Wien, Wien, nur du allein! Bei diesem Bonmot fühlen sich seit Menschengedenken die Wiener Philharmoniker und die von ihnen bespielte Staatsoper angesprochen. Sie scheinen alle Strahlkraft der Musikstadt zu absorbieren. Wien – das sind die Philharmoniker, denkt man. Ganz Wien? Nein, in der Argentinierstraße, dem ORF-Sitz im 4. Bezirk, befindet sich ein Widerstandsnest, eine rätselhafte Enklave, in der die heile Welt der Tradition von einem pfiffigen Gallier aufgekratzt wird. Der Dirigent Bertrand de Billy, 1965 in Paris geboren, ist tatsächlich eine Art moderner Asterix. An seiner Seite steht eine Hundertschaft, mit deren Wucht de Billy trefflich wuchern kann – es ist das Radio-Symphonieorchester Wien.

Das RSO war lange Jahre Wiens honoriges Mauerblümchen. Es stand für die Erledigung des Abseitigen und Abständigen, es spielte aufopferungsvoll und in Erfüllung des Programmauftrags Werke der Moderne und drang vor allem ans Ohr von Fachleuten, aber nicht recht durch in der Welt. Chefdirigenten kamen und gingen, Dennis Russell Davies war einer der bekannteren, aber Eindruck hinterließen sie allesamt nicht in dem Maße, dass das RSO Wien von Existenzfragen verschont geblieben wäre. Es gab Zeiten, in denen das Orchester tatsächlich auf der Kippe stand, beinahe wäre es abgewickelt worden. Bis Bertrand de Billy kam und die Qualitäten des Orchesters hörte.

Der Mann, der in Paris studiert, das Kapellmeisterfach in Deutschland (in Dessau) gelernt hat und seit den neunziger Jahren auf den großen Bühnen der Welt zu Gast ist (in Covent Garden, an der Met, dann auch an der Wiener Staatsoper) kannte sich aus mit Preziosen aus dem Separatkatalog des Repertoires. Sie ebneten seinen Weg. De Billy führte Massenets Maria Magdalena auf, kümmerte sich um Erwin Schulhoffs Flammen, beschritt das Tiefland von Eugen d’Albert. Die Kritiken fielen enthusiastisch aus, das lag nicht nur an der Programmwahl.

Als de Billy im Jahr 2002 die künstlerische Leitung des RSO Wien übernahm, wartete er mit einer ästhetischen Formel auf, die sich wie ein Umkehrschluss auf dirigentische Lehrsätze las: »Ein Orchester, das nicht eine ordentliche Mozart-Sinfonie spielen kann, ist auch nicht gut genug für eine Uraufführung.« Gemeinhin verlangen Dirigenten die Öffnung zur Avantgarde, um Berührungsängste zu überwinden. Bei de Billy war es umgekehrt: Er forderte klassische Kompetenz als Voraussetzung fürs 20. Jahrhundert. Das las sich originell, forsch und in seinem Fall nicht unproblematisch. Hatte dieser Franzose bislang nicht vor allem Opern dirigiert? War er nicht Chef des Opernorchesters vom Teatro del Liceu in Barcelona? War er sattelfest im sinfonischen Repertoire? Er wurde vorschnell als Fachmann abgestempelt – und wollte doch kein solcher sein. Der Imperativ einer ganzheitlichen Musikpflege, die bei den frühen Wurzeln beginnt, statt nur die späten Verästelungen zu pflegen, erwies sich als ingeniös, und das Orchester folgte ihm. Es reagierte ungemein wendig, diszipliniert und lernwillig. Wer täglich György Kurtág, Luciano Berio, Wolfgang Rihm, Henri Dutilleux, Iannis Xenakis oder Bernd Alois Zimmermann für Österreich einstudieren musste, war nun froh, daneben endlich auch Franz Schuberts C-Dur-Sinfonie musizieren zu dürfen. Oder Mozart: De Billy hätte die neue Zeit des ORF-Orchesters nicht eindrucksvoller einläuten können als mit der Aufnahme der drei Mozartschen Da-Ponte-Opern, für die de Billy lauter junge Sänger engagierte, die noch nicht Tag für Tag in Festspieljets saßen, sondern sich die Rollen aneigneten, als seien sie eigens für sie geschrieben worden.

Bei der Realisierung seiner Prinzipien steckt de Billy in keiner Schablone. Er ist weder alerter Polier eines sinfonischen Schönklangs noch dickbesockter, gutmütiger Winzer im Weinberg der historisierenden Aufführungspraxis. De Billy liebt es ebenso saftig wie ziseliert, vor allem besitzt er einen feinen Sinn für genau ausgeleuchteten Orchesterklang. Da mag sein angeborenes Gespür für lateinische Klarheit mitschwingen, das aufs Nebelhorn gern verzichtet. Kaum zu glauben, dass die vielleicht schönste jüngere Aufnahme von Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune ausgerechnet mit ihm und dem RSO Wien vollbracht wurde. Daneben kümmerte er sich um Berlioz, Wagner, Haydn oder um Beethovens Eroica, die es als CD mit allen lokalen Konkurrenten aufnehmen kann.

De Billy arbeitet gern mit kleinen, innovativen Labels; zunächst war es Arte Nova, jetzt ist es Oehms Classics. Dort findet er Bedingungen vor, die sich durch Offenheit, kurze Wege und eine Kompetenz auszeichnen, die anderswo im Dschungel des Marketings zugewuchert scheinen. De Billy weiß, dass er einstweilen mit Gewinn das exotische Terrain bearbeitet, doch sind die Leistungen im Stammrepertoire so enorm, dass es niemanden erstaunt, wenn Labelchef Dieter Oehms einen kompletten Beethoven-Zyklus mit de Billy und dem RSO Wien ankündigt. Gibt es nicht genug davon? Beim Wiener RSO hört man gern hin, weil das Musizieren so undogmatisch ist, weil es Nuancen auf ihre Notwendigkeit und Dringlichkeit befragt; weil überhaupt ein plebejischer Geist waltet. Kein Wunder, wenn der Dirigent Franzose ist. Demnächst kommt allerdings erst einmal ein vergessenes französisches Meisterwerk auf CD in die Läden: Paul Dukas’ Oper Ariane et Barbe-Bleue.

Bisweilen ist man geradezu verblüfft, wenn man sich in de Billys Diskografie umsieht. Da fehlen selbst größte Namen nicht, La Bohème hat er schon mit Netrebko und Villazón auf DVD eingespielt. Derzeit fesselt der Franzose, wie gesagt, mit Gershwin und Ravel. Er klingt genau, vital, jazzig, in zulässigem Maße reißerisch. Pascal Rogé am Klavier: famos. Es spricht der reine Geist der Sinfonik und des konzertanten Feuers. Und ein bisschen klingt es in seiner rhythmischen Lyrik sogar nach Mozart, wie gewünscht und wieso auch nicht.