Die Klassik-Platte Trotz und Trost
Die Sopranistin Christine Schäfer verbindet die Lieder Henry Purcells mit amerikanischer Avantgarde. "Apparition" ist ein Konzeptalbum über Liebe und Tod.
Ist es Trotz, mit dem uns Christine Schäfer hier so ernst entgegenblickt? Ist es Trost? Traurigkeit? Oder eine doch noch irgendwie mitfühlende Entrücktheit? – Stets haftet der Sopranistin der Reiz des ein wenig Rätselhaften an, in den Liedrollen und Opernpartien, die sie verkörpert, ebenso wie auf dem Titelfoto ihres neuen Albums Apparition, für das sie sich im Hochzeitskleid zwischen den riesigen Wirbelknochen eines Dinosaurierskeletts ablichten ließ.
Es ist ein Album über die Liebe und den Tod – ein Konzeptalbum, würde man sagen, wäre dieser Begriff in der werkfixierten Klassik gebräuchlich –, und es vereint die Musik zweier Komponisten, die durch drei Jahrhunderte voneinander getrennt sind, in deren freier Rhythmik und beinahe improvisatorisch wirkenden Melodik sich aber auch zahlreiche Gemeinsamkeiten aufspüren lassen.
Zwischen einigen elektronisch verfremdet vorgetragenen Shakespeare-Sonetten singt Christine Schäfer mit elysisch reiner Stimme Lieder des englischen Barockkomponisten Henry Purcell und des amerikanischen Avantgardisten George Crumb (geboren 1929). Eric Schneider begleitet sie am modernen Klavier und schafft so die stilistische Verbindung zwischen den Welten des 17. und des 20. Jahrhunderts. Schäfer und Schneider erzählen die Geschichte einer Liebe, an deren Beginn die Musik steht: »Music for a while / Shall all your cares beguile« (»Musik für eine Weile / soll all euren Kummer vertreiben«).
Von einer Hochzeit ist die Rede, aber auch von Eifersucht und vom Verlassenwerden, ehe die Dramaturgie in George Crumbs titelgebendem Apparition für Sopran und verstärktes Klavier aus dem Jahr 1979 mündet: eine Vertonung von Ausschnitten aus Walt Whitmans großem Zyklus When Lilacs Last In The Dooryard Bloom’d, der 1865 als Klagegesang auf den Mord an Abraham Lincoln entstand. Voller bildmächtiger Metaphern zur Todeserfahrung sind diese Texte, die das Sterben gleichwohl nicht als Ende allen Seins darstellen, sondern immer auch als Anfang in einem ewigen Kreislauf des Lebens. Distanziert, aber doch empathisch singt Schäfer diese Lieder. Und in ihrem magisch rätselhaften Sopran liegt sowohl Trotz als auch Trost.
Christine Schäfer singt Lieder von Henry Purcell und George Crumb, Eric Schneider, Klavier (Onyx 4021)
- Datum 20.04.2008 - 06:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.03.2008 Nr. 12
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