JazzrockAufdrehen bis zum Anschlag

Es kommt wieder zusammen, was einmal zusammengehörte: Jazz und schwerer Rock. Die Gruppen Panzerballett und The Einmarsch singen ein Lied davon. von Stefan Hentz

Hoppla. Ein hart geschnittenes Gitarrenriff, zackig gespielt, jede Menge Verzerrung und rostige Sägezähne fräsen sich durch einen Wall aus Rockrhythmen und bollerigem E-Bass, bevor die Musik schließlich in einem Feedback verklingt. Und dann geht’s von vorn los. Richtig harter Rock ist so, manchmal. Stoische Ostinati, gerade Rhythmen, ein knalliger Schlag auf die Snare sorgt dafür, dass niemand aus der Reihe tanzt. Doch plötzlich ein Bruch – ein hochvirtuoses Jazzsolo, das mit Rock nur noch den dichten, verzerrten Klang gemein hat. Und die Lautstärke. Das ist die Nachricht: Jazz ist laut und rotzig.

Nach Jahren, in denen Jazzmusiker entweder mit der Stille um die Schönheit wetteiferten oder mit möglichst werkgetreuen Reproduktionen der Jazzgeschichte aufwarteten, ist es nun wieder erlaubt, die Lautstärkeregler bis zum Anschlag hochzuziehen und sich an der kinetischen Energie zu erfreuen, mit der sich die Musik plötzlich auflädt. Dies war lange verpönt, abgeschoben in Reservate an der Grenze zum Heavy Metal, wo vorzeigbares Muskelwerk und grobes Handwerk zur Grundausstattung gehören. Nun aber steigt in München und Berlin, in New York und Kopenhagen eine neue Generation von Musikern auf die Bühne, schert sich nicht um den Common Sense der Altvorderen und lässt zusammenwachsen, was immer beliebt: Jazz und Heavy Metal, Jazz und Rock, Jazz und Lautstärke.

Paradebeispiel für diese neue Welle ist die Münchner Gruppe Panzerballett, ein Quintett um den Gitarristen Jan Zehrfeld, dessen Album Starke Stücke die neue Jazzlust auf den Punkt bringt. Panzerballett hat alles, was man braucht: zwei Gitarren, ein Saxofon, Bass, Schlagzeug. Dazu einen Namen, der Aufsehen erregt, so geistreich und provokant wie Rammstein. Doch Zehrfeld und seine Kumpanen sind reichlich begabte Provokateure. Ihre eigenen Stücke flankieren sie mit einer Reihe von Hardrock-, Jazz- und Entertainment-Gassenhauern, die sie mit der tadellosen Technik an deutschen Hochschulen ausgebildeter Musiker so vorbehaltlos zerschreddern und neu zusammensetzen, dass Wiedererkennungseffekt und Staunen sich die Waage halten. Deep Purples Hymne Smoke On The Water mutiert hier zu einem nachdenklichen Besinnungsstück, und das trotzige Paranoid von Black Sabbath wächst als zartes Ballädchen zu ungeahnter Blüte. Henry Mancinis Pink Panther dagegen oder Joe Zawinuls Birdland geraten in ein Mahlwerk aus verzerrten Sounds und brachialem Backbeat, das ihnen die ironische Freundlichkeit so sicher austreibt wie den süffigen Kitsch.

Doch Panzerballett stehen mit ihrem sound of surprise nicht allein. Brüder im Geiste finden sich allerorten. In Kopenhagen zum Beispiel agiert eine Band mit dem Projektnamen The Einmarsch. Die musikalische Provokation bedarf offenbar des verbalen historischen Tabubruchs. Doch wo die Münchner Band mit den Testosteron-Gesten der harten Rocker kokettiert, beziehen sich die Kollegen aus Kopenhagen stärker auf neuere Ströme der Popmusik. Sie entwickeln freundliche, elektronisch dominierte Klangbilder, die sie dann in lustvoller Improvisation zum Einsturz bringen. Auch hier ist es das Spiel mit dem Aufbau von Erwartungen und dem unweigerlich folgenden Bruch, das die Musik mit Energie und Spannung auflädt. Und auch hier hinterlässt die Musik das Gefühl, dass der pubertäre Drang zu verblüffen, deutlich stärker ist als die Botschaft.

