An mangelndem Selbstbewusstsein litt die Dame nicht. »Wenn Sie sich nicht belehren lassen wollen, spielen Sie Bach weiter auf Ihre Weise. Ich jedenfalls spiele ihn auf seine Weise.« Ob Wanda Landowska tatsächlich mit diesen Worten ein Gespräch über die richtigen Verzierungen bei Johann Sebastian Bach abgebrochen hat, ist umstritten. Aber eine Überzeugungstäterin war die große polnische Cembalistin auf jeden Fall – wenn auch eine, die Bach ziemlich sicher nicht »auf seine Weise« spielte. Den hätten die Ritardandi und Rubati, manche Verzierung, wohl auch einige Registerwechsel, die ihr monströses Pleyel-Cembalo ermöglichte, bestimmt überrascht. Und doch hat Wanda Landowska mehr für die Entwicklung eines historisch informierten Musikverständnisses getan als nahezu jeder andere Interpret in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist durchaus vorstellbar, dass ohne sie Bob van Asperen, Gustav Leonhardt und all die anderen berühmten Experten für historische Tasteninstrumente heute nicht wären, was sie sind.

Wanda Landowska begann als Pianistin, in bester romantischer Tradition – wie auch anders in einer Musikwelt, in der ein Cembalo als museumsreife Drahtkommode galt. Ihr Lehrer Aleksander Michalowski unterrichtete einige der ganz großen Pianisten der Zeit, darunter Vladimir Sofronitzky und Mischa Levitzki. Auch Landowska muss eine wunderbare Chopin-Interpretin gewesen sein, und ihre Mozart-Aufnahmen, etwa des 1937 in London produzierten Krönungskonzerts, sind Dokumente eines luziden, angenehm trocken artikulierten Klavierspiels. Frisch, flüssig und völlig unsentimental phrasierte sie, und allein die traumverloren und berührend gespielte d-Moll-Fantasie KV 397 genügt als Beleg dafür, dass sie eine große Mozart-Interpretin war.

1900 war Landowska nach Paris gekommen, eine 23-jährige Pianistin, die sich weniger für virtuosen Tastendonner als für die Feinzeichnung bei Bach, Rameau und Couperin begeisterte. Angesichts ihrer Liebe zu den französischen Clavecinisten wirkt der Griff zum Cembalo im Rückblick nahe liegend und konsequent. Tatsächlich aber galt ein Instrument, das die Pariser Klavierfirma Pleyel 1889 anlässlich der Weltausstellung gebaut hatte, in der damaligen Pianistenszene als Kuriosum. Doch Landowska ließ sich nicht beirren, reiste durch europäische Museen, im Schlepptau einen Pleyel-Techniker, der zahlreiche alte Cembali vermessen musste.

Das Instrument, das sie dann 1912 auf dem Bachfest in Breslau als Ergebnis dieser Forschungen präsentierte, maß gut zwei Meter Länge, hatte einen massiven gusseisernen Rahmen, Saiten, die unter hoher Spannung standen, sechs kombinierbare Register, darunter ein schwerer 16-Fuß – mit diesem Gerät ließ sich einiger Lärm erzeugen. Und so ist es – allen intensiven Quellenstudien Landowskas zum Trotz – historisch sicher nicht korrekt, wenn sie mit metallischem Glitzern durch Bachs Chromatische Fantasie fegt oder mit orgelndem Bass durch die Passacaglia von Händels g-Moll-Suite rauscht. Die Wirkung allerdings war grandios. Man versteht durchaus, weshalb sich die Cembalistin von diesem Instrument nie mehr trennen mochte. Als die polnische Jüdin Ende 1941 unter abenteuerlichen Umständen und dem Verlust ihres gesamten Besitzes vor den Nazis nach Amerika floh, war ihr Pleyel mehr oder weniger das Einzige, was sie retten konnte.

Stilreines Musizieren, das klang für Wanda Landowska nur zu oft nach »fader und gewundener Gleichgültigkeit«. Die wird man ihr selbst zuallerletzt vorwerfen. Allein anhand ihrer Aufnahmen lässt sich mühelos nachvollziehen, weshalb ihr Wohnsitz Saint-Leu-La-Forêt bei Paris, wo sie bis zum Einmarsch der Deutschen zehntausend Bücher und zahllose Noten hortete und einen eigenen Konzertsaal baute, zum Mekka höchst unterschiedlicher Musiker wurde. Poulenc und de Falla lagen ihr gleichermaßen zu Füßen und schrieben Konzerte für sie. Der große Pianist Alfred Cortot musizierte mit ihr und schickte seine Schüler. Ihr Cembalo-Unikum mag im heutigen Musikleben so nicht mehr vorstellbar und Landowskas Spielweise in vielen Details überholt sein. Doch die Faszinationskraft ihrer Aufnahmen ist ungebrochen. Das gilt für die 64 zwischen 1928 und 1940 in Europa entstandenen und jetzt wieder veröffentlichten Aufnahmen mit Musik von Bach, Händel, Scarlatti, Rameau, Haydn, Mozart und einigen anderen in noch stärkerem Maße als für die späteren, zwar bekannteren, aber alles in allem weniger frisch und spontan wirkenden New Yorker Produktionen.

1934 ließ sie Scarlattis Sonaten wie kleine Geschmeide funkeln. Über Bachs Goldberg-Variationen – im Mai 1933 lud Landowska zur »ersten vollständigen Darbietung in diesem Jahrhundert« und produzierte sie noch im selben Jahr – spannt sie einen schier endlosen Bogen. Und gerade die unscheinbaren Miniaturen von Byrd, Daquin oder Couperin entdeckt sie als mal höchst virtuose, mal berührende Kabinettstücke. Die klangtechnische Qualität ist übrigens in den meisten Fällen verblüffend gut, was wohl nicht nur dem ausgezeichneten remastering zu danken ist. Auch diesbezüglich scheint der Pleyel-Riese unverwüstlich gewesen zu sein.

Wanda Landowska, die 1959 im Alter von 80 Jahren in Lakeville starb, bleibt die Pionierin des modernen Cembalospiels, auch wenn sie Bachs Musik mehr auf ihre, als auf seine Weise gespielt hat.

Hier finden Sie unsere gesammelten Klassik-Besprechungen »

Plattenrezensionen, Künstlerportraits, Bildergalerien und unser Festivalblog gibt's auf zeit.de/musik »

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier , und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.