Erinnerungen Drangsalseligkeit
Die Dichterin Friederike Mayröcker erinnert sich an ihren Lebensgefährten Ernst Jandl, denkt nach über das Alter und den Tod und schreibt ein helles, träumerisches Buch
In einer Zeit, die ihre Komplexität so schätzt, dass sie auch die dazu passenden Komplexe in Kauf nimmt, wächst der Mitteilungsdrang der Beteiligten ins Beträchtliche, was umso bemerkenswerter ist, da die meisten nichts Nennenswertes zu sagen haben. Wir haben es mit einer besorgniserregenden Vermehrung der Autoren zu tun, die Dichter aber, ein altehrwürdiger Berufsstand, der am Werk ist, »seit ein Gespräch wir sind und hören können voneinander« (Hölderlin), werden weniger. Eine Dichterin, die wir noch haben, ist Friederike Mayröcker. Sie wurde 1924, im Jahr, als Kafka starb, geboren und hat ihr Leben dem Schreiben gewidmet, das ihr stets mehr war als ein bewährtes, von Selbstfindungsexperten empfohlenes Mittel zur Existenzerhellung. Für Mayröcker arbeitet sich Schreiben (»Schreibendrangsalseligkeit«) am »Herzzerreiszenden der Dinge« ab, geht der Gefährdung nach, der Rätselform des Menschen, der zwar schon immer »ein Zeichen war, deutungslos« und »in der Fremde«, davon aber nur dann etwas wissen will, wenn unerwünschte Nachdenklichkeitsschübe über ihn kommen wie ein Schluckauf.
Hochdekoriert ist die Dichterin Friederike Mayröcker, hat zahlreiche Preise bekommen und so viele Bücher geschrieben, dass man schon mal den Überblick verlieren darf. Dabei war sie nie eine Geschichtenerzählerin, sie hält sich, nach eigener Aussage, an die »Innenseite der Sprache, während die Außenseite der Sprache das überkommene Erzählen wäre, die überkommene Story, die überkommene Strategie von Unterhaltung«. Im Herbst 2005 veröffentlichte Mayröcker einen Prosaband mit dem schönen Titel Und ich schüttelte einen Liebling, der ihrem verstorbenen Lebensgefährten und Dichterfreund Ernst Jandl gewidmet war. Auch in der Verzweiflung, die sie damals spürte, half ihr das Schreiben, das die Trauer nicht beschwichtigt, sondern beim Wort nimmt: »das macht mich ganz wach und dann äugelt mein Ich aus dem Äther und das sind die schönsten Herz Fragmentationen und Herz Seligkeiten«.
In Friederike Mayröckers neuem Buch Paloma kommt Ernst Jandl ebenfalls vor: »ER« lebt, überlebt in Gedanken, was so sein muss, denn »was nicht anwesend ist, ist es manchmal dadurch gerade sehr« (Robert Walser). Das Alleinsein gilt es nun auszuhalten. Und das Alter, das, anders als ER, nicht mit sich reden lässt. Die Bilder im Kopf: »wieder flanieren wieder spazieren wieder murmeln und hinstreunen«, »inzwischen ist Mai und Frühling«, was soll’s, wo es doch vor allem um die eine wiederkehrende Angst geht: »ach meine Demenz: die Assoziationskraft noch vorhanden, aber paar glühende Verwüstungen in meinem Schädel, eine Ozean Wildnis und Kusz Landschaft«. Wer vor sich hin altert, merkt es meist nicht, das ist tröstlich, zumal es wenigstens in einem Punkt gerecht zugeht auf der Welt: Das Alter trifft jeden, macht sich auch an den Jungen zu schaffen. Die Freuden des Alters, falls es sie überhaupt gibt, sind denkwürdiger Natur, sie liegen in der »Betrachtung«: »Wenn wir jung sind«, befand der Philosoph Schopenhauer, »vermeinen wir, dass die unserm Lebenslauf wichtigen und folgenreichen Begebenheiten und Personen mit Pauken und Trompeten auftreten werden: im Alter zeigt« sich »jedoch, dass sie alle ganz still, durch die Hintertür und fast unbeachtet hereingeschlichen sind.« Ohnehin gibt es nur eine Gewissheit im Alter, und auch die ist nicht gewiss, sondern kann von der geheimen Ordnungsmacht im Kopf, der es eines Tages beliebt, nicht mehr ordnen zu wollen, wieder einkassiert werden: »Wenn man auch noch so alt wird«, schrieb Schopenhauer, »so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war als man jung, ja, als man noch ein Kind war.«
Was die Erinnerung einflüstert, ist verführerisch, nicht aber wirklichkeitstauglich, selbst wenn sie die einzige Stimme sein sollte, die noch zu einem spricht; darin trifft sich das Erinnern mit den Träumen, die in der Nacht schwer sind und am Tag heiter, so als gäbe es fast immer eine Möglichkeit, das Sichtbare wahrzunehmen und gleich darauf hinter sich zu lassen: »im Sturm über den Dächern ein aufgespannter lichtgrauer Schirm oder Perlenzeug (Pelerine) und die Vögel wie geschleuderte Bälle im rauschenden Wind, ein paar Träume am Fenster, trage sie bei geschlossenen Augen lange mit mir herum«. »Die Dinge so sehen wollen wie sie ohne mich aussehen würden, also wenn ich tot bin«, notiert Friederike Mayröcker, aber wie soll das gehen, »in einer ausgedachten Welt« und wenn »alles nur am Rande meines Bewusztseins geschieht«. »Bin ich dement?« ist die Frage, die von einem selbst nicht zu beantworten ist, das haben andere zu beurteilen, die aber auch nicht ganz zurechnungsfähig sind, es geht seinen Gang, und noch gibt es ja das kleine, das unscheinbare Glück: »Habe heute nacht von Italien und Frankreich geträumt. Lebkuchen gegessen, um vier Uhr früh die Heizung angedreht, um sechs Uhr früh zu schreiben begonnen.« Wenn man Glück hat, kann sich das kleine Glück sogar wiederholen, dann ist große Einsicht erlaubt: »Gehe noch nicht am Stab, habe früher in einem Meer aus Sprache gelebt, habe früher kristalline Texte geschrieben, sitzt man einem schönen jungen Menschen gegenüber, kann es geschehen, dasz man sich mit ihm mit seiner Jugend so sehr identifiziert, dasz man sich selber jung und schön fühlt.«
Friederike Mayröckers Paloma ist ein anrührendes Buch. Es erzählt vom Altwerden und Jungbleiben, vom Leben und von den Träumen. Mag sein, dass am Ende auch die Erinnerung müde wird und verstummt; unseren Abgang, mit dem sich keine Klage auf Wiedereinstellung verbinden lässt, können wir uns trotzdem recht stilvoll vorstellen: »Möchte gar nicht zurückschauen auf das Geleistete, nur voll Neugier nach vorne schauen was da noch kommt…heute noch nicht in den Spiegel geblickt, aus der Mitte der schönsten Geistes Laufbahn herausgerissen zum Tode«.
- Datum 14.03.2008 - 03:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12
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