Das Spiel mit den Schnittmengen zwischen Jazz, populärer Musik und anderen Stilen ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine der treibenden Kräfte der Jazzgeschichte. Und natürlich hatte auch die Rockmusik Wirkung auf den Jazz. Musiker wie Charles Lloyd oder Joachim Kühn können davon ein Lied singen. Miles Davis trat mit seiner Hinwendung zu elektrischer Lautstärke, elektronischen Klängen und rockenden Rhythmen eine Lawine los . Doch während Panzerballett und Co. heute auf bekannte Soundformate zurückgreifen und als alerte Alleskönner zwischen den Stilen springen, setzte Davis in seinen Gruppen der siebziger Jahre darauf, seine Musiker auf Wege zu schicken, die noch nicht begangen waren. In endlos mäandernden Studiosessions entstanden Klänge mit loser Bindung an die Schwerkraft und entfesselte Improvisationen über statischen Rhythmen. Im Umfeld der New Yorker Avantgarde hatten musikalisch polyglotte Musiker wie John Zorn, Bill Laswell oder die Black Rock Coalition schon vor 20 Jahren an einem ähnlichen Punkt gearbeitet wie heute das Trio free form funky freqs, in dem zwei frühere Mitstreiter Ornette Colemans ihre Sensibilität mit einem der Gründer der Black Rock Coalition kreuzen. Knallig geht es hier zur Sache, keiner steckt zurück, und von diffizilen Stimmungstötern und Breaks findet sich hier keine Spur.

Irgendwo zwischen den Polen Panzerballett und Freiformfunk operiert auch der in Helsinki geborene Berliner Gitarrist Kalle Kalima mit seinen verschiedenen Gruppen. Seinem Trio Klima Kalima wurde kürzlich in Mannheim der Neue Deutsche Jazzpreis verliehen. Auch Kalima spielt gern mit dreckigen Straßenkötersounds und führt allerlei Versatzstücke aus der Trickkiste des harten Rock im Repertoire, doch während Panzerballett das komplette elektrische Baumarktprogramm auffahren, sägt Kalima lieber im Kleinen. Rock ist in seinen Stücken nur eine Inspirationsquelle unter vielen, und alle sind sie deutlich zu identifizieren: östliche Folklore, Swing, Polkarhythmen, minimalistische und expressionistische Gesten. Auch hier ergeben sich verblüffende Effekte, witzige harte Kontraste und schräge Kombinationen, doch Kalima und sein Trio finden in den Bruchstellen der Kompositionen hinreichend Luft, um die Musik atmen zu lassen.

Vielleicht liegt die Offenheit an der Berliner Luft, denn vor einigen Jahren hat ein weiteres Berliner Trio die Blaupause für diese Form von improvisierter Musik jenseits der überlieferten Genregrenzen vorgelegt. Mit Wucht fegte da Der rote Bereich durch die Bestände zeitgenössischer Musik, bediente sich hier und dort, beim Rock und beim Kabarett, bei der Folklore und bei der Neuen Musik. Nur die typischen Rockgitarrensounds, die wollte der Gitarrist Frank Möbus seinem Instrument nicht zumuten. Es war nicht nötig: Die Musik der Band war laut und roh, verspielt, fetzig und mitreißend – sie hatte alles, was man sich von hartem Rock erhoffen darf. Womit Der rote Bereich den Beweis führte: Es ist nicht wichtig, welche Sounds man nutzt, sondern wie man mit ihnen spielt.

Panzerballett: Starke Stücke (ACT)
Der rote Bereich: Love Me Tender / Risky Business / Live in Montreux (ACT)
Klima Kalima: Chasing Yellow (Enja)
The Einmarsch: Howls! (ajabu/ mconnexion )
free form funky freqs: urban mythology volume 1 (Thirsty Ear/Rough Trade)


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    • Schlagworte Anschlag | Miles Davis | Musik | Jazz | John Zorn | Metal
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