Die Briten sind eine große Popnation, und sie wetten gern. Am schönsten wird es immer dann, wenn sich beides kombinieren lässt. Und so fiebert die britische Presse seit Anfang des Jahres dem großen Showdown entgegen. Wer wird das Rennen um die Chartspitze gewinnen: Adele oder Duffy? Der Siegerin winken mehr als ein paar Plattenverkäufe. Zu vergeben ist der Titel der Queen of Brit-Soul: Gesucht wird die neue Amy Winehouse.

Zunächst schien Adele Laurie Blue Adkins die Nasenspitze vorn zu haben, bekannt unter dem Namen Adele. Schon bevor sie auch nur die erste Single veröffentlicht hatte, bekam die 19-Jährige aus dem rauen Süden Londons den neuen Kritikerpreis der Brit Awards , der Newcomer noch vor ihrem Plattendebüt auszeichnet. Und bei einer Umfrage unter britischen Popkritikern zum »Sound of 2008« landete Adele auf Platz eins . Direkt gefolgt allerdings von der 23-jährigen Amy Ann Duffy, einer blonden Exkellnerin aus Wales, die sich in ihrer Rolle als Souldiva schlicht Duffy nennt. Deren Plattenfirma Universal entfachte für sie eine Promotionkampagne, die genervte Kommentatoren in ihrer Penetranz an Viagra-Werbung erinnerte. Am Ende standen erst Adeles Single Chasing Pavements, dann Duffys Single Mercy auf Platz eins der Single-Charts, und bestimmt hätte Duffys Longplayer Rockferry Adeles Platte 19 auf Platz eins der Album-Charts direkt abgelöst – wenn sich nicht im März das Original wieder an die Spitze gesetzt hätte: Amy Winehouse mit der Deluxe-Edition ihres Erfolgsalbums Back to Black .

Nun sind solche marketingbefeuerten Wettrennen ein netter Zeitvertreib für Musikfans mit Sportsgeist. Viel bemerkenswerter ist, dass hier plötzlich drei Soul-Ladys für die Zukunft des Pop einstehen. Fort mit den grellen Neonfarben des Nu Rave, fort mit Elektropop und Gitarrenlärm: Man will es warm haben, gefühlig und bombastisch. Und man will das alles mit Gesang im Zentrum, dem archaischsten aller Instrumente. In Zeiten der großen MySpace-Unübersichtlichkeit wird die Stimme wieder zur ausschlaggebenden Kategorie. Der Mythos von Authentizität ist zurück – manchmal als versponnene Innerlichkeit im Singer-Songwriter-Format, und jetzt eben auch mit dem extrovertierten Pathos des Soul. Für das passende Retroklangbett bedient sich der neue britische Soul beim Motown-Sound, der in den sechziger Jahren die schwarze Musik in die weißen Mainstream-Charts brachte. Und wenn es sein muss, baut er Klangwände wie einst der legendäre amerikanische Girl-Group-Produzent Phil Spector. Am interessantesten ist er aber immer dann, wenn die Soundästhetik der Gegenwart in das rückwärtsgewandte Schwelgen hineinragt wie in einer geschickten Camouflage.

Gefragt ist eine aktuelle Verkörperung des Mädchens von nebenan

Hören kann man das zum Beispiel in Duffys Hit Mercy, der auch in Deutschland bereits regelmäßig aus den Radios dringt. Die Basslinie schneidet zwei Takte aus Sam Cookes Stand By Me heraus, gibt ihnen Tempo und einen metallischen Dub-Hall und wiederholt sie im Loop. Auf diesem cool technisierten Fundament macht sich ein Keyboard-Fragment aus dem Sechziger-Jahre-Klassiker Mercy Mercy Mercy von Joe Zawinul breit, bevor Duffy mit ihrer Dusty-Springfield-Stimme ihr Liebesleid heraussingen darf: allerdings nicht, ohne zwischendurch einen aufgebrachten Rap nach dem Vorbild ihrer schwarzen R-’n’-B-Schwestern aus Übersee anzudeuten.

In der Mode nennt man solche modernisierten Originale vintage, im Unterschied zum schäbigen secondhand. Und genauso funktioniert auch der spektakuläre Erfolg dieser weißen jungen Britinnen mit ihren frisch geschriebenen, auf alt gemachten schwarzen Songs: Sie sind – wenn es gut läuft – nicht schlicht Retrofutter für Traditionalisten, sie sind Vintage-Voices für die Gegenwart.

Dass die britische Musikindustrie überhaupt eine ganze Reihe dieser Mädchen in das Rennen um die Weltkarriere schicken kann, könnte eine erste Frucht der in den letzten Jahren heftig professionalisierten Popausbildung in Großbritannien sein. Adele, Kind einer Teenage-Mom aus Tottenham, hat den R ’n’ B von ihren größtenteils farbigen Klassenkameraden gelernt, in ihrem Kinderzimmer probte sie erst Spice-Girls-Songs und hörte später Ella Fitzgerald und Etta James. Ihren Schliff aber bekam sie in der Brit School für Darstellende Künste in Croyden, die auch Katie Melua, Kate Nash und Leona Lewis besuchten – und Amy Winehouse. Wer hier gelernt hat, kann Songs schreiben, kann souverän performen und muss glücklicherweise dabei nicht aussehen wie ein Klon aus einer Casting-Show. Adele zumindest, die unspektakuläre Brünette mit der Ponyfrisur, steht zu ihrer für die Branche geradezu spektakulären Molligkeit: Solange ihr Gewicht weder ihre Gesundheit noch ihr Sexualleben beeinträchtige, habe sie damit kein Problem, sagte sie selbstbewusst der Times. ...oder ist Duffy, 22, aus dem rauen Wales die neue Soul-Königin? BILD