Roman Aber deine Hände. Aber deine Stimme

Feridun Zaimoglu hat einen ganz ungewöhnlichen und bewegenden Liebesroman geschrieben

Es gibt Geschichten, die sind so unwahrscheinlich, dass man sie für wahr halten muss und nicht glauben will, ein windiger Dichter aus Kiel hätte sie sich bloß ausgedacht. Der Dichter trägt den klangvollen Namen Feridun Zaimoglu, er ist Türke, aber ein Deutscher, er schreibt deutsch, aber es klingt wie aus einer fremden, märchenhaften Welt, aus einer Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, und ist doch so gegenwärtig, dass es wirklicher erscheint als die Wirklichkeit der Nachrichten.

Mit einer Nachricht, mit einem Unfall in der Türkei beginnt die Geschichte. Dem Erzähler gelingt es, das Fenster des Überlandbusses, der brennend auf der Seite liegt, zu zerschlagen und sich ins Freie zu retten. Da liegt er nun am Straßenrand, als plötzlich eine schöne Frau sich nähert, ihm das Blut aus der Stirn wischt und ihm zu trinken gibt. Er sieht den Ring an ihrer Hand, ihre Augen. Als sie sich über ihn beugt, fällt eine Brosche aus ihrem blonden Haar zu Boden. Die professionellen Hilfskräfte sind inzwischen eingetroffen, die Frau geht zu ihrem Wagen und fährt weiter, gerade noch kann er den Anfang des Nummernschildes erkennen: NI. So dramatisch beginnt eine Liebesgeschichte, die bis zum Schluss des Romans nichts an Dramatik verlieren wird.

Der Mann hat sich ein paar Rippen gebrochen, man bringt ihn in ein türkisches Krankenhaus, schließlich kehrt er nach Kiel zurück. Gesund aber ist er nicht, es quälen ihn Schmerzen und die Folgen des Schocks, alles erscheint fragwürdig und fremd. Zu Hause erwartet ihn, wie es vorher hieß, »eine abbruchreife Beziehung«, und in der Tat verlässt ihn die Freundin. Er reagiert seltsam apathisch, das Bild der Helferin geht ihm nicht aus dem Kopf. Er schlägt nach und sieht: NI ist das Kürzel für Nienburg. »Wo bist du, Nienburgerin? dachte ich, wo bist du genau in diesem Augenblick, ich habe angefangen, mich nach dir zu sehnen, ich weiß, es ist dumm, aber deine Hände. Aber dein besonderer Ring. Aber deine Stimme.«

Er fährt nach Nienburg, die Brosche in der Hand. In der Auslage eines Schmuckladens sieht er ein ganz ähnliches Stück, geht hinein und fragt, ob man eine Frau kenne, die eine solche Brosche gekauft habe. Die Inhaberin verweigert die Auskunft, ratlos geht er ins nächste Café. Und dort sitzt sie. Tyra heißt sie und ist schöner, als er sie in Erinnerung hat. »Was willst du von mir? sagte sie, ich weiß nicht, ob es mir gefällt, dass wir zusammensitzen. – Ich will dein Geliebter sein, sagte ich. – Sie wandte den Blick ab, sie spielte mit ihrem Silberring. Du bist unverschämt, sagte sie.« Sie wird immer kälter, das Gespräch immer unerfreulicher, wütend geht er davon. Sie aber folgt ihm, steigt in sein Auto und dirigiert ihn aufs Land hinaus, in ein Hotel. Dort beginnt ein wahrer Liebeskampf, gemischt aus Scheu und Hingabe, aus Abwehr und Leidenschaft. Als er am nächsten Morgen aufwacht, findet er einen Zettel: Sie will ihn nie wieder sehen.

