Die Klassik-Platte Jenseits der Saiten

Dreimal erforschte Helmut Lachenmann die Grenzen des Streichquartetts. Das Arditti-Quartett spielt seine Werke mit atemberaubender Präzision.

Was ist ein Streichquartett? Zwei Violinen, Viola, Violoncello? Oder 16 Drähte, vier Holzkörper, Pferdeschweifhaare, Leim und Lack? Von der Antwort hängt viel ab. Helmut Lachenmann startete Ende der sechziger Jahre eine geradezu physikalische Klangforschung am Instrument. Warum immer nur mit dem Bogen von rechts nach links über die Saiten fiedeln, es geht doch auch auf- und abwärts; warum nicht mal mit richtig festen Andruck streichen – auch auf dem Steg und dem Saitenhalter. Und siehe: Die Materialien sangen und sprachen und raunten in ungeahnten Stimmen.

Lachenmanns erstes Streichquartett trägt den Titel Gran Torso (1971), ein Klangkörper, zu reich gegliedert, um ihn in allen Teilen auszuformen. Weggelassen hat er den satten, breiten Strich, das gute alte »belcanto« der Streicher, die Mitte allen Spieles. Abgetastet sind die Ränder, die des Instrumentes (jenseits der Saiten, im Wirbelkasten, am Corpusrand) und die des Klanges (zwischen feinstem Rauschen und schnarrend-knarrendem Druck). Im zweiten Quartett, Reigen seliger Geister (1989), sind die hauchend verwehten Klänge näher in den Blick genommen, die vielfach gestaffelten Flautandi, japsend, flötend, huschend, spukhaft. Aber ganz so esoterisch bleibt die Angelegenheit nicht, denn als Gegenpol und (um es etwas vergilbt auszudrücken) mit diesem dialektisch vermittelt, werden tanzende, prasselnde Pizzikati ins Feld geführt. Grido (2002), das dritte Quartett, ist geprägt von tonlich-klanglichem Volumen, ist runder, klassischer, orchestraler. Die klaren Tonhöhen dominieren, rasende Skalen und Arpeggien bestimmen das Spiel.

Das runderneuerte Arditti String Quartet, mit den Violinisten Irvine Arditti und Ashot Sarkissjan, Ralf Ehlers, Viola, und Lucas Fels, Violoncello, hat jede Form früherer raubauziger Pauschalität (die immer prickelnd energetisch, aber nicht immer klangfühlig werktreu war) abgelegt. Mit den drei Quartetten Lachenmanns, besonders aber mit Gran Torso, erreicht es eine atemberaubende Zartheit und Präzision, die aufnahmetechnisch exzellent eingefangen ist. Die Musiker vollziehen im Dreisprung der Quartette zugleich die Reise des Komponisten von den Rändern zum Zentrum, von den exterritorialen Streifzügen zum »Hara«, zur großen Kraft der Mitte.

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    • Quelle DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12
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    • Schlagworte Musik | Klassik | Avantgarde
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