Gibt es eigentlich die früher so genannte gute Stube noch? Und wenn es sie gibt: Sitzen die Menschen dann vor ihren zwei oder mehr Lautsprechern oder unter ihren Kopfhörern darin und rühren sich eine Stunde lang nicht beim Hören? Eher nicht – oder immer seltener. Die Welt ist in Bewegung, und wir sind es mit ihr, also müssen auch die Schumann-Lieder mit und raus, und unterwegs wird sich herausstellen, was sie wert sind: im Auto, in der S-Bahn und unten am Ufer (der Isar), mitten im Leben.

Seltsam dann, ja fast gespenstisch, dass sobald Christian Gerhaher zu singen angefangen hat und Gerold Huber ihn begleitet, die wirkliche Welt, wie sie sich wichtig nimmt, Stück für Stück hinter die hohe Kunst dieser Aufnahme zurücktritt. Man selber lässt, was gerade angelegentlich zu tun wäre, und wird ganz still: fährt also an den Straßenrand, sitzt einfach nur da und hört zu. Verzaubert. Verpasst die Station, an der man eigentlich hätte aussteigen müssen. Bleibt am Fluss viel länger als ursprünglich gewollt. Abends in der Küche geht dreimal hintereinander die Tür auf, und es fragen Frau, Tochter und Sohn, wer denn da wohl singe? So schön. Ja, so schön!

Christian Gerhaher, der mittlerweile knapp vierzigjährige promovierte Mediziner (Methodische und klinische Ergebnisse diagnostischer und therapeutischer Handgelenksspiegelungen) und Professor für Gesang an der Münchner Musikhochschule, hat schon mit der Schubertschen Winterreise und der Schönen Müllerin mehr als aufhorchen lassen. Dass ihn der Stimmenkenner und Frankfurter Operndirektor Bernd Loebe zuerst mit der Rolle des Orfeo und dann mit dem Wolfram im Tannhäuser betraute, war nicht weiter verwunderlich, Gerhahers baritonales Spektrum ist enorm. Und schließlich: Wer an die von Riccardo Muti dirigierte Produktion der Zauberflöte bei den Salzburger Festspielen vor zwei Jahren denkt, erinnert sich an fast nichts, wohl aber an Gerhahers Papageno, der seinem aufoktroyierten Gaudiburschentum einen enormen stimmlichen Ernst entgegensetzte, so viel innerer Klugheit war die Figur gar nicht gewachsen.

Wie aufregend eigenwillig Gerhaher ist, erweist sich auch jetzt wieder, wenn er mit seinem Klavierpartner aus Studientagen, Gerold Huber (beide gehörten der Klasse von Helmut Deutsch an), Robert Schumanns Liederkreis op. 39 ein Lied auf ein Gedicht von Emmanuel Geibel voranstellt: Melancholie (op. 74/6) stammt aus dem Zyklus Spanisches Liederspiel, gibt der CD ihren Namen, führt aber erst einmal als spätes, stark rhythmisiertes Schumann-Lied in eine andere Richtung als in die Stille, nämlich aufs Drama zu – Schumann konnte ja auch sehr theatralisch werden. Gerhaher zehrt von der Fallhöhe, die sich naturgemäß ergeben muss, wenn er hernach In der Fremde anstimmt, und zielt auch sofort auf ein großes Gleichmaß in der Interpretation. Es ist aber keine Monotonie, die sich breit macht. Es ist vielmehr so, dass die beiden Eichendorffs Worte und Schumanns Musik in einen Bereich überführen, in dem der Liederkreis noch nicht gewesen ist: Das Werk verlässt – bei aller Kunstfertigkeit – den Schutzraum des Artifiziellen; das Lied wird durch und durch natürlich, die Interpretation wirkt, als orientiere sie sich maßgeblich an Van Morrisons Forderung, die wiederum dessen neuer CD den Namen gibt: Keep it simple! Alle möglichen Manierismen sind getilgt, alles rein Deklamatorische wird zu Makulatur erklärt. Indem Gerhaher gewissermaßen den Frack auszieht, die Fliege ablegt und den angestammten Platz des Liedersängers vor dem Flügel verlässt, um sich im freien Raum, im Hier und Jetzt und Damals zu bewegen, tut er sich und dem Genre einen unschätzbaren Gefallen. Wer die Mondnacht hört, begreift, warum. Das Lied ist endlich erlöst von seiner Überfrachtung, denn es heißt nicht länger »Romantik, ja du bist’s!« in der Gestaltung. Gerhahers heilig nüchterner und fast meditativer Ansatz macht aus der Behauptung eher eine Frage: Romantik, was ist das? Selbst wo er vergleichsweise machtvoll auftrumpfen könnte wie in Auf einer Burg, ist er an affektiver Aufladung der Geschichte nicht interessiert. Ohne je larmoyant zu werden, entwirft Gerhaher stattdessen eine psychoanalytische Studie: So schaut Einsamkeit aus – und so klingt sie. Was dann noch folgt, Schumann-Lieder auf die wie immer sehr doppelbödigen Texte von Christian Andersen wie auch Kompositionen nach Gedichten von Robert Reinick und Goethe, ist dem traditionellen Duktus nicht immer ganz zu entreißen. Aber eine Großtat reicht ja auch. Man kann Christian Gerhaher fortan mit Dietrich Fischer-Dieskau ohne Weiteres in einem Atemzug nennen.

Christian Gerhaher singt Robert Schumann. Gerold Huber, Klavier (RCA/SonyBMG 8869 71681 172)

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