Erzählungen Die Größe der einsamen Verlierer

Clemens Meyers starke Erzählungen »Die Nacht, die Lichter«

Erst beginnt er zu humpeln, dann bleibt Piet ganz stehen. »Er hatte seinen Hund Piet genannt, wegen Pete Sampras, dem Tennisspieler, hatte den Namen aber mit ›ie‹ in den Hundepass eingetragen, um die Sache wieder ein wenig zu verschlüsseln.« Es sind noch zwei Kilometer vom Park bis nach Hause, tragen kann er den großen Rottweiler-Dobermann- Mischling nicht. Sie gehen sehr langsam, mit vielen Pausen und immer wiederholten Versprechungen: »Kriegst was Feines, wenn wir zu Hause sind.« Hüftgelenksdysplasie, sagt der Tierarzt, fortgeschrittenes Stadium. Hunde zeigen es nicht so schnell, wenn sie Schmerzen haben, weil sie nicht wissen, wo es herkommt. Eine Operation sei unvermeidlich. Dreitausend Euro. Viel Geld für Leute, die mit dreihundertdreißig Euro im Monat auskommen sollen.

Von solchen Menschen erzählt Clemens Meyer, ohne Larmoyanz, auch ohne jeden Anflug sozialkritischer Empörung, sondern nur mit einer intimen Kenntnis dieser Verhältnisse, die sich nicht bei der Durchreise gewinnen lässt. Es sind die Kleinigkeiten, oft unausgesprochen, die viel verraten. Meyers Helden wissen natürlich, dass ihre Nachbarn gegen Monatsende mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Hause anzutreffen sind. Die Tatsache, dass dann das Geld alle ist, muss deshalb nicht erwähnt werden. Gerade durch solche Auslassungen werden Meyers Geschichten dicht und realitätsgesättigt.

Clemens Meyer, 1977 in Halle geboren, hat nach seinem Abitur einige Zeit »richtig« gearbeitet, unter anderem als Bauhelfer und Möbelträger. Er hat, wie in unserer gegenwärtigen Literatur vielleicht nur noch Ralf Rothmann, die sogenannten einfachen Verhältnisse, über die er schreibt, aus nächster Nähe kennengelernt. Er scheint auch zu wissen, welche Einschränkungen der Blick durch vergitterte Fenster erfährt. Von 1998 bis 2003 studierte er, ohne sein eigenes Profil zu verlieren, am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Das heißt, er hat zwar gelernt, wie man erzählt, aber nicht vergessen, was er zu erzählen hat.

Rolf, der Hundebesitzer, sucht nun vergeblich Hilfe bei seinem Bruder. »Wenns nicht für die Töle wäre«, sagt der, »dann vielleicht.« Rolf geht, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Seine Hoffnung aufs System-Lotto hat er längst aufgegeben. Nur Schäfer, der »Pferde-Schäfer«, kann ihm jetzt eventuell noch helfen. Mit einer Flasche »Goldkrone« macht er sich zu ihm auf den Weg. »Warst lange nicht da, Rolf.« Dann beginnen die beiden, die man nicht Freunde nennen mag, eher Leidensgefährten, besser noch: Kumpel, was sie früher öfter getan hatten, zusammen zu trinken.

»›Hab das mit deiner Frau gehört‹, sagte Schäfer, ›tut mir leid.‹

›Danke. Is schon ’ne Ewigkeit her. Ich hab ’n Hund jetzt. Ist nicht dasselbe, aber ich bin nie allein.‹

›Tja‹, sagte Schäfer, ›so ’n Tier ist schon was Feines.‹«

Der alte Mann, der nur vom Fernsehen und für den Hund lebt

Und damit sind sie beim Problem. Diese Geschichte, zweifellos anrührend, erzählt nicht nur die kleine Tragödie eines alternden, einsamen Mannes, der vom Fernsehen und für seinen Hund lebt. Sie zeigt, ohne darüber große Worte zu verlieren, die Tragödie unserer gegenwärtigen Verhältnisse. Von Politik ist nie die Rede, und doch wirkt jeder Satz von Meyer wie ein Sprengsatz in den Hohlformen der politischen Rhetorik. Angesichts solcher Verhältnisse von sozialer Gerechtigkeit oder auch nur von Reformen zu sprechen erscheint nur noch als Hohn.

Meyer zeichnet ein scharfes Bild unserer sozialen Verhältnisse

Meyer kennt das Milieu, die Mentalität seiner Leute, er weiß, wie sie denken, fühlen und handeln. Vor allem aber weiß er erzähltechnisch und ökonomisch mit solchem Wissen umzugehen. Auch die schlichte Hundegeschichte wird nur scheinbar chronologisch erzählt. Der Fortgang des Geschehens wird durch Rückblenden nicht etwa unterbrochen, sondern erst vorangetrieben. Erst wenn sich Rolf auf den Weg zu seinem Bruder macht, um bei ihm das Geld zu erbetteln, erfahren wir von dem Kostenvoranschlag des Tierarztes. So wird der zunächst eng erscheinende Horizont der Hundegeschichte noch weiter aufgerissen. An der Zuneigung, die ein einsamer alter Mann zu seinem kranken, leidenden Hund entwickelt, lässt sich eine ganze Lebenswelt erkennen.

Mit wenigen Andeutungen versteht es Meyer, komplexe Zusammenhänge zu eröffnen: Ein Boxer wird zu Kämpfen verpflichtet, um zu verlieren. Solche abgehalfterten Typen braucht man, um junge talentierte Boxer aufzubauen oder um verletzte Champions wieder an ihre alte Klasse heranzuführen. Sicher ist es kein schönes, eher ein erbärmliches Leben, das dieser Mann führt. Und doch ist dieser Boxer, ebenso wie Rolf, der Hundebesitzer, alles andere als eine erbärmliche Gestalt. Meyer zeigt hier, deutlicher noch als in seinem zu Recht gerühmten Debüt Als wir noch träumten ( 2006) eine Sympathie, die mit wohlfeilem Mitleid nichts zu tun hat, für die Verlierer in unserer Gesellschaft.

Er zeigt dieses Mitgefühl, indem er seine Leute, in ihrem eigenen Rahmen, einfach agieren lässt, als Gabelstaplerfahrer eines großen Einkaufszentrums, als Knasturlauber in einer Schlägerei mit dem Zuhälter der Tochter seines Zellenmitbewohners, als Hundebesitzer beim Pferderennen. Pferde-Schäfer, der sich selbst beim Wetten restlos ruiniert hatte, verweigert darum zunächst seine Hilfe und warnt Rolf: »Wenn du gewinnen musst, dann verlierst du.« Trotzdem lässt er sich am Ende überreden. Schäfer setzt Rolfs gesamtes Monatseinkommen aufs Spiel.

Leider ist diese Erzählung genau einen Satz zu lang geworden. Alles, was zu erzählen war, hatte Meyer erzählt. Die Schlusspointe, zweitrangigen amerikanischen Short Storys abgelesen, zielt über Rolf und seine genau lokalisierte Situation hinaus, auf den bloßen Effekt. Solche Geschichten brauchen keine Pointe.

Natürlich sind nicht alle dieser fünfzehn Erzählungen gleichermaßen gelungen. Das kurze und glückliche Leben des Johannes Vettermann ist arg plump den späten Lebensumständen des Malers Jörg Immendorff nachempfunden. Einige Fingerübungen dazwischen lassen erkennen, dass Meyer nach einem Verfahren sucht, wie wir es von den Bildern Gerhard Richters kennen, eine präzise Unschärfe. Doch angesichts der vielen starken Stories wirken solche Einwände kleinlich. Nach seinem erfolgreichen Debüt stand der Autor vor einer großen Hürde. Das zweite Buch gilt in solchen Fällen als besonders schwierig. Meyer hat die Hürde locker genommen. Seine Erzählungen, alles andere als Sozialreportagen, ergeben ein scharfes Bild unserer gegenwärtigen sozialen Verhältnisse. Meyer erzählt, wie vor ihm etwa Döblin und später Jean Genet, von Menschen, die normalerweise nicht als »literaturfähig« gelten. Der Zusammenhang von Macht und Gewalt, der mit dem Fortschreiten der Moderne zunehmend geächtet wurde, tritt bei diesen Autoren wieder in den Vordergrund. Keine Figur trifft man bei Meyer häufiger als den Boxer. Ein Blick ins Fernsehprogramm zeigt, dass solche Ventile offenbar gebraucht werden. Warum wir wieder einmal so weit sind, an den Figuren Meyers können wir es ablesen. Also: Hut ab! Der Mann kann was. Solche Erzähler braucht das Land.

 
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