Was nun folgt, ist ein aggressives, ein heißkaltes Spiel, das sich wiederholt und steigert und am Ende in schiere Erschöpfung mündet. Die letzte Szene, der Abschied spielt in Wien. »Vorbei, sagte sie. – Was, verdammt noch mal, soll vorbei sein?! Du hast doch noch gar nicht angefangen. – Doch, habe ich. – Es wird dir vielleicht nie wieder passieren, dass ein Mann dich so begehrt wie ich. Das weißt du doch. – Ja, das weiß ich, sagte sie. – Aber es ist dir egal. – Wir haben die eine oder andere Nacht zusammen verbracht. Ich wollte es, und es war schön. Mehr empfinde ich nicht für dich. – Keine Liebe, flüsterte ich. – Keine Liebe, sagte sie, und dann drehte sie sich um und ging davon.«

So haben wir ihn also vor uns, diesen traurigen Helden, Opfer seiner Liebe, Opfer seines Wahns. David heißt er, und er sagt von sich: »Ich war achtunddreißig und konnte den kleinen Bauch beim Sitzen nicht mehr einziehen.« An der Börse hat er ein nettes Vermögen zusammenspekuliert, er muss nicht mehr arbeiten, sein Leben ist leer. Es wächst in ihm eine zunächst vage, dann immer stärker werdende Sehnsucht nach Liebe, nach Sinn, und diese Sehnsucht richtet sich auf die wie vom Himmel herabgestiegene Nienburgerin. So macht er aus dem Zufall eine Schicksalsfügung. »Etwas Neues hatte angefangen, was tat ich hier, was tat ich, was war ich und was gab ich vor zu sein, was war mit mir los, wieso tat ich nichts, weshalb verwarf ich es, was sollte dieses Spiel, dieses verdammte Spiel, war ich abgeklärt, ich war nicht abgeklärt, was schlief ich schlecht, weshalb schwitzte ich im Schlaf, ein Herz, ein verdammtes dummes Herz, es schlägt und schlägt und schlägt und … Ich liebte sie. Schluss.«

Es ist grandios, wie Zaimoglu das schildert, wie er das ergreifende Pathos so steigert, bis es sich in reine Komik auflöst. Es beginnt ja damit, dass der Bus brennt, dass der Held im Anblick der schönen Fremden selber zu brennen beginnt, und dann kommt der triviale Abstieg, der Aufenthalt im Krankenhaus, wo zwischen den Insassen die anheimelnd gewöhnliche Kameraderie solcher Orte herrscht. Sie nennen sich nach ihren Leiden, heißen Bluterguss, Leber und Messer und nennen ihn Rippe. Jede Frau wird ihnen zur Erscheinung, und einmal gelingt es, die gestrenge Ärztin zu amüsieren: »Und dann lachte sie, vielmehr entgleisten ihre Gesichtszüge, und sie ließ ein seltsames Kleinmädchenkichern vernehmen, ihr Lachen verebbte mit einem hellen Zimbelton.«

Die Eigentümlichkeit von Zaimoglus Stil ist oft gerühmt worden. Seit seinem Erstling Kanak Sprak (1995) hat er ihn immer weiter entwickelt. Weil das Deutsche nicht seine erste Sprache ist, hat er zu ihm das Verhältnis einer späten Liebe, die den Gegenstand genauer durchdringt als derjenige, der sie mit der Muttermilch aufgesogen hat und unbewusst verwendet. Von Joseph Conrad, der Pole war, sagt man, dass sein Englisch ebenso gut wie ungewöhnlich war, und das gilt auch für Zaimoglu. Er neigt zu altertümlichen, feierlich klingenden Wendungen, dann wieder zu einer leicht übertriebenen Metaphorik, die den Text manchmal wirken lässt, als wäre er aus einer anderen Sprache übersetzt.

Diese andere Sprache ist nicht simpel das Türkische, eher eine ideale, aus vielen Quellen zusammengesetzte Sprache, die einerseits zurückgreift auf Traditionen der klassischen deutschen Literatur (die Zaimoglu kennt, deren Klang er wieder aufnimmt), andererseits auf eine Erzähltradition, die man orientalisch nennen kann. Dazu gehört, dass Zaimoglu erkennbar nicht an Psychologie interessiert ist, sondern an den archaischen Ritualen des Begehrens. Sein Blick ist der des Mannes, der staunend, zweifelnd, wütend die weibliche Anziehungskraft erfährt, dagegen revoltiert, sich ihr unterwirft, als ob die Teilnehmer dieses alten Spiels nicht Individuen wären, sondern sich in jenen vorgeschriebenen Bahnen bewegten, die der aufgeklärte Zeitgeist nicht mehr wahrnehmen kann, obgleich sie immer noch wirksam sind.

Zaimoglus bizarr leuchtende Sprache einerseits, sein vormoderner, antirealistischer Zugriff andererseits bewirken, dass die zentralen Szenen dieser wilden Liebesgeschichte, dieses heftigen Liebesbrandes ganz ursprünglich, unkonventionell wirken und die Kraft alter Bilder entwickeln. Andererseits aber ist seine Erzählweise auch insofern auf nicht selten lästige Weise »orientalisch«, als er zu haltlosen Abschweifungen neigt, die sich nicht immer organisch in den Zusammenhang fügen. Aber gerade das Harmonische, Organische widerstrebt ihm. Lieber setzt er abrupt neue Anfänge, erzählt das Zweite vor dem Ersten, inszeniert heftige Umschwünge, unerwartete Wendungen. Das macht die Lektüre spannend, aber auch irritierend.

Gleichviel: Dies ist ein Liebesroman der ungewöhnlichsten Art, die Geschichte von David und Tyra lässt einen nicht los. Wie aber geht sie aus? Das Ende ist ja nicht das Ende. Denn unser Held hat, ohne es wirklich zu wissen, längst jene Liebe gefunden, die er Tyra vergeblich zu entlocken sucht. Eine der Stationen seiner Verfolgungsreise ist Prag, wo er sich, vermögend, wie er ist, eine Fremdenführerin mietet, die Schauspielerin Jarmila. Auch sie ist geschlagen von einer »abbruchreifen Beziehung«, und die beiden Scheiternden bewegen sich aufeinander zu, obwohl sie das Kraftfeld ihres Sehnens ganz anderswo, in der falschen Person vermuten.

Einmal sitzen sie am Prager Laurenziberg, dem traditionellen Treffpunkt verliebter Paare, und Jarmila sagt: »Es heißt, wenn Nichtliebende hier sitzen, bringt es Unglück für die Liebenden.« Da wendet er sich ihr zu und küsst sie. Es wird ein langer, ein inniger Liebeskuss, aber es dauert bis zur allerletzten Seite, bis er begreift, wo er hingehört.

Jarmila hat das längst begriffen. Sie ist die Klügere, die Stärkere, weil sie eine Frau ist. Dass dies so sein muss, weiß sogar Messer (einer der Patienten des Anfangs, und er heißt so, weil er wegen einer Messerstecherei hier liegt). Messer also spricht zu seinen Kumpanen Bluterguss, Leber und Rippe wie folgt: »Wir können die Frauen nicht beherrschen, sie lieben in alle Richtungen, und wenn wir zufällig in der Richtung anzutreffen sind, in der sie sich bewegen, werden wir ein wenig glücklich. Sie befassen sich mit uns, wir nennen es Liebe, und dann schlagen sie eine andere Richtung ein, und wir reiben uns die verweinten Äuglein.« Wer richtig liest, wird in dieser bewegenden Liebesgeschichte auch eine Liebeserklärung an alle Frauen lesen. Werden sie es verstehen?

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in Bolu in der Türkei, ist in Deutschland aufgewachsen, machte als Jahrgangsbester sein Abitur, studierte Medizin und lebt seit vielen Jahren als Schriftsteller in Kiel. Wenn man nicht längst gewusst hätte, dass er zu den besten deutschen Schriftstellern zählt, mit diesem Roman wäre es bewiesen.

 
Leser-Kommentare
  1. Naja, der Orient ist jetzt Teil des deutschen Abendlands...Ist denn die "Geliebte" auch "Schamtuchtraegerin"?

    • smoha
    • 16.03.2008 um 11:32 Uhr

    Offensichtlich haben Sie nicht begriffen, dass sich der Orient nicht nur auf Kopftücher bzw. Schamtücher reduziert (auch wenn es leider manchmal den Anschein hat), erstrecht nicht der Orient, der im Westen angekommen ist.Wissen Sie welcher Film letztes Jahr als deutscher Film für den Oskar ins Rennen ging? „Auf der anderen Seite“ von Fatih Akin.Will heißen: gewöhnen Sie sich an unsere (Deutsche mit orientalischen Migrationshintergrund) Präsenz in der deutschen Gesellschaft und lassen Sie die kindischen Bemerkungen! Helfen Sie lieber mit die Kinder mit orientalischen Migrationshintergrund, die noch nicht im Wesen angekommen sind, auf unsere Seite zu holen.

  2. 3. @smoha

    Meine Bemerkung "etwas phantastische Handlung" bezog sich nicht auf die Deutschen oder deutschen Kuenstler mit Migrationshintergrund. Mir scheint die ganze Geschichte etwas inszeniert. Weiter nichts. Der Ausdruck "Schamtuchtraegerin" wurde uebrigens von Zaimoglu gepraegt. Ich habe mir nur erlaubt, ihn zu zitieren. Ich wuesste nicht, was an meiner Kritik "kindisch" sein sollte.Gewoehnen Sie sich als Deutsche mit Migrationshintergrund auch daran, schon einmal ein bisschen ironisch angegangen zu werden. Zaimoglu wird diese Kritik sicher wenig stoeren.Ich halte die Geschichte also fuer reichlich inszeniert, kenne das Buch - wie ich selbstkritisch anmerken moechte - allerdings nicht. (Ich werde es aber auch nicht kaufen. Die grauenvollen Zitate von Herrn Greiner haben mir gereicht.)HerzlichstIhr Wittine-Mancunian 

    • smoha
    • 16.03.2008 um 22:28 Uhr

    Lieber Herr Wittine-Mancunian,ich habe Ihre Bemerkung dahingehen verstanden, dass in einem Buch, das von einem türkischstämmigen Autor geschrieben worden ist, die Hauptdarstellerin ein Kopftuch tragen muss. Sollte ich mit meiner Interpretation Ihrer Bemerkung falsch liegen, dann entschuldige ich mich für meine Bemerkung #2.Vielleicht bin ich durch die Debatte um den Artikel „Wir wollen hier rein!“ - http://www.zeit.de/2008/1... etwas zu sensibel geworden.Viele Grüße

  3. 5. @smoha

    Ich möchte daran erinnern, daß es Herr Zaimoglu war, der die Anwesenheit einer Schamtuchträgerin auf der "Islamkonferenz", zu der er eingeladen war, einforderte.....offensichtlich repräsentieren nur solche "wahre" Orientalinnen, bzw. Musliminen in seinen Augen...im übrigen ödet ich Literatur von orientalischen Männern an, die europäischen Frauen hinterherspeicheln, ihre innere Gleichgültigkeit (um nicht zu sagen: Verachtung) diesen gegenüber aber auf Dauer nicht verhehlen können.... im Zweifel optieren sie dann doch für die Schamtuchträgerinnen...

    • roxy
    • 29.03.2008 um 15:03 Uhr

    Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie Kommentatoren anlässlich einer Buchbesprechung völlig vom Thema abkommen und kulturkämpferische Reflexe aktivieren müssen. Mich hat die Rezension neugierig gemacht, sowohl auf den Roman als auch den Autor.

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