbeiter, Heizer, Volkskorrespondenten zum beliebten Literaturdozenten in Leipzig aufstieg, war ein rechtschaffener Linker. Wer heute nicht mehr weiß, was das ist, und sich fragt, warum gewisse Wähler ihr Kreuz bei der Linkspartei machen, muss Gewöhnliche Leute lesen. Erstmals erschienen 1969 im Mitteldeutschen Verlag, jetzt neu ediert bei Aufbau, handelt das Buch von einem Deutschland, in dem es noch Arbeiter gab, nicht nur Arbeitnehmer oder Arbeitslose, und wo Arbeit jeglicher Art (man sprach von Handarbeit einerseits, Kopfarbeit andererseits) Würde verlieh. Das Schmähwort Unterschicht existierte nicht, denn unterschichthafte Milieus im Gegensatz zu gutbürgerlichen galten als bloße Folge abschaffbarer Verhältnisse. Wenn die aber abgeschafft wären, wäre Gerechtigkeit, wäre Freiheit, wäre Nie-wieder-Krieg. Dieser Utopie hing der 1934 geborene Bräunig an mit der Naivität des Arbeiterkindes und dem Enthusiasmus des bildungsbeflissenen Humanisten, doch auch der Skepsis des Menschenkenners. Er betrachtete den Sozialismus als eine Art ehrgeiziges Bauvorhaben, zu errichten auf den Trümmern des Weltkriegs von den Urhebern und Überlebenden desselben, und er fragte sich, ob sie dazu geeignet wären.
Urban zum Beispiel. Man muss sich vorstellen, wie er nach der Beerdigung auf einer Parkbank sitzt, neben dem 90-jährigen Postrat Kalinke, und nun kommt Horn vorbeigeeilt, der noch in der Schraubenfabrik malocht. Horn bliebe gern auf einen Schwatz, ist aber im Produktionsstress, darum beneidet Urban ihn: »Wenn man Zeit braucht, hat man keine, wenn man sie hat, braucht man sie nicht.«
- Datum 28.01.2009 - 13:30 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren