Lyrik Manchmal dreht sich der Mond
Phillippe Jaccottet: Die Lyrik der Romandie
Wo liegt die Romandie? Man sagt auch Welschland dazu und meint den französischsprachigen Westen der Schweiz. Dass hier eine eigene und eigenartige Literatur geschrieben wird, behauptet und belegt die zweisprachige Anthologie Die Lyrik der Romandie. Der Herausgeber Philippe Jaccottet, selber ein bedeutender Lyriker aus dem Waadtland, fängt seine Sammlung allerdings damit an, dass er Charles-Ferdinand Ramuz (1878 bis 1947) das erste Wort erteilt, und der ist nicht so sehr Lyriker als Erzähler. Der Gesang von unserer Rhone klingt allerdings so zauberisch, dass man ihn reine Poesie nennen muss. Jaccottet endet seine Sammlung mit einem Nachwort, wo er sagt, dass er nie so ganz an eine eigenständige Literatur der Romandie geglaubt habe. Ist das nicht wunderbar widersprüchlich? Aber dann weist er auf den starken protestantischen Einfluss hin, der die französische Schweiz prägt. Doch wenn man in diesen wirklich eigenartigen Gedichten liest, dann findet man vor allem das Französische, den gewissermaßen erzählenden Gesang, der uns in leuchtenden Szenen Sinnbilder und Lebensbilder vor Augen führt, wie man es am schönsten bei Blaise Cendrars (1887 bis 1961) sieht. Insgesamt sechzehn Autoren stellt uns Jaccottet in persönlichen Porträts vor, die Jüngste ist die 1954 geborene José-Flore Tappy, die in ihrem Mondgedicht fragt: »Doch manchmal dreht sich der Mond / zur Erde / von welchem Ufer / kommt er / Luke welches Schiffs / welches Dampfers / der da treibt.« Der siebzehnte Dichter ist Jacottet, den die Übersetzer Elisabeth Edl und Wolfgang Matz vorstellen. Ulrich Greiner
- Datum 13.03.2008 - 13:06 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12
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