RomanPräsident Blingbling

Yasmina Reza hat Nicolas Sarkozy im Wahlkampf begleitet – und eine Art Roman geschrieben über diesen Mann, der vor allem gegen die eigene Vergänglichkeit antritt von Gabriele Killert

Den Umschlag von Yasmina Rezas neuem Buch Frühmorgens abends oder nachts ziert eine Fotocollage. Wie auf einem schmalen Filmband sieht man von links ein Trüppchen Männer in dunklen Anzügen mit großen Schritten vorwärts stürmen, mit wehenden Rockschößen auf den Rand zu ins Nichts stürzen und auf dem Rückendeckel weiterlaufen. Dreimal hintereinander montiert derselbe vorwärts hastende Haufen, wie geklont, einige mit Kameras bewaffnet, und vorneweg der Anführer dieser Meute, der kleinste, mit Pinocchio-artigem Profil: Nicolas Sarkozy – auf dem Weg zu seiner Vereidigung als Präsident.

Wie auf dieser hübschen Vignette dargestellt, hat Yasmina Reza Sarkozys Wahlkampf fast ein Jahr lang als Teil der Meute miterleben dürfen und in ihren Tagebuchaufzeichnungen beschrieben. Sie wollte den Furor, die Droge der Macht und ihre Wirkung einmal aus nächster Nähe studieren, um zu verstehen, was daran so verführerisch und suspekt ist.

Sarkozy, der sich wegen seiner Vorliebe für Glanz und Glamour nach seiner Wahl den Spitznamen Präsident Blingbling zugezogen hat, fühlte sich »geehrt« von Rezas Wunsch, ihn zu porträtieren. Gelesen hatte er noch nichts von ihr. Es genügte ihm, zu wissen, dass sie berühmt ist. »Selbst wenn Sie mich fertigmachen, würde das meinen Ruhm nur vermehren«, soll er zu ihr gesagt haben. Die Wahlen gewinnen ist das eine. Von einer gefeierten Autorin in Literatur, sprich Unsterblichkeit verwandelt zu werden wäre die Krönung, es spitzt – um es mit Goethe zu sagen – die Lebenspyramide erst zu.

Sarkozy lässt ihr freie Hand. Sie darf überall, auch im engsten Kreis der Wahlkampfstrategen und Redenschreiber, mit dabei sein, die Ohren und ihren Bleistift spitzen. Aber Reza hat gar nicht vor, ihn fertigzumachen. Politisch scheint sie ohnehin mit seiner Hardliner-Politik, seinem neoliberalen Programm, das er seit seiner Wahl rigoros umsetzt, einverstanden zu sein. Um das Politische soll sich die Journaille kümmern. Als Schriftstellerin schwebt ihr Höheres vor. »Es interessiert mich, einen Mann zu betrachten, der gegen die Vergänglichkeit antreten will«, erklärt sie feierlich der erstaunten Runde beim Lunch. Auch Reza versteht sich auf Glanz und Glamour großer Worte. Blingbling. Sarkozy ist beeindruckt.

Wie sieht das nun aber aus, dieses Antreten gegen die Vergänglichkeit? Vor allem sehr nervös, sehr ungeduldig. Bei den Meetings »tigert« Sarkozy auf der Stelle, und im Sitzen tigern die Beine allein weiter, dass die Troddeln seiner Slipper hüpfen. Unentwegt stopft er etwas in sich hinein oder fingert an seinem Handy herum. Wer etwas zu sagen hat, muss bitte schnell zum Punkt kommen. Er hasst es, belehrt und kalfaktert zu werden wie ein dummer Boxchampion von seinen Trainern. Er weiß selbst, worauf es ankommt. Wir müssen in allem besser sein als die anderen, staucht er seine Leute zusammen. »Wer da nicht mithalten kann, den müssen wir feuern.« Auf gehts: »Stillstand ist der Tod.«

Immer wieder wird die Protokollantin von Vanitas-Gedanken heimgesucht. »›Ich suche die Stille und das Dunkel, um zu weinen‹, das sind Chimènes Worte in Der Cid. Die Männer, die ich beobachte, wollen das Gegenteil. Vor allem kein Dunkel, vor allem keine Stille. Und schon gar keine Tränen. Nichts, was der Zeit ähneln würde.«

Sarkozy kennt auch eine Chimène. Chimène Badi, ein Popsternchen, dessen Musik er »wie verrückt« liebt. Ein Homme de Lettres ist er nicht. Er liest überhaupt nicht. Selbst Illustrierte blättert er nur durch, um bei einer tollen Rolex-Reklame zu verweilen. Aber man kann nicht immer nur über Kaufkraft reden. Seine Ansprachen sind gespickt mit patriotischen Worthülsen und sogar Rilke-Zitaten. Ein Blender, ein Angeber vor dem Herrn, wie soll man ihn sonst nennen, räsoniert Reza. »Wie ein Kind« braucht er ständig Lob, fragt: »Wie war ich, wie fandest du mich?« Immer wieder sieht sie sehr zum Erstaunen seines Gefolges und des Lesers in dem gewieften Machtmenschen das Kind, den verletzlichen »kleinen Jungen«. Wie um sich selbst zu trösten, um die Unschuld und literarische Dignität ihres Projekts zu retten. Denn im Grunde ist sie schon bald ziemlich desillusioniert. Was für ein Leben! Ein Hasten von einem Termin zum nächsten in oft grässlichen Betonklötzen. Jobcenter, Frauengefängnis, Reden an die Arbeiter eines Airbus-Werks. Immer dieselbe Korona, dieselben Reden und banalen Kaufkraftfloskeln, derselbe Egotrip. Kein Blick für die herrlichen Landschaften, keine echten Begegnungen. Keine Freude und wirkliche Begeisterung.

Auch mit ihr kommt bis zum Schluss, bis zu seinem Triumph und danach auf den goldenen Stühlchen des Élysée-Palasts kein »echtes« Gespräch zustande. Da gibt sie auf. Diese Gier nach Macht und Ruhm macht das Leben nicht lebendiger. Entspringt sie nicht überhaupt einem Mangel an Empfindungsvermögen? Diesen Verdacht hatte sie schon in das Experiment mitgebracht. Die Formel vom Mann, der gegen die Vergänglichkeit antritt, war wohl doch zu hoch gegriffen. Auf manche ihrer Bühnenfiguren würde sie eher zutreffen. Aber Nicolas Sarkozy ist keine Reza-Figur. Dazu fehlt es ihm sozusagen an Hiobs-Qualitäten. Er scheint vielmehr der narzisstische Prototyp von heute und daher erfolgreiche Repräsentant der Wähler zu sein, auf die die Massenmedien ihre trivialen Programme zuschneidern.

Lass dich bloß nicht auf dieses Kräftemessen ein, haben Freunde die Autorin gewarnt. »Die sind stärker als wir.« Eins kann man sagen: Sie hat mit ihrem Buch, das in Frankreich schnell ein Bestseller wurde, das Ziel des Präsidenten erreicht, seinen Ruhm zu mehren. »Die Literatur ist wichtig«, hatte er ihr geschmeichelt, »man erhebt sich über seine Lebensumstände.« Die Pointe zum Schluss: Er hat ihr Buch (angeblich) nicht gelesen.

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    • Schlagworte Nicolas Sarkozy | Präsident | Roman | Jobcenter | Frankreich